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»Ich habe diese Leute wiedererkannt«

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Regisseur Volker Schlöndorff mit Redakteur Björn Gauges und einem Mitbringsel aus Mittelhessen: der Ausgabe des Gießener Anzeigers vom 10. Oktober 2021, in der der Raub in der Subach aufgerollt wurde. Foto: Czernek © Czernek

150 Jahre nach dem legendären Raub in der Subach: Regisseur Volker Schlöndorff spricht im Interview des Anzeigers über seine Verfilmung des Stoffs und seine hessischen Wurzeln.

Gießen/Offenbach. Filmregisseur Volker Schlöndorff (82) ist bekannt für Meisterwerke wie »Die Blechtrommel« oder »Tod eines Handlungsreisenden«. Weniger bekannt: Im Jahr 1971 drehte der gebürtige Wiesbadener den Spielfilm »Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach«, der sich einer wahren Geschichte aus dem hessischen Hinterland annahm. Es geht um den Überfall acht armer Bauern und Tagelöhner auf einen Geldtransport, der monatlich von Gladenbach nach Gießen fuhr. Der Raubüberfall vom 19. Mai 1822 ging als Postraub in der Subach in die Kriminalgeschichte ein und endete mit der Hinrichtung der meisten Täter auf dem Gießener Marktplatz. Nun jährte sich der Raub zum 150. Mal. Der Anzeiger hat den weiterhin vielbeschäftigten Regisseur daher in Offenbach getroffen, um über sein wenig bekanntes Frühwerk, die Hintergründe der Entstehung und seine hessischen Wurzeln zu sprechen.

Herr Schlöndorff, wie sind Sie als junger Regisseur damals auf diesen historischen Stoff gestoßen?

Das kam über meinen Redakteur beim Hessischen Rundfunk, mit dem ich zuvor gerade »Baal« nach Bertolt Brecht gemacht hatte. Er sagte mir: »Uns ist da eine Chronik zugeschickt worden, die irgendwo in einer Gemeinde beim Aufräumen auf dem Dachboden gefunden wurde.« Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte und gab mir das Material. Ich habe nach dem Lesen spontan zugesagt, es zu verfilmen. Ich habe zusammen mit meiner damaligen Ehefrau Margarethe von Trotta das Drehbuch geschrieben und dann haben wir auch sehr schnell gedreht.

Die Schauspieler sprechen ja Dialekt, aber wohl eher mit einem südhessischem Zungenschlag ...

Ich kann hessisch. Ich hab lang genug gebraucht, um meinen Akzent zu verlieren (lacht). Aber es ist natürlich sehr, sehr schwer, da geeignete Schauspieler zu finden. Den einzigen, den ich kannte, das war der Darmstädter Georg Lehn. Hinzu kam mein Freund Reinhard Hauff aus Marburg. Eigentlich ein Regisseur, den ich aber überreden konnte, mitzuspielen. Hinzu kam eine Reihe von Laien und halbprofessionellen Schauspielern, die wir im Rhein-Main-Dreieck gefunden haben.

Was hat Sie an dem Stoff angesprochen?

Die Geschichte erschien mir exemplarisch, gerade in der Zeit nach 1968. Zuvor hatte ich bereits einen Film über Michael Kohlhaas gemacht, in dem auch die Bauernkriege und all die gescheiterten Aufstände dieser Zeit drinsteckten. Und Texte von Georg Büchner. Er war immer einer meiner Lieblingsschriftsteller.

»Michael Kohlhaas« hatte bereits eine ähnliche Tonlage?

Ich habe »Die armen Leute« auch ein bisschen als Wiedergutmachung gesehen, weil ich den »Kohlhaas« als total misslungen empfand. So wollte ich diesmal eine Geschichte ganz klein erzählen, in Schwarz-weiß, auch mit kleinem Budget. Wir haben im Odenwald gedreht und in der Wetterau. Da mussten wir keine Kosten für die Dekoration und die Kulissen ausgeben. Die Kosten des Films betrugen 350000 D-Mark. Das war selbst für damalige Verhältnisse sehr wenig. Aber es brauchte auch gar nicht mehr. Ein Film über arme Leute kann ruhig auch arm sein (lacht). Zu meinen Vorbildern gehörten brasilianische Filme, in denen solche Bauernaufstände geschildert wurden. Dort war das damals tatsächlich ein immer noch aktuelles Thema.

Auch das Hessische, die Atmosphäre der Region war Ihnen vertraut?

Die beschriebenen Leute habe ich sofort aus dem Taunus wiedererkannt, wohin ich als Kind regelmäßig mit meinem Vater unterwegs war. Das waren Bauern und Handwerker, die so etwas bauernschlaues hatten. Was bedeutet, dass sich einer für sehr schlau hält, es aber nicht ist. Diesen nach dem Überfall ermittelnden Kommissaren und Richtern waren die Räuber ja gar nicht gewachsen. Fasziniert hat mich auch die eigenartige Sprache, in der dieser Gerichtsreport über den Fall geschrieben war: Da gab es etwa den Hinweis: »Er brach den Stab über den Tätern«. Ich habe lange recherchieren müssen, um zu verstehen, dass der Richter wirklich einen Stock brach, um ihre Schuld zu symbolisieren. Und in dem Material gab es wunderbare Zitate, die man gar nicht erfinden könnte. Als der junge Räuber Jacob Geiz zum Schafott ging, nahm er sein Halstuch und sagte: »Zerreißt mein Leben, so sollst auch du zerreißen.« Und dann zerriss er dieses Tuch. Das hat eine große poetische Kraft.

Dieses frühe 19. Jahrhundert war ja eine Umbruchszeit. Damals war die Leibeigenschaft gerade beendet worden, doch die armen Bauern blieben Sklaven der Verhältnisse ...

Man sieht, dass sie von ihrem kargen Land gar nicht richtig leben konnten. Die schönsten Texte, die wir bei der Recherche gefunden haben, waren die Briefe der Auswanderer, die sie in die alte Heimat geschickt haben. Gerade habe ich einen Film in Afrika über arme Bauern ins Kino gebracht: »Der Waldmacher«. Da geht es hauptsächlich um Kleinbauern, die mit ihrer Familie von einem halben Hektar Land leben. Im Grunde ist das so wie bei den hessischen Bauern im 19. Jahrhundert, als sie wegen der großen Armut nach Amerika ausgewandert sind. Diese Beschreibungen fand ich erschütternd. Und auch so stark wie den Spruch mit dem Halstuch.

Für mich als Zuschauer ist Ihr Film ein eindrückliches Dokument der damaligen Verhältnisse. Und der starken Motivation, dieses erbärmliche Leben hinter sich zu lassen und nach Amerika zu gehen ...

Es entsprach auch unser linken Überzeugung damals. Für mich waren das keine Kriminelle, sondern Sozialrevolutionäre - ohne dass sie das aber selber wussten. Sie waren so befangen in den Verhältnissen, dass sie sich die Tat am Ende selbst zum Vorwurf gemacht haben.

Manche Textpassagen wirken trotz der Mundart auch artifiziell ...

Es sind zum Teil literarische Texte. Aber auch Passagen, die aus dem Kriminalreport inspiriert sind. Ich wollte nicht die Sprache von damals erfinden. Deshalb gibt es im Film viele Zitate aus dem Werk Georg Büchners, der Brüder Grimm und von weniger bekannten Autoren der Zeit.

Und es gibt manche einprägsame Sätze: »Wie oft soll man es machen, bis es einmal gelingt«, klagt einer der Täter nach einem wiederholt gescheiterten Versuch, den Transport zu überfallen ...

(Lacht). Ich weiß nicht, ob der Satz nicht doch von mir ist. Er bezieht sich auch auf das Filmemachen und ist bis heute ein geflügeltes Wort für uns geblieben. Man dreht ja jede Einstellung acht bis zehn Mal, bis es passt. Bis zur Verzweiflung.

Es gab später Vorwürfe des Antisemitismus gegen den Film, weil darin der Anstifter der Bauern, David Briel, ein fliegender Händler und Jude war. Er schafft es am Ende als Einziger zu flüchten und wandert nach Amerika aus. Doch die Bauern müssen auf ihrer Scholle bleiben und werden alle von der Obrigkeit bestraft.

Ja, das haben mir manche scharfsinnige Leute als Antisemitismus ausgelegt. Aber das ist wirklich sehr weit hergeholt. Denn der Film ergreift ja Partei für diese Leute. Ich klage sie nicht an, dass sie den Karren überfallen haben und deshalb kann man auch nicht sagen, dieser David Briel war der Anstifter. Von sich aus hätten sie das ja gar nicht gemacht. Mir war es ja recht, dass sie den Transport überfallen haben (lacht). Dass Briel tatsächlich kein Jude war, habe ich erst später erfahren.

Woher hatten Sie Ihre Kenntnisse über die hessischen Bauern und das ländliche Leben?

Mein Vater hatte in Wiesbaden seine Arztpraxis. Einmal die Woche hatte er auch Sprechstunde in Idstein, wo die letzte Hexe verbrannt worden ist. Ein unheimlicher Ort, das hat uns als Kinder fasziniert. Die Hälfte der Patienten meines Vaters waren nach dem Krieg ganz arme Bauern im Taunus. Meine Brüder und ich sind immer mitgefahren, weil er uns im Auto, einem kleinen Fiat Topolino, auf den Fahrten Vokabeln abhören konnte. Entweder sind wir dann mit rein in die Häuser zu den Bauern, oder wir haben draußen Fallobst gesammelt. Man nannte sie Kuhbauern, weil sie eine einzige Kuh hatten, die den Pflug ziehen und auch noch Milch geben sollte.

Sie hatten beim Drehen also eine ganz direkte Idee von diesem Typus Mensch?

Es war eine Art die Welt zu entdecken, die dort geblieben ist. Da gibt es so viele Erinnerungen. Auf dem Umweg über den Film wollte ich auch das Interesse für die Heimat wecken. Auf der Ebene der Dörfer und der kleinen Leute, anstatt immer nur die große Geschichte zu erzählen. Damals wollten wir uns auch den verschmähten Begriff »Heimatfilm« zurückholen. So war »Kombach« nach ein paar gescheiterten Projekten wie dem »Kohlhaas« wieder der erste Film, bei dem ich das Gefühl hatte, da bin ich wieder bei meinem künstlerischen Ursprung.

Wie ist der Film für Sie gealtert?

Das kann ich nicht beurteilen. Im Allgemeinen altern historische Filme gut, weil sie sich ja nicht unmittelbar auf die Gegenwart beziehen. Meine Tochter würde mir heute vorwerfen: Er ist sehr, sehr langsam. Aber das war Absicht, um damals gegen die Beschleunigung der Schnitte anzukämpfen. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich würde ihn nicht als große Filmkunst einschätzen - aber als Dokument für den Zustand der dörflichen Welt. Es gibt so viele Filme, bei denen man am Ende sagt, der war nicht nötig. Aber »Kombach« war, gerade wegen unserer Kindheit, schon wichtig. Ich bin froh, dass ich ihn gemacht habe. Ich bin immer noch dran, ihn zu restaurieren.

Volker Schlöndorffs Spielfilm »Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach« ist aktuell auf DVD sowie als Stream über Amazon Prime zu bekommen.

Am 19. Mai 1822 überfielen acht arme Bauern und Tagelöhner aus den Dörfern Kombach, Wolfgruben und Dexbach ein »Geldkärrnchen«, das an diesem Tag nach Gießen fuhr. Es war geplant, dass der Überfall in der Subach, einem Hohlweg in der Nähe von Gladenbach, stattfinden sollte. Nach sechs abgebrochenen Versuchen glückte der Überfall schließlich beim siebten Anlauf. Doch ihr plötzlicher Reichtum wurde den Tätern zum Verhängnis, denn sie wurden durch ihre Ausgaben auffällig. Sieben der acht Täter wurden ermittelt. Fünf von ihnen wurden 1824 in einem Gerichtsverfahren auf dem Gießener Marktplatz zum Tode durch das Schwert verurteilt und hingerichtet. (bj)

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Die Bauern Mittelhessens konnten im frühen 19. Jahrhundert kaum von der Arbeit auf dem Acker leben - und so lehnten sich einige von ihnen vor 200 Jahren gegen die Obrigkeit auf. Davon handelt Volker Schlöndorffs Spielfilm »Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach«. Foto: DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt © DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt

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