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»Ich kann in dieser Stadt nicht mehr leben«

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Eine alleinerziehende Mutter sieht sich von einem Hauseigentümer aus ihrer Gießener Mietwohnung gedrängt. Ihr Fazit ist ernüchternd: »Ich kann in dieser Stadt nicht mehr leben.«

Gießen . Gießens Wohnungsmarkt ist - wie in vielen anderen Städten auch - schon seit Jahren überhitzt. Zwar entstehen überall in der Stadt neue Wohnungen, doch kann das Angebot in der schnell wachsenden Lahnmetropole mit der Nachfrage nicht mithalten. Und auch weil immer mehr Anleger in der anhaltenden Zinsflaute auf den Finanzmärkten ihr Heil im Betongold suchen und sich das Kräfteverhältnis zwischen Eigentümern und Mietern immer drastischer zulasten Letzterer verschiebt, werden bezahlbare Wohnungen zum raren Luxusgut.

Welche Auswirkungen das haben kann, zeigt - vielleicht exemplarisch - das Beispiel einer 1906 auf dem Nahrungsberg errichteten Villa. Dort lebte seit 2008 eine Gießenerin - nennen wir sie Frau M. - erst zur Miete und später dann ab 2018 als Miteigentümerin in einer Eigentümergemeinschaft.

Mittlerweile eine erfolgreiche Beraterin, lebte M. als alleinerziehende Mutter einer zehnjährigen Tochter dort in einer Fünf-Zimmer-Wohnung mit zwei Balkonen im ersten Obergeschoss.

Als nun aber einer der Co-Eigentümer die Eigentumsanteile infrage stellte, zerfiel die Gemeinschaft. Es drohte allen der Verlust ihrer Bleibe. Die »Zwangsversteigerung zur Auflösung der Gemeinschaft« war beim Amtsgericht bereits beantragt worden.

11 Grad im Winter

Da traf es sich gut, dass damals als weißer Ritter und Retter ein bekannter Gießener Investor auf den Plan trat - nennen wir ihn Herrn X. - und sich erbot, den Mitgliedern der Eigentümergemeinschaft ihre Anteile abzukaufen. Frau M., die als einziges Mitglied der Gemeinschaft weiterhin in ihrer Wohnung bleiben wollte, versprach Herr X. beim Verkauf ihres Teils am Gemeinschaftseigentum an ihn, auch künftig am Nahrungsberg als Mieterin wohnen zu können.

Seit dem 1. August 2020 lebte Frau M. also als Mieterin in der Wohnung, die ihr einmal anteilig gehört hatte. M. sollte auf drei Jahre befristet einen festen Mietzins zahlen, dann sollte es teurer werden. Wörtlich heißt es in einem handschriftlichen Zusatz im Mietvertrag: »Nach Ablauf des befristeten Mietvertrages erhöht sich die Nettokaltmiete auf 10 Euro/Quadratmeter.«

Mit der Ruhe, die Frau M. lange Jahre genossen hatte, war es für sie als Mieterin des Herrn X. schnell vorbei. Noch im gleichen Jahr wollte der neue Eigentümer die in die Jahre gekommene Heizung modernisieren. Dem hatte Frau M. auch zugestimmt, standen doch noch in jedem Zimmer ihrer Wohnung alte Ölöfen, die nun wirklich nicht mehr zeitgemäß waren. Sowohl Frau Y., eine freie Immobilienmaklerin (die fortan als Sprachrohr des nach der Unterzeichnung des Mietvertrags für M. nicht mehr zu erreichenden Herrn X. fungierte) als auch der Architekt hätten ihr damals versichert: »Sie können drin bleiben, das geht«, sagt Frau M. heute.

Aber wie das manchmal so ist, Bauvorhaben gestalten sich mitunter schwieriger als angekündigt und bisweilen enden sie ganz anders, als sie begonnen wurden. Ständig seien der Strom und das Telefon abgestellt worden, erzählt Frau M., was für sie als Selbstständige fatal sei. Stundenweise habe es kein Wasser gegeben, im Winter sei die Heizung dauerhaft ausgefallen: »Wir hatten 11 Grad in der Wohnung, auf gut Deutsch, es war schweinekalt.« Dass das keine haltbaren Zustände waren, sah auch der Eigentümer ein. Ende Januar rief Frau Y. an und teilte der Mieterin mit, dass sie innerhalb von zwei Wochen für den Zeitraum der Renovierung ihre Wohnung verlassen müsse.

Für zwei bis drei Monate sollte sie zum verminderten Mietpreis in eine Umsetzwohnung ziehen. Das neue Domizil, das Mutter und Tochter in der Schanzenstraße am 9. Februar 2021 bezogen - und in dem die beiden bis heute wohnen - habe sich dann als »reines Studentenmietshaus« mit entsprechender Lautstärke entpuppt. Dort wurde Familie M. in einer Mansardenwohnung unterm Dach untergebracht. Einen Lift gibt es nicht, sagt die 51-Jährige, die an einer beidseitigen Hüftdysplasie leidet.

Weil die Umsetzwohnung viel kleiner ist als die alte Wohnung war, habe Frau Y. ihr angeboten, ihren Hausrat einzulagern. Das geschah zum einen im Keller des alten Wohnhauses am Nahrungsberg, zum anderen sind ihre Möbel beim vom Vermieter beauftragten Umzugsunternehmen in Dieburg verstaut.

Nur wenige Monate später seien die Gegenstände im Hauskeller bereits größtenteils verschimmelt: »Meine Möbel sind kaputt«, klagt Frau M. Wie es um ihre Habe in Dieburg bestellt ist, kann sie nicht sagen, »da kann ich nicht ran«. In der Umsetzwohnung gingen die Monate ins Land, ohne dass sich an der Situation etwas änderte. Frau Y. habe diese Verzögerungen ihr gegenüber immer wieder mit Corona-bedingtem Mangel an Baumaterial gerechtfertigt, sagt M., ansonsten müsse sie sich aber keine Sorgen machen, denn der Herr X. sei »ein Ehrenmann«.

»Ein Ehrenmann«

Umso mehr tat sich derweil in Frau M.’s alter Wohnung am Nahrungsberg, und deren Umbau gestaltete sich dabei laut M. ganz anders als ursprünglich besprochen.

Eine zweite Küche sei eingebaut worden, ebenso ein zweites Bad, dafür sei der Waschmaschinenanschluss entfernt worden, den gebe es jetzt nur noch im Keller. Auch den Extra-Wasseranschluss für ihren großen amerikanischen Side-by-Side-Kühlschrank habe man entfernt, obwohl ihr zugesagt worden sei, das der bleibe. Die Verbindungstür zwischen ihrem Arbeits- und dem Esszimmer sei ebenso wie weitere Verbindungstüren zugemauert worden, dafür habe man die Türen entfernt sowie die Türrahmen und Fußböden herausgerissen. Auch die Raumzuschnitte seien geändert worden. Darauf angesprochen habe Frau Y. nur geantwortet: »Was wollen Sie denn? Die Größe bleibt doch gleich.«

Auch das Satellitenkabel sei aus der Wand gerissen und der Telefonanschluss entfernt worden, klagt die Mieterin, obwohl sie für letzteren nach wie vor zahle, weil sie die alte und bekannte Nummer behalten wolle, auf die sie als Freiberuflerin angewiesen sei. Zudem habe man auf den Balkonen sämtliche Pflanzen entsorgt und den Akazienholzfußboden herausgerissen, trotz der Zusage, dass alles bleiben dürfe.

Vergeblich habe sie versucht, mit dem Mann zu sprechen, dem sie ihr Eigentum verkauft hatte, sagt M.. »Es werden keine Telefonnummern von Herrn X. herausgegeben. Alle Gesprächsversuche werden abgeblockt. Auch alles Schriftliche wird verweigert. Die ganze Kommunikation läuft nur über seine Maklerin, Frau Y..« Auch Frau X., die 2020 den Mietvertrag ausgestellt hatte und die für Herrn X. den Schriftverkehr führe, habe weder auf ihre Forderung nach einem verbindlichen Rückkehrtermin in die alte Wohnung mit Fristsetzung, Rechnungen für Kosten und Nachsendeanträge noch auf Einschreiben reagiert.

Irgendwann reichte es Frau M.. Sie nahm sich im April einen Anwalt und der reichte im August Klage auf Wiederherstellung ihrer alten Wohnung und Rückkehr in dieselbige ein. Darauf immerhin reagierte Herr X. - beziehungsweise dessen Anwalt.

Laut Schreiben seines Rechtsbeistands will Herr X. nun das Mietverhältnis auflösen. Durch das Hinzuziehen eines Rechtsanwalts sei das nämlich für ihn zerrüttet. Das zumindest habe ihr Frau Y. ausrichten lassen und weiter gesagt: «Seien Sie ehrlich, das Mietverhältnis läuft doch aus. Lassen Sie sich doch den Umzug bezahlen. Was wollen Sie als alleinstehende Frau mit Kind in Ihrer alten Wohnung wie ein Sandwich eingeklemmt unter lauter jungen Studenten über und unter Ihnen?« Dann habe ihr Y. noch mitgegeben: »Sie sind ja keine Eigentümerin mehr, Sie stellen aber Ansprüche, die Sie gar nicht mehr stellen dürfen.«

Plötzlich Hausverbot

Laut dem Anwalt von Frau M. behaupte die Gegenseite, dass die im Mietvertrag fixierte dreijährige Befristung des Mietzinses in Wirklichkeit eine Befristung des Mietverhältnisses sei. Das ist nach seiner Auffassung und auch nach der des Gießener Mietervereins aber unzulässig. Wer nun Recht hat, wird das Amtsgericht Gießen entscheiden.

Vorläufig habe der Anwalt von X. schon mal ein Hausbetretungsverbot für Frau M. verhängt, das aber eigentlich ungültig sei, da sie nach wie vor einen gültigen Mietvertrag besitze, sagt ihr Anwalt.

X.s Anwalt habe Frau M. zudem 5000 Euro geboten, wenn sie bis September das Feld sowohl am Nahrungsberg als auch in der Schanzenstraße räume und dieses Angebot später noch einmal auf 7700 Euro erhöht - für Frau M. so oder so »ein schlechter Witz«. Heute zieht sie die resignierte Bilanz: »Der bestehende Mietvertrag und meine Situation sowie die meiner Tochter waren X. völlig egal.«

Obwohl Frau M. noch immer ihren Rechtsanspruch auf Rückkehr und Wiederinstandsetzung der Wohnung einfordert, sagt sie, dass sie daran nicht mehr glaube. »Der will mich loswerden und das macht mich fertig.«

Um zentral in der Stadt, in der sie geboren wurde und in der sie auch gerne bleiben würde, eine vergleichbare Wohnung zu finden, sagt M., müsse man in Gießen mittlerweile 1300, 1400 Euro Kaltmiete plus 450 Euro Nebenkosten berappen. Obwohl sie mit zwei Universitätsabschlüssen als Alleinerziehende mit Teilzeitvertrag gut verdiene, könne sie nicht über 2000 Euro Miete und Nebenkosten bezahlen. Und auch wenn sie über Eigenkapital verfüge und eine Eigentumswohnung finanzieren könne, seien die Preise in Gießen mittlerweile »utopisch« und sowohl für Kauf- als auch Mietwohnungen in unerschwingliche Höhen geschnellt.

M.s bitteres Fazit: »Ich bin hier geboren, eine Altgießenerin, und ich sehe eigentlich nicht ein zu gehen, aber ich kann zentral in dieser Stadt nicht mehr leben. Und ich habe mich auf die Aussagen von Herrn und Frau X. sowie Frau Y. verlassen, dass ich spätestens nach drei Monaten wieder in meine Wohnung zurückkehren kann. Dass man mich auf diese schäbige Art um meine Mietwohnung betrügen will, hätte ich nie für möglich gehalten.«

Nachtrag: Wir haben natürlich auch versucht, mit der Gegenseite über diesen Konflikt zu reden. Unter anderem haben wir mit Herrn X. gesprochen, der uns seine Sicht der Dinge schilderte, allerdings am nächsten Morgen seine Meinung änderte und nicht mehr in der Zeitung zitiert werden will. Auch Frau X. und Frau Y. waren nicht bereit, sich zu äußern. Alle drei verwiesen uns auf den Rechtsanwalt von Herrn X. Der wollte sich auf Nachfrage nicht zum laufenden Verfahren äußern.

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