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»Ich bin froh über Unordnung«

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Niemand müsse sich dafür schämen, einen Ordnungscoach zu beauftragen, findet Christine Langer. Ihre Kunden unterstützt sie dabei, das Chaos zuhause zu beseitigen. Symbolfoto: Christophe Gateau/dpa © Red

Aufräumcoach Christine Langer aus Gießen hilft bei Chaos in den eigenen vier Wänden

Gießen . Wenn die Küchenschublade vor lauter Gerümpel kaum noch zugeht und sich auf dem Schreibtisch die in die Jahre gekommenen Unterlagen nur so stapeln, sorgt das bei den meisten Menschen wohl in erster Linie für Frust. Dr. Christine Langer dagegen sagt: »Ich bin froh über Unordnung«. Denn die Gießenerin ist »Aufräumcoach«. Das heißt, sie hilft Kunden dabei, im eigenen Zuhause Ordnung zu schaffen und gibt Tipps, welche Aufräumstrategie am besten zu ihnen passt. »Ordnung machen ist vergleichsweise leicht. Ordnung halten dagegen weniger«, weiß Langer.

Sie jedoch hat damit offensichtlich kein Problem - das sieht man schnell, wenn man ihre helle Wohnung in der Gießener Innenstadt betritt. »Ich bin Sternzeichen Jungfrau. Denen sagt man ja nach, von Natur aus ordentlich zu sein«, erzählt Langer. Und tatsächlich: Schon als Kind habe bei ihr alles einen festen Platz gehabt.

Dass sie sich vor rund drei Jahren als Aufräumcoach selbstständig gemacht hat, war allerdings ein Zufall. In ihrem Ruhestand wollte die Chirurgin ihren Horizont erweitern und studierte Gerontologie, die Wissenschaft vom Altern und vom Alter. Sie hält Vorträge bei Vereinen und der Volkshochschule und stieß in der Zeitung auf eine ältere Dame, die Hilfe beim Sortieren von Unterlagen suchte. Rund anderthalb Jahre lang half Langer ihr einmal wöchentlich dabei, Ordnung ins Chaos zu bringen. »Damit könnten Sie Geld verdienen«, stellte die Dame irgendwann fest. Langer ließ eine Website erstellen und nach und nach trudelten die ersten Aufträge ein. »Für mich ist das ein Hobby.«

Was sind das für Menschen, die einen Aufräumcoach engagieren? »Das ist ganz unterschiedlich. Aber es sind immer Frauen, die mich kontaktieren.« Mal geht es um ein geerbtes Haus, in dem noch das gesamte Hab und Gut der Großeltern lagert, mal überfordert die Organisation des eigenen Haushalts. Manchmal ist aber auch nur ein einzelner Raum die »Problemzone« - etwa das Arbeitszimmer. Bei Unterlagen seien sich viele Leute unsicher, wie lange sie sie aufbewahren müssen. Zudem fehle es an einem funktionierenden Ablagesystem. »Die Ordnung darf nicht zu viele Unterordnungen haben«, findet Langer. Denn der Versuch, es möglichst perfekt zu machen, sei letztlich eher hinderlich für dauerhafte Ordnung.

Doch bevor es ans Sortieren geht, leert Langer gemeinsam mit der Kundin erstmal alle Schränke, Schubladen und Co. Die meisten Menschen seien anschließend überrascht, wie viele Dinge sich über die Jahre angesammelt haben. Anschließend wird jedes Teil einzeln begutachtet. Die Frage »Brauchen Sie das noch?« stellt Langer ihren Kundinnen dabei bewusst nicht. Denn: »Die Antwort darauf lautet immer ›ja‹.«

Stattdessen solle man sich fragen: Tut es mir gut? Bereitet es mir Freude? Ist das nicht der Fall, sollte man sich trennen. Ausnahmen sind aber durchaus möglich: Wer etwa nur eine Regenjacke habe, müsse diese nicht entsorgen, nur weil sie nicht perfekt sei. Der kitschige Porzellandackel darf durchaus bleiben, wenn das Herz daran hängt. Die über die Jahre angesammelten Plastiktüten aber bitte nicht. Wichtig sei in jedem Fall, die Entscheidung umgehend zu treffen und die Sachen nicht von einer Stelle zur nächsten zu räumen, sondern ihnen einen festen Platz zuzuweisen.

Sie sei kein Verfechter des Minimalismus, betont Langer. Sich von Dingen zu trennen gehöre aber zu ihrem Aufräumcoaching dazu. Kein Wunder: Denn laut einer Studie soll jeder Europäer im Durchschnitt rund 10 000 Dinge besitzen. »Aufräumen ohne ausmisten bringt nichts«, ist die Ordnungsexpertin überzeugt. Ein vollgestopfter Keller sei auch ein Zeichen dafür, dass die Hausbewohner Probleme damit haben, Entscheidungen zu treffen.

Gerade von Büchern können sich offenbar viele Menschen nur schlecht trennen. Langer plädiert jedoch dafür, nur Bücher, die für die eigene Lebenssituation wichtig sind, zu behalten. Der Rest könne zu Bücherkästen gebracht oder auch über die blaue Tonne entsorgt werden.

Wie lange eine Aufräumaktion mit Unterstützung dauert, das sei individuell sehr unterschiedlich. Für die Küche könne man mit etwa zwei bis drei Stunden rechnen. Viele Leute seien überwältigt von der Aufgabe und wüssten nicht, wo sie beginnen sollen. »Zu zweit ist es einfacher.«

Sind die Schränke nach getaner Arbeit dann wieder leerer und die Müllsäcke voll, sollte man nicht lange mit der Entsorgung warten. Zu groß sei die Gefahr, dass man sich umentscheidet. Bei ausrangierten Möbeln kann man sich etwa an das Kaufhaus der Jugendwerkstatt wenden oder kostenlos bei der Stadt Sperrmüll bestellen. Nicht mehr benötigte Klamotten nehmen zum Beispiel die DRK-Kleiderläden entgegen, Elektrogeräte können kostenlos im Abfallwirtschaftszentrum in der Lahnstraße abgegeben werden.

Ein Weiterverkauf der ausrangierten Sachen könne zwar etwas Geld in die Haushaltskasse spülen, benötige aber auch viel Zeit - die mühsam aussortierten Sachen stehen also mitunter noch monatelang im Haus, der Aufräumeffekt ist dahin. »Viele Menschen überschätzen zudem den Wiederverkaufswert ihrer Sachen deutlich.«

Was tun, wenn man selbst ein Ordnungssystem gefunden hat, Partner oder Kinder aber nicht mitspielen wollen? »Man kann die eigene Ordnung anderen nicht aufzwingen.« Beim Kleiderschrank könnten Paare daher zum Beispiel auf getrennte Schränke setzen oder den Schrank in feste Bereiche unterteilen. »Wenn ich Glück habe, findet mein Partner mein System interessant und macht es nach.« Kinder, findet Langer, sollten von klein auf symbolisch mithelfen. »Man kann sie zum Beispiel motivieren, indem man ihnen sagt, dass das Feuerwehrauto jetzt schlafen muss und deshalb in die Spielzeugkiste gelegt wird.« Bei Teenagern wäre es aber mitunter besser, einfach die Tür zu schließen und die Unordnung im Zimmer zu ignorieren.

Schämen müsse sich übrigens keiner dafür, einen Ordnungscoach zu beauftragen. »Niemand gibt gerne zu, dass er ein Problem mit Ordnung hat. Manche Kundinnen haben Angst, dass ich die Hände über dem Kopf zusammen schlage, wenn ich ihr Zuhause sehe. Aber dem ist nicht so.« Die Angst davor, verurteilt zu werden, sorge mitunter dafür, dass Kundinnen vor dem Besuch der Expertin aufräumen - oder sogar kurzfristig absagen. Andere, die sich getraut haben, waren danach offenbar so glücklich, dass sie Langer später noch Weihnachtsgrüße schickten. Sie findet: »Ein aufgeräumtes Zuhause ist auch ein Stück Wohlbefinden.« Foto: Pfeiffer

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Christine Langer © Eva Pfeiffer

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