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Homeschooling übers Radio

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Digitaler Austausch über Grenzen hinweg: Kafalo Sékongo bei seiner Rede © Leyendecker

Gießen. »Lernwege und Spurensuche über Grenzen hinweg. Entwicklungspolitische Ansätze in der Kommune«. So lautete der Titel der Fachkonferenz zwischen den beiden Partnern aus Gießen und Windhoek in Namibia. Die namibische Hauptstadt ist Teil eines neuen Projekts, an welchem auch Vertreter aus Lateinamerika teilnehmen.

Die Dezernentin für Bildung und Integration, Astrid Eibelshäuser, hatte das Projekt schon im vergangenen Jahr beworben, bei der diesjährigen Fachkonferenz sollten neben den Ergebnissen der Zusammenarbeit nochmal Sensibilisierungsthemen angesprochen werden. Themen, die im gesamtgesellschaftlichen Diskurs sowohl in Namibia wie auch in Deutschland relevant sind. Wie löste Namibia das Problem der pandemischen Lage auf schulischer Ebene? Wie funktionierte ein digitaler Austausch über mehrere tausend Kilometer hinweg und was wird künftig mit dem Projekt geschehen?

»Gerechtigkeits-, Klima- und Gesundheitsfragen lassen sich durch internationale Organisation und Kommunikation beantworten«, begann Eibelshäuser ihren Vortrag. Einer der Mittelpunkte der Agenda 2030, auf welche die Stadt seit Monaten hinarbeite, seien die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Eines dieser Aspekte ist der internationale Austausch mit dem »globalen Süden«, doch der war aufgrund der Pandemie erschwert worden. Das Dezernat reagierte und transferierte den Austausch in ein digitales Format. »Funktioniert interkultureller Austausch ohne Präsenz und nur digital? Der Onlineaustausch hat es möglich gemacht«, resümierte Eibelshäuser. Der Austausch mit Namibia galt als heikel, da die Zusammenarbeit und Entwicklung meist mit dem Blick der Kolonisation betrachtet wurde. »Die Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte ist auch eine Frage von Kunstraub und Genozid«, so die Dezernentin.

Zunächst standen jedoch die Ebenen und Vorteile internationaler Lernprozesse im Vordergrund. Redner Kafalo Sékongo referierte über seine Erfahrungen bezüglich Vorurteile und Möglichkeiten des interkulturellen Austauschs. Sékongo stammt von der Elfenbeinküste und hatte dort Germanistik studiert. Später lehrte er Deutsch als Fremdsprache, ist seit 2010 in Deutschland und arbeitet in Reutlingen. »Corona bedeutet nicht das Ende von Austausch auf internationaler Ebene«, bekräftigte Sékongo. Der Austausch mit dem globalen Süden war lange Zeit von negativen Komponenten geprägt. »Der Austausch mit dem globalen Süden war etwas Besonderes. Aber es waren eher Patenschaften statt Partnerschaften«. Mit der Zeit hatte sich das jedoch gewandelt, durch die neuen Medien sind neue Formen von Austausch und Kommunikation möglich, beide Seiten profitieren inzwischen vom Austausch. »Austausch und Partnerschaften sind wichtig für globales Lernen, kritisches Denken und einen Perspektivwechsel«, so der Germanist. Von der Kreativität der Lehrer im globalen Süden, die oftmals über 50 Kinder gleichzeitig unterrichten müssten, könne die westliche Welt lernen. »In Afrika wurde Homeschooling teilweise per Radio gemacht. Homeschooling ist nicht gleich Homeschooling«. Die Erkenntnis, dass Armut kein Verhängnis sei, führe zu einer neuen Wahrnehmung der Betroffenen. »Die Teilnehmer haben mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede. Das führt zu einem Abbau von Klischees und Komplexen«, so Sékongo.

Ebenfalls berichteten die Teilnehmer über den Onlineaustausch zwischen Gießen und Windhoek, der von September 2020 bis Juli 2021 stattfand. Einer von ihnen war Nils Gaidies. Der Abiturient der Gesamtschule Gießen-Ost war als »group leader« eingesetzt, betonte aber, dass er sich selbst nicht als Leader fühlte. »Ich habe Meetings organisiert. Es wurde die Möglichkeit geboten, etwas zu machen. Die Umsetzung aber, die war der Gruppe überlassen«.

Ähnliches äußerte Teamerin Sabeth Bergauer. »Als Teamerin habe ich die Gruppe koordiniert und gemeinsam die Kommunikation mit den Teamern in Namibia aufrecht erhalten. Ich gab auch Input bei der Themenfindung«, so die Studentin. Eine Erwartungshaltung sei bei ihr nicht vorhanden gewesen, dennoch sei das Projekt anders geworden als sie es sich gedacht hatte. »Das Thema ist unglaublich breit bespielbar. Es hat das Selbstvertrauen bei allen Teilnehmern gefördert«, meinte Bergauer weiter. Naita Hishoono vom Namibia Institute of Democracy war die Leiterin des Projekts und zeigte sich dankbar über die Durchführung. »Namibia ist ein Wüstenstaat. Die Klimaerwärmung trifft uns stark. Das Projekt war gewinnbringend, auch wenn alles im Digitalem war«.

Das Feedback der Schüler auf beiden Seiten sei positiv gewesen, die Lernbereitschaft habe sich als enorm herauskristallisiert. Die Gießener Koordinatorin Janina Brendel zeigte sich erfreut über das Ergebnis des Projekts. »Am Anfang war es Chaos, dann wurde es strukturierter. Inzwischen geht das Projekt in die zweite Runde«. Sie selbst habe hinterher viele persönliche Nachrichten bekommen, die Nachfrage für den interkulturellen Austausch sei weiterhin hoch.

»Wir wollen mehr hybride Treffen schaffen und ich wünsche mir, dass das Projekt weitergeht«. Dem schloss sich auch Hishoono an. »Wir müssen die Partnerschaften weiter ausbauen und die deutsch-namibischen Beziehungen stärken«.

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