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»Ich gebe keinen Klienten auf«

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In der Szene bekannt: Seit 2010 arbeitet Sarah von Trott als Aufsuchende Straßensozialarbeiterin in Gießen. © Peter Klaes

Gießen. Die Diplomarbeit eben abgegeben, steckt Sarah von Trott mitten in den mündlichen Prüfungen. Spätestens nach den Erfahrungen mit Berliner Straßenkindern ist das Berufsziel im Grunde klar: »Ich habe gedacht: Streetwork wäre genau mein Ding. Es ist wirklich einer der wenigen Bereiche, in dem Klienten keine Vorbedingungen erfüllen müssen.« Aber sind die Städte Gießen, Marburg und Wetzlar nicht eher zu klein für einen solchen Ansatz?

Eine Stellenanzeige des heimischen Diakonischen Werks zerstreut die Sorge der Pädagogin - elf Jahre ist diese Episode um Studienende und Berufseinstieg mittlerweile her. Heute sitzt von Trott in ihrem Büro in der Obdachloseneinrichtung »Die Brücke« und blickt auf ihre Anfänge zurück. »Seit 2010 bin ich in der Aufsuchenden Straßensozialarbeit in Gießen. Ich habe das ganze Arbeitsgebiet aufgebaut und ein Stück weit auch geprägt«, erzählt die Diplom-Pädagogin. Sie habe in relativ viele Bereiche reingeschaut und zunächst mit psychisch kranken und mit behinderten Menschen gearbeitet. »Ich habe dann aber relativ schnell meinen persönlichen Faible für die Wohnungslosenhilfe rausgefunden«, denkt die sympathische 42-Jährige zurück.

»Voll mein Ding"

Anfang der 2000er-Jahre fällt in Marburg die Entscheidung. »Ich habe in einer Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose ein Praktikum gemacht und bin sozusagen hängengeblieben. Ganz schnell war mir klar: Das ist voll mein Ding. Die Menschen haben mich total interessiert und mich berührt. Ich fand die ganzen Biografien spannend, die sozialen Gefüge in der Szene und wie die Menschen miteinander umgehen. Und eben auch die Beziehungsarbeit mit den Klienten«, erinnert sich von Trott. Das alles habe sie so stark angesprochen, dass »ich direkt im Anschluss an das Praktikum als Honorarkraft geblieben bin und während der fünf Jahre meines Studiums dort gearbeitet habe«.

Die Diplomarbeit über Straßenkinder führt die damals angehende Pädagogin nach Berlin. »Ich war zwei Wochen in der Szene unterwegs und habe zehn Straßenkinder interviewt«, denkt die Streetworkerin zurück. Schnell habe sie gemerkt, dass sich bei allen Interviewpartnern traumatische Kindheitserfahrungen aus der Familie finden. Sie waren auch »eigentlich die Ursache für das Weglaufen von Zuhause und zogen sich wirklich wie ein roter Faden durch die Geschichten«. Auf die traumatische Familienerfahrung von Straßenkindern habe sie nicht nur den Schwerpunkt ihrer Diplomarbeit gelegt. »Das hat mich sehr geprägt, auch in der Arbeit heute. Ich arbeite jetzt zwar mit Erwachsenen, aber eigentlich führt der Beginn der Straßenkarriere oft in die Kindheit zurück.«

Was genau sie heute macht? Von Trott richtet sich in ihrem Schreibtischstuhl auf. »Ich würde es so beschreiben, dass jeder Tag komplett anders aussieht. Wir haben keine klare Struktur, sondern schauen wirklich, wo die Bedarfe sind. Wir gehen raus an die Szeneplätze, halten uns in der Lebenswelt unserer Klienten auf und bauen Vertrauen zu ihnen auf. Es geht ganz viel um Beziehungsarbeit. Das ist im Prinzip die Basis für alle weitere Arbeit.« Das Schöne an dem Job sei, dass das Team bei jedem einzelnen Klienten ganz individuell schaue, wo »er hin möchte und welche persönliche Unterstützung er benötigt. Das ist bei jedem ganz anders. Unser Kompass sind die Klienten nicht wir«.

Zentrale Aufgabe sei es, mit den Klienten herauszufinden, was sie an Unterstützung benötigen und welche Hilfe sie wie stark annehmen wollen. Diese Arbeit sei oft sehr intensiv und gehe über Rechtsberatung oder Sozialberatung weit hinaus. »Es ist wirklich Beziehungsarbeit. Wir lernen die Leute sehr persönlich kennen. Dabei geht es viel um Krisenintervention, psychische Unterstützung und um Hilfe, wieder Stabilität im Leben zu finden.« Traumatische Erfahrungen in der Kindheit seien für den ganzen Verlauf und die multiplen Problemlagen der Lebenswege der Klienten oft eine zentrale Ursache.

Diese Arbeit komme ihr sehr nah, weil »ich meine eigene Person, Persönlichkeit und Lebenserfahrung einbringe. Ich denke, man kann diese Arbeit nur gut machen, wenn man von den Klienten ein Stück weit auch berührt wird. Es gibt ja auch einen Grund, warum bestimmte Klienten bei einem bestimmten Kollegen landen. Auf dieser Ebene spielt sich ganz viel ab.« Sie sitze oft in solchen Gesprächen und staune, welch schlimme Sachen viele Klienten erlebt haben. Es sei bewundernswert, dass »sie das überlebt, und welche Strategien sie entwickelt haben. Manchmal ist es so hart, dass ich mich frage, wie ein Mensch das überhaupt aushalten kann.«

Die schwierigen Schicksale dieser Klienten würden oft, auch aus eigener Angst heraus, von weiten Teilen der Gesellschaft übersehen. »Häufig trifft man auf die Haltung, dass Wohnungslose selbst schuld an ihrer Situation seien. Dahinter verbirgt sich aber auch eine Strategie des Urteilenden. Er wiegt sich in einer Sicherheit und sagt sich: Mir kann das ja nicht passieren. So ist es aber nicht. Es kann im Prinzip jedem passieren. Viele haben einfach nur Glück und vielleicht auch das Glück, in andere Verhältnisse geboren zu sein.« Wenn man wisse, was Menschen auf der Straße erlebt hätten, dann werde klar, dass sie sich in bestimmten Momenten nicht anders verhalten könnten als sie das tun. Denn ihre Erlebnisse in der Kindheit waren so prägend, dass sie täglich mit diesen Dingen und ihren Ängsten zu kämpfen hätten.

»Man nimmt manchmal Fälle mit nach Hause, das muss ich ganz ehrlich sagen. Aber es hilft mir, die positiven Sachen im Auge zu haben. Wirklich zu sehen, was die Arbeit bewirkt und was ich damit erreichen kann. Ich versuche, den Blick auf diese positiven Sachen zu richten.« Selbst in besonders schwierigen Situationen bemühe sie sich zu fokussieren, wie die Situation wäre, wenn das Team nicht da wäre. »Das macht für mich den Unterschied. Wirklich den Klienten in diesen ernsten Krisen zu begleiten, da zu sein, wie ein Anwalt parteiisch zu arbeiten. Das gibt mir unheimlich viel.«

Klar trennen lasse sich ihre Tätigkeit nicht vom Persönlichen. »Ich kann nicht sagen: Das ist die Arbeit, sie hat mit meinem Leben nichts zu tun. Ich habe in meiner eigenen Kindheit Phasen gehabt, in denen ich für mich selbst einstehen, für Dinge kämpfen musste, aber auch das Glück hatte, dass Menschen da waren, die mich unterstützt haben. Genau das gebe ich in der Arbeit weiter: Ich kann für mich selbst kämpfen, dadurch aber eben auch sehr gut für andere.« Dadurch, dass sie selbst Sachen für sich gut bewältigt habe, gebe sie den Klienten vielleicht unbewusst mit, dass das möglich ist. Einer ihrer ersten »Housing First«-Fälle habe sie mal gefragt, ob sie wisse, warum er sie als Unterstützung ausgewählt hat. »Dann hat er gesagt: Weil Du an mich glaubst. Das war die Antwort. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Dann habe ich gedacht: Ja, das stimmt auch. Das hat mich echt berührt.« Tatsächlich gebe sie keinen Klienten auf. Selbst wenn es sich um ausweglose Situationen handele, glaube sie immer daran, etwas Gutes mitgeben zu können. »Nicht in einem unrealistischen Sinn. Es geht auch um diese kleinen Momente, die wertvoll sind. Man darf da nicht in so großen Schritten denken«, betont die 42-Jährige, deren Wurzeln in einem kleinen hessischen Dorf liegen. Zum Studium sei sie nach Marburg gekommen, aber »jetzt bin ich mit meinem Herzen in Gießen ein bisschen mehr zu Hause, weil ich durch die Arbeit ein großes Netzwerk und darüber hinaus viele Freundschaften aufgebaut habe. Ich kenne hier inzwischen mehr Leute als in Marburg«, so von Trott.

Besonders in Erinnerung geblieben sei ihr zweiter »Housing-First«-Fall, der seit fünfeinhalb Jahren in der eigenen Wohnung lebt. »Das ist ein Fall, der mich auch vorher schon sehr berührt hat. Einfach weil ich gemerkt habe, dass das jemand ist, der immens viele soziale Kompetenzen hat und äußerst hilfsbereit, sensibel und empathisch ist.« 18 Jahre sei der Mann wohnungslos gewesen. Durch den plötzlichen Tod der Eltern sei er ab dem Alter von 15 Jahren auf der Straße sozialisiert worden. Im Stufenmodell, nach dem Wohnungslose bis zur eigenen Wohnung verschiedene Stufen durchlaufen müssen, sei der Klient hängengeblieben. Deshalb sei er letztlich 18 Jahre auf der Straße und nicht in einer Obdachloseneinrichtung gelandet.

Neuer Ansatz: »Housing First«

»Er war irgendwann psychisch an einem Punkt, an dem er nicht mehr konnte. Er hatte mehrere Suizidversuche hinter sich und gemerkt, dass er in der Gesellschaft nicht Fuß fassen kann. Obwohl er so motiviert war. Das hat mich beschäftigt.« Der Klient sei einer jener Fälle gewesen, die von Trott und Kollegen bewogen, am System etwas zu ändern: Anders als bislang bringt der »Housing First«-Ansatz Wohnungslose so schnell wie möglich eine Wohnung, um das Leben von dieser Basis aus zu gestalten.

Und wie schaltet die Pädagogin selbst ab? »Ich kann das sehr schnell. Ich mache Sport, gehe gerne wandern, bin naturverbunden und gesellig. Beim Lesen und Tauchen träume ich mich gerne in andere Welten und ich lass die Seele gern mal baumeln.« Reisen, Familie und sehr gute Freundschaften trügen ebenfalls viel zu ihrer Entspannung bei.

Wer mehr wissen will: Unter dem Titel »Und dann bin ich abgehauen«: Traumatische Familienerfahrungen als Ursache für Straßenkarrieren Jugendlicher« hat Sarah von Trott ihre Diplomarbeit bei Tectum veröffentlicht.

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