1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Ich mache mir jetzt wieder Sorgen«

Erstellt:

giloka_2801_jcs_Ukraine__4c
Ein ukrainischer Soldat schaufelt Schnee aus seinem Schützengraben an der Frontlinie in der Region Luhansk. Am Freitag wurden die diplomatischen Bemühungen um die Abwendung eines Krieges in Osteuropa unter hohem Einsatz fortgesetzt. Symbolfoto: dpa © Red

Wie sehen Gießener Studierende mit ukrainischen und russischen Wurzeln die Lage vor Ort? Aus Eigenschutz haben sie sich entschlossen, lediglich ihre Vornamen und ihr Alter zu nennen.

Gießen (fley). Seit Februar 2014 ist die Lage in der Ukraine angespannt, nachdem die Eskalation in den ostukrainischen Provinzen Donezk und Luhansk dafür sorgte, dass die Spannungen in Gewalt umschlugen. Die dortigen Kampfhandlungen finden zwischen den von Russland unterstützten Milizenund ukrainischen Truppen sowie Freiwilligenmilizen statt. Die prorussischen Kräfte kämpfen für die Abspaltung der beiden Provinzen.

Annexion geplant?

Russland dementierte wiederholt, dass reguläre Truppen im Konflikt in der Ostukraine eingesetzt werden. Gleichzeitig ist der Konflikt auf der Krim seit März 2014 ebenfalls ein weiterer Streitpunkt zwischen Kiew und Moskau, nachdem Russland die Krim nach einem umstrittenen Referendum annektierte und seitdem als eigenes Territorium ansieht. Dadurch entstand eine weitere angespannte Situation. Plant Russland die vollständige Annexion der Ukraine?

Nein, das sei keine politische Linie der Russischen Föderation, sagte zuletzt erneut Russlands Außenminister Sergei Lawrow. Wie aber sehen Gießener Studierende mit ukrainischen und russischen Wurzeln die Lage vor Ort? Aus Eigenschutz haben sie sich entschlossen, lediglich ihre Vornamen und ihr Alter zu nennen, da sie teilweise selbst nicht einschätzen können, ob es mögliche Restriktionen bei einer Einreise in ihre Heimat geben könnte (Nachnamen sind der Redaktion bekannt).

Polina A. studiert Wirtschaftswissenschaften und ist über die Lage vor Ort besorgt. »Ich selbst komme aus Luhansk und habe noch Verwandte vor Ort. Schon 2014, als die Lage dort eskalierte, schickten mir Freunde Bilder. Es war unglaublich und ich mache mir jetzt wieder Sorgen«, sagte die 22-jährige. Ihre Angst liegt vor allem darin, dass die Situation derart eskalieren könnte, dass Russland einen Vorwand findet, um einzumarschieren und die Ukraine unter Kontrolle zu bringen. »Wir sehen es doch am Beispiel Belarus oder in Kasachstan. Russland beobachtet ganz genau, was die ehemaligen Staaten der Sowjetunion machen und reagiert dementsprechend.«

Sie macht sich Sorgen, dass Moskau die Sowjetunion zumindest in Teilen wiederherstellen will. »Das wäre aus russischer Sicht konsequent und ein Zeichen an die Nato, dass nicht alles geduldet wird, was der Westen macht. Die Ukraine hat sich aus Sicht Moskaus zu sehr in Richtung Westen orientiert«, meinte Polina. Ihre größte Sorge gilt ihren Verwandten. »Ich hoffe, dass sie weiterhin unbeschadet durch diese Zeit kommen. Der Konflikt ist zwar nicht mehr so ausgeprägt wie 2014, kann aber jederzeit aufflammen.«

Klares Zeichen an den Westen

Sorgen, die Anatoli D. nicht nachvollziehen kann. Der russischstämmige Lehramtsstudent versteht die aktuelle Aufregung nur bedingt. »Schauen wir uns die Lage auf der Krim an. Die Bewohner der Krim wurden gefragt und haben sich für Russland entschieden. Was gibt es da zu zweifeln?«, so Anatoli. Für ihn ist klar, dass die Aktionen Russlands ein klares Zeichen an den Westen sind. »Russland wurde immer als schwach und zerbrechlich abgetan, seitdem die Sowjetunion nicht mehr existiert. Putin zeigt jetzt aber, dass er die Situation noch immer im Griff hat. Wir sind in Deutschland abhängiger von Russland, als viele denken, allein, was Öl und Gas angeht. Da ist es mit Nordstream nicht einfach getan, viele Versorgungswege gehen durch Russland und die Ukraine. Russland zu unterschätzen ist ein großer Fehler«, unterstrich der 29-Jährige. Eine Wiederbelebung der Sowjetunion erwarte er nicht, eher eine klare Antwort an die westliche Gemeinschaft.

»Die russische Armee ist immer noch stark. Die Nato ist Russland immer weiter auf die Pelle gerückt durch die Nato-Osterweiterung. Das, was Russland da betreibt, das sind eher Grenzkorrekturen russischer Art. Die Krim ist strategisch wichtig, in Sewastopol lag früher ein Großteil der sowjetischen Flotte - und jetzt eben der russischen«. Er selbst habe viele ukrainische Freunde, doch das Thema rund um die Ostukraine und die Krim sei tabu in Gesprächen. »Das würde nur unnötig Ärger geben. Wir haben da unterschiedliche Ansichten und vertreten diese auch. Das gibt meistens dann nur Streit.«

Hoffnung auf Deeskalation

Nikolai O. kann beide Seiten nachvollziehen und hofft auf eine Deeskalation. Der gebürtige Russe hat lange in Kiew und in St. Petersburg studiert, bevor er nach Gießen kam und kennt beide Sichtweisen gut. »Ich habe ukrainische und russische Freunde, die reden teilweise nicht mehr miteinander. Das ist nicht wie etwa beim Fußball, wo man sich vor und nach dem Spiel mag und während des Spiels dann Rivalität herrscht. Die Stimmung ist vergiftet. Vor allem aufgrund der rigorosen Aussagen der jeweiligen Politiker«, so der 33-jährige. Sorge bereitet ihm die Rhetorik der einzelnen Staaten. »Dann sehe ich Lawrow oder Putin, die sich hinstellen und erklären, dass Russland keinerlei territoriale Bestrebungen in der Ukraine oder sonst wo in früheren sowjetischen Gebieten hat. Das kann ich nicht glauben. Beide sind in der Sowjetunion und mit dem Geist von damals aufgewachsen. Den legt man nicht einfach so ab«, meint Nikolai. Seine Vermutung ist, dass die Eskalation sich nicht weiter ausweitet.

»Ich bezweifle, dass es einen Krieg gibt. Den können sich beide Seiten nicht leisten, weder die Russen noch der Westen. Die Nato müsste dann nämlich die Ukraine unterstützen und gegen Russland in den Krieg ziehen. Würde sie das nicht tun, dann würde sich Russland das Land einkassieren und hätte anschließend wahrscheinlich einen Bürgerkrieg gegen die Besatzung am Hals. Egal wie: Krieg wäre die absolut schlechteste Option und ich glaube nicht, dass das im Interesse der einzelnen Fraktionen ist.«

Auch interessant