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Horst-Eberhard Richters Denken ist aktueller denn je

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Am heutigen Sonntag jährt sich zum zehnten Mal der Todestag von Gießens berühmtem Ehrenbürger Horst-Eberhard Richter. Zwei Experten erinnern an den Psychoanalytiker und Philosophen.

Gießen. Das Leben vieler Menschen lässt sich problemlos auf einem Bierdeckel zusammenfassen. Horst-Eberhards Richters Lebensspuren auf einer Zeitungsseite nachzuzeichnen, ist dagegen ein mehr als kühnes Unterfangen, das hier dennoch versucht werden soll, weil sich am morgígen Sonntag der Todestag des Gießener Ehrenbürgers zum zehnten Mal jährt.

Einzelkind, Richtkanonier, Deserteur, Kriegsgefangener, Ehemann, Vater, Psychoanalytiker, Psychosomatiker, Philosoph, Bestsellerautor, Sozialarbeiter und -reformer, Freund von Männern wie Willy Brandt und Michail Gorbatschow, Friedensnobelpreisträger mit den »Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges«, vor allem aber ebenso streitbarer und (zumindest im konservativen politischen Spektrum) umstrittene Leitfigur der deutschen Friedensbewegung. Das alles und noch viel mehr war Richter, der in anderthalb Jahren seinen hundertsten Geburtstag feiern würde.

Wir haben uns gemeinsam mit dem Gründer und Verleger des Psychosozial-Verlages, Prof. Hans-Jürgen Wirth, der langjähriger Mitarbeiter Richters war, und der Geschäftsführerin des Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie in Gießen, das seit 2017 den Namen Richters trägt, Diplom-Psychologin Marion Laufhütte, an Horst-Eberhard Richter erinnert.

Nicht neutral

»Richter hat streitbare Positionen vertreten, und für sein starkes politisches Engagement wurde er zu Lebzeiten auch aus den eigenen Reihen kritisiert«. Gegen die Umbenennung des von ihm maßgeblich mitgestalteten Instituts habe es auch Widerstände gegeben. In der klassischen Psychoanalyse solle sich der Therapeut um eine neutrale Haltung bemühen. Deshalb hätten einige Berufskollegen sein politisches Engagement auch kritisch gesehen.

»Aber das hat ihn ja als Persönlichkeit ausgezeichnet«, meint Laufhütte, »es ging Richter eben nicht nur um den individuellen persönlichen Seelenfrieden seiner Patienten, es ging ihm um den Weltfrieden. Das muss gemeinsam betrachtet werden. Sein Schwerpunkt war die politische Arbeit.« Laufhütte sieht da in der Rückschau auch eine gewisse Arbeitsteilung »Richter war vom Institut delegiert, in die Öffentlichkeit zu gehen, während andere die Patienten behandelt und die Lehre vorangebracht haben.«

Düsterer Warnruf

Lässt man die Themen Revue passieren, die Horst-Eberhard Richter um- und angetrieben haben, dann zeigt sich, wie frappierend aktuell das Denken des Mannes ist, dessen Popularität in den 1980er Jahren ihren Höhepunkt erreichte, Die scheinbar nicht aufzuhaltende langsame Zerstörung der Biosphäre unseres Planeten und die - auch heute noch - jederzeit mögliche sofortige Auslöschung allen Lebens durch das von uns angehäufte Atomwaffenarsenal hat Richter immer wieder beschäftigt und ist Thema seines verstörendsten Buches »Alle redeten vom Frieden«. Indem entwirft er das Szenario einer Menschheit, die sich angesichts einer scheinbar nicht aufzuhaltenden Zerstörung aller Lebensgrundlagen freiwillig für den nuklearen Selbstmord entscheidet.

Das Buch sei aber keine Dystopie gewesen, betont Wirth und erinnert an dessen Untertitel »Versuch einer paradoxen Intervention«. Das sei eine Erziehungsmethode, bei der man Kinder durch scheinbare Verbote dazu bewegen will, gerade das zu tun, was sie bei einer freimütigen Erlaubnis eben nicht tun würden. Die atomare Bedrohung sei heute zwar nicht mehr so präsent, wie in den Achtzigern, aber sie sei immer noch da. Und die Menschheit habe auch die Klimakrise lange geleugnet, so wie sie die Kriegsgefahr geleugnet habe, sagt Wirth. Hat sich daran angesichts der aktuellen Debatten über den Kampf gegen den Klimawandel etwas geändert? Laufhütte ist skeptisch. »Wenn nur geredet wird, ist noch nichts getan. Im Gehirn wird das aber so abgespeichert, als hätte man bereits gehandelt.« Die demonstrative Begeisterung der Älteren für das Engagement der Jüngeren habe da auch den Charakter einer Ersatzhandlung. »Die Älteren delegieren das Problem an die Jüngeren, weil sie selbst nichts getan haben und entsorgen damit ihre eigenen Schuldgefühle.« Horst-Eberhard Richter aber wäre heute auf jeden Fall bei Fridays for Future«, da sind sich beide sicher.

In »Der Gotteskomplex«, einem seiner Hauptwerke und »eines der wirkungsmächtigsten Bücher in der alten Bundesrepublik«, warnt Richter vor der Hybris des Menschen, der nach seiner Befreiung von den Zwängen eines Gottesglaubens und berauscht von der eigenen Innovationskraft dessen Platz einnehme. Seine technischen Leistungen verführten den Menschen zu Grandiositäts- und Allmachtsfantasien, sagt Wirth. Laufhütte sieht diese Hybris selbst noch beim Kampf gegen den Klimawandel.

Kritiker der Hybris

Wenn beispielsweise behauptet werde, dass uns zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels und damit zur Vermeidung unumkehrbarer Klimaveränderungen gerade noch acht Jahre bleiben, dann »gibt das eine Präzision vor, die wir so gar nicht haben.«

Gilt das auch für den zweiten großen Kampf, den die Menschheit gerade mit den Waffen des technischen Fortschritts führt, nämlich den gegen das Corona-Virus? Soweit will Wirth nicht gehen, Laufhütte erinnert an einen anderen Titel Richters, »Lernziel Solidarität«. »Diese Solidarität würde er heute wohl auch in der Pandemie sehr stark einfordern. Wir können uns ja hier gar nicht von Corona freimachen, wenn das Virus in anderen Ländern ungehindert weiterwütet.

Bahnbrechend

Horst-Eberhard Richters politisches Engagement verstellt ein wenig den Blick auf seine Leistungen in seinem eigentlichen Beruf. »Er hat die Familien- und Paartherapie in Deutschland erfunden und damit die Psychoanalyse entscheidend weiterentwickelt, weg vom Individuum, lobt Wirth. Das sei damals umstritten gewesen, denn unser Gesundheitssystem kenne nur das Individuum, das versichert ist, heute aber seien Richters Thesen Grundlagenwissen.

Das werde auch bis heute gelehrt, weil das zentral wichtig ist, fügt Laufhütte hinzu. »Wir stehen bis heute in der Tradition von Richter in unserem Institut. Seit 2018 haben wir die Abteilung für Kinder- und Jugendlichentherapie. Das ist etwas Neues.«

Richter sei damals in seinen Therapiesitzungen aufgefallen, dass es seitens der Eltern Rollenzuschreibungen an die Kinder gebe. »Eltern haben selbst eine Störung, sind traumatisiert, und das wird transgenerational weitergegeben.« Kinder böten sich dafür auch an, weil sie sehr aufnahmefähig seien und sehr leicht den pathologischen Erwartungen entsprächen, die Eltern ihnen zuschrieben. »Kinder müssen wahnsinnig erfolgreich sein, weil die Eltern das nicht waren. Diese Konflikte hat Richter zum ersten Mal beschrieben und aufgedeckt«, sagt sie »Eltern, Kind und Neurose« , 1962 erschienen, habe genau in die Aufbruchsstimmung der 60er gepasst, ergänzt Wirth, als erstmals nach dem Krieg eine Generation sich mit den Verwerfungen ihrer Eltern auseinandersetzte.

Welche prägenden Erinnerungen hat Hans-Jürgen Wirth an den Mann, den er als Student am Eulenkopf kennengelernt und mit dem er lange zusammengearbeitet hat? »Er war kein Elfenbeinturmbewohner, aber eine Autoritätsfigur. Er war ein Chef, der einen selbstständig arbeiten ließ, der aber auch Leistung verlangte und Horst-Eberhard Richter war extrem großzügig«, meint der Verleger. Richter habe ihm viele tolle Möglichkeiten eröffnet, etwa einen Austausch mit russischen Psychologen noch vor dem Mauerfall. Es sei aber auch vorgekommen, dass man von ihm zu einem Vortrag geschickt wurde, weil er selbst keine Lust hatte, diesen zu halten. »Das hat das Lampenfieber nicht gerade gesenkt, wenn man in die enttäuschten Gesichter im Saal blickte, die sich auf Richter gefreut hatten und nun mit dem Studenten vorliebnehmen mussten.«

Und dann wäre ja noch das vielbeschworene Charisma, das ihm immer wieder zugeschrieben wurde. »Richter konnte Leute faszinieren und für sich einnehmen und er hat gewusst, dass er das konnte«, bejaht Wirth. »Eitelkeit war ihm nicht fremd, wenn man wirklich eine Schwäche bei ihm finden will. Er hatte aber auch allen Grund stolz auf sich zu sein.

Horst-Eberhard Richter war der erste Inhaber eines Lehrstuhls für psychosomatische Medizin in der Bundesrepublik, obwohl seine Habilitationsschrift abgelehnt worden war. »Als Buch veröffentlicht wurde sie dennoch zum Bestseller. »Er ist nicht die Karriereleiter hochgekrabbelt, sondern hat gleich ganz oben angefangen«, meint Wirth.

Dankbarkeit bleibt

Auch habe er Wesentliches für die Psychiatrie geleistet. Durch seine Verbindungen, etwa zu Willy Brandt habe er das Ende der Psychiatrie als bloße Verwahranstalt mit schlimmsten Zuständen - auch in Gießen - beschleunigt. Angesichts all dessen fällt Laufhütte das Fazit leicht: Wir sind sehr stolz, dass wir dieses Institut haben, dass wir es weiterbetreiben können, und dass es Horst-Eberhard-Richter-Institut heißt.

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