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»Ich muss es fühlen«

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Regisseur Christian Schäfer. © Red

Lich. Ein schweigsamer Abiturient in einer ungenannten mittelhessischen Kleinstadt. Eltern und Mitschüler, zu denen er keine Verbindung findet. Ein hübsches Mädchen, dass sich zu ihm hingezogen fühlt. Und ein vereinsamter Lehrer, der sich etwas von ihm verspricht, was dieser 17-Jährige namens Paul nicht erfüllen kann. Davon handelt »Trübe Wolken«, der Debütspielfilm von Regisseur Christian Schäfer.

Zusammen mit Hauptdarsteller Jonas Holdenrieder stellt der gebürtige Dillenburger sein Werk am 26. Februar im Licher Kino Traumstern vor. Zuvor erzählte er im Anzeiger-Interview von seiner Kindheit in Mittelhessen, von der Arbeit mit Schauspielstar Devid Striesow und einem Déjà-vu in seiner alten Schule.

Herr Schäfer, was hat Sie an diesem außergewöhnlichen Stoff gereizt?

Wer den Film sieht, könnte natürlich denken, ich hätte eine schlimme Jugend gehabt. Das kann ich aber nicht bestätigen (lacht). Bei mir war es wie bei vielen anderen auch. Es gab Höhen und Tiefen. Für Jugendliche geht es doch darum, nach der eigenen Identität zu suchen und sie im besten Falle auch zu finden. Das war es, was mich interessiert hat. Die Figur des Paul bildet dabei natürlich nicht meine eigene Identität ab. Aber am Ende ist er, wie wir alle, einfach auf der Suche nach Anerkennung.

Sie bedienen sich dabei ganz unterschiedlicher Genre-Elemente. Wieso?

Diese Suche Pauls sollte sich im Charakter des Films widerspiegeln. Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, ein Thriller, ein Psychodrama, es gibt Mystery-Elemente. Ich wollte von einer Figur erzählen, die versucht, durch die eigene Oberflächlichkeit voranzukommen und für andere interessant zu werden. So können seine Gegenüber in Paul sehen, was sie in ihm sehen wollen. Er ist wie eine weiße Leinwand, die andere zu füllen versuchen. Das sollte sich in den Genreelementen widerspiegeln. Ich wollte sie bewusst in der Schwebe halten.

Beeindruckend finde ich, wie der Film fotografiert ist. Die düstere Atmosphäre, diese vielen Brauntöne. Und die subtilen, kaum wahrnehmbaren Geräusche, wenn etwa eine Wanduhr tickt oder der Wind rauscht ...

Ja, viele Kinozuschauer werden das nicht bewusst wahrnehmen. Aber Farben und Töne sind Gewerke, die im Film wie in einem Uhrwerk ineinandergreifen und so ihren Beitrag zum Kunstwerk leisten. Sie werden, zumindest im Kino, unbewusst wahrgenommen und unterstützen die Botschaft. Das ist mir sehr wichtig.

Wenn Paul alleine durch die Schulflure streift, wirkt das sehr bedrohlich. Ich fühlte mich an Gus van Sants berühmten Film »Elephant« über ein Schulmassaker in den USA erinnert. Haben Sie das bewusst so eingesetzt?

Das wird mir häufiger gesagt. Ich bin natürlich auch von großen Regisseuren beeinflusst. Aber ich schaue mir nicht gezielt Dinge ab, um sie dann zu kopieren. So gut wie ein Original kann man sowieso nie werden. Vor allem muss ich es fühlen. Dann ist es für mich richtig.

Für Ihr Langfilmdebüt haben Sie sich ein sperriges Thema ausgesucht, das gewiss kein Massenpublikum erreichen wird. Ist das für einen jungen Filmemacher nicht ein Risiko?

Natürlich kann man es sich einfacher machen. Ich mache aber keine Filme für den roten Teppich oder um viele Preise zu gewinnen. Ich mache Filme, deren Themen mich interessieren. Ich will etwas auf eigene Art erschaffen. Und was gibt es Schöneres, als die eigene Handschrift vorzeigen zu können?! Das ist eine viel größere Auszeichnung als jeder Preis.

Dafür standen Ihnen prominente Schauspieler zur Verfügung. Vor allem Devid Striesow. Wie konnten Sie ihn gewinnen?

Das funktioniert über Castingagenturen. Ich bin ein junger Regisseur, habe kein großes Budget - frage aber trotzdem, wenn es für mich passt. Schließlich hat jeder Schauspieler Lust auf ein gutes Drehbuch. Devid war dann natürlich ein Glücksgriff. Aber letzten Endes ist der Name egal. Es muss mit der Rolle passen. Und bei ihm hat es genau gepasst. Genauso wie bei meinen beiden jungen Hauptdarstellern, die noch nicht so bekannt sind.

Im Film gibt es keine konkreten Ortsangaben. Nur einmal ist kurz eine Herborner Zeitung im Bild zu sehen ...

Ja, das ist so eine Art Osterei (lacht). Aber es geht nicht um einen konkreten Ort, sondern um eine allgemeingültige Geschichte. Ich komme halt von dort und kenne mich dort aus. Wir haben viel im Lahn-Dill-Kreis gedreht. Und auch zwei Tage in einer Schule in Dillenburg, in der ich selbst vor 13 Jahren Schüler gewesen bin. Da haben wir einen Bildschirm in einem Klassenraum auf einen Stuhl gestellt, und ich habe festgestellt, dass ich damals selbst auf diesem Platz gesessen habe. Das war schon krass.

Sie leben mittlerweile in Köln?

Seit zehn Jahren. Das geht nicht anders, wenn man in diesem Medium arbeitet. Aber Hessen hat mein Herz nicht verloren. Die Eltern und Freunde leben noch hier. Ich bin auch regelmäßig zuhause. Heimat ist einfach ein gutes Mittel, um runterzukommen.

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