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Hymne auf den Hackigel

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Begaben sich in Musiktherapie: die drei Damen von »Bittersüss«. © Czernek

Lich. Sie sind wieder da - und wie! Im Oktober 2020 verabschiedete sich das Quartett »Belle Mélange« im Kino Traumstern von seinem Publikum, um sich nach einer künstlerischen Metamorphose jetzt unter dem Namen »Bittersüss« als Trio mit Musikcomedy neu zu erfinden. Am Mittwoch- und Donnerstagabend präsentierten die drei Frauen die Doppelpremiere ihres komplett neuen Bühnenprogramms «Locker vom Hocker« im Traumstern und ernteten dafür begeisterten Applaus.

Eingebunden in eine herrlich schräge Bühnenstory um einen Esoterik-Workshop für derangierte Musikerinnen präsentierte das Frauentrio vor allem eigene Texte und Kompositionen. Und von Anfang an war klar: Das hatte nicht mehr viel mit der alten Formation zu tun. Die Bühne war heimelig mit Kissen, Klangschalen und vielen Instrumenten ausgestattet, die nur darauf warteten, bespielt zu werden. Gewandet in einer knallig-gelben Pumphose und mit einem Chakra-Zeichen auf der Stirn begrüßte Frontfrau Theresa Heinz alias Therapeutin Constanze Stark das Publikum in ihrem besonderen Musiktherapiezentrum.

An ihrer Seite die extrovertierte Klavierspielerin Vitalia Pucci, die sich im glitzergoldenen Kleid mondän gab. Doch wohin mit all der Bühnenleidenschaft, wenn man nicht auftreten kann? Und dann war da noch die schüchterne Polina Blüthgen mit ihren geliebten Querflöten, die sich gar nicht mehr traute, vor ein echtes Publikum zu treten. (»Hilfe! Da sind ja Menschen!«). Viel zu tun also für die Therapeutin. Und so werden Ängste, Träume und Wünsche musikalisch ausgebreitet. Meist witzig-ironisch, wie beim Lied über Pippi Langstrumpf, das mittlerweile in die Jahre gekommen ist und eine Midlife-Crisis hat. Hinzu kamen Vorschläge zum Thema Männer: »Wir backen uns einen Mann, und wenn er dumm ist, dann essen wir ihn auf.«.

Ironie und Ernst

Bei aller Ironie und vordergründigem Spaß schlichen sich auch ernste Töne in den Auftritt ein: Anrührend war das selbstgeschriebene Lied »Der Clown lacht nicht mehr«, der die Situation beschrieb, wie es ist, vor Menschen zu treten und sein Programm abzuspulen, obwohl es einem innerlich überhaupt nicht danach ist.

Im zweiten Teil des Programms wurde es dann rockig: Statt Pumphose und Glamourkleid steckte das Trio nun im Heavy-Metal-Outfit. Und sie konnten zeigen, wie breit sie stilistisch aufgestellt sind: Es gab temporeiche Klänge auf der Querflöte, ukrainisches Liedgut auf einem musikalischen Fuchsschwanz oder gar ein Glockenspiel auf entsprechend präparierten Bier- und Weinflaschen. Dem Ideenreichtum und der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Und natürlich durften die grandiosen Umtextungen bekannter Lieder nicht fehlen, mit denen die Musikerinnen schon in ihrer vorherigen Formation »Belle Mélange« das Publikum mitgerissen haben. Wer käme sonst schon auf die Idee, das Lied »Son of a preacherman« von Dusty Springfield in »Sohn eines Metzgermeisters« umzutexten und eine Hymne auf »Ahle Wurscht« und »Hackigel« daraus zu machen?

Der Titel des aktuellen Bühnenprogramms ist übrigens nichts anderes als die charmante Übertragung von »Don’t worry - be happy« von Bobby McFerrin. Als Zugabe war die weibliche Version von Herbert Grönemeyers «Männer« ebenso unerlässlich wie die hessische Version von Gloria Gaynors »I will survive«. Ohne dieses Stück ließ das Publikum die Frauen am Ende nicht von der Bühne ziehen.

Nach zehn Jahren

Nach rund zehn Jahren war es an der Zeit, sich neu zu formatieren, erzählte Frontfrau Theresa Heinz anschließend im Gespräch. Zumal sich Cellistin Nadja Schneider aus der Gruppe zurückgezogen hatte, da sie schon seit Längerem in Bayreuth lebt und arbeitet. Also wurden die Taftkleider in den Schrank gehängt und das ganze Repertoire komplett durchgeschüttelt.

Die verbliebenen Theresa Heinz, Vitalia Pucci (Klavier) und Polina Blüthgen (Querflöte) begaben sich in eine »Musiktherapie für systemunrelevante Wiedereinsteigerinnen«. Diese Findungsphase dauerte dann jedoch unfreiwillig ein Jahr länger als geplant, denn die Premiere des neuen Programms war bereits für Januar 2021 geplant. »Unsere Bühnenfiguren sind ziemlich nah an unseren eigenen Persönlichkeiten dran«, sagte Heinz später. Es war gelungene Runderneuerung, die ihre Ursprünge nicht verleugnet.

Wer die Auftritte in Lich verpasst hat: »Bittersüß« ist am Samstag und Sonntag, 26. und 27. Februar (20 Uhr) im Bad Nauheimer Theater am Park sowie am Samstag, 21. Mai, (20 Uhr) im Kulturcafé Staufenberg in Daubringen zu erleben. Infos über die Trio-Homepage: www.bittersuess.info.

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