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»Ich pfeife auf Pfarrer und Vorbeter«

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Von: Ingo Berghöfer

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Rafik Schami versteht es wie kein Zweiter, sein Publikum mit dem gesprochenen Wort in seinen Bann zu schlagen. Das gelang ihm auch in Lollar mühelos. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Der renommierte Schriftsteller Rafik Schami verzaubert 150 Zuhörer in Lollar mit seiner unvergleichlichen Erzählkunst und nimmt sie einmal mehr mit ins mythische Dorf seiner Jugend Malula.

Lollar . Am Rande der Lesung von Rafik Schami in der Clemens-Brentano-Europa-Schule in Lollar bot sich die Gelegenheit zu einem Interview mit dem Bestseller-Autor.

Wann sind Sie denn nun geboren, Herr Schami?

Ich weiß es selber nicht so ganz genau, aber es ist eine spannende Geschichte.

Die Geschichte ist also authentisch?

Ja, aber Authentizität alleine reicht nicht. Sie müssen das poetisch bearbeiten. Das heißt: Nicht lügen, sondern wahre Geschichten witziger, knapper, konzentrierter erzählen. Das ist ein Prozess, der Monate dauern kann.

Ist es denn wichtig, wann man geboren wurde?

Nein. Ich habe eine Weisheit der Araber gelernt, die sagt: »Wenn man genau weiß, wie alt man ist, wird man nur älter.« Wenn man das nicht weiß, hat man Spielraum. Wenn man fröhlich ist, kann man jünger sein, wenn man verärgert ist, wird man etwas älter.

Ihr alter Trick mit der »gleich beginnenden Lesung«, die nie stattfindet, weil Sie zwei Stunden lang frei vortragen, funktioniert der eigentlich noch? Oder werden Sie irgendwann alle damit überraschen, dass Sie sich einfach hinsetzen und vorlesen?

Nein das werde ich nicht, weil ich ein schlechter Vorleser bin. Wenn ich eine Zeile vorlese, fange ich gleich an, zu fantasieren, wie man sie verbessern oder variieren könnte; und schon habe ich die Zeile verloren und mich im Text verheddert. Das möchte ich meinem Publikum nicht zumuten.

Wie kommt man mit einer so unbändigen Lust zu fabulieren wie Sie zu solch einem prosaischen Beruf wie dem des Chemikers?

Ganz einfach. Chemie ist eines der Fächer, für die man ein gutes Gedächtnis braucht und das habe ich gehabt. Mein Vater hat damals gesagt: Gut, Du bist ein Dichter, aber such Dir einen anständigen Beruf, einen Brotberuf. In Syrien wie in den meisten mediterranen Ländern sind die Sommerferien aufgrund der großen Hitze sehr lang, dreieinhalb Monate. Also habe ich mich der Illusion hingegeben, dass ich als Lehrer Chemie unterrichten kann und mich im Sommer hinsetze, um zu schreiben. Ich hatte nicht einkalkuliert, dass die damals gerade einsetzende Assad-Diktatur meine Pläne zum Scheitern bringen würde. Ich musste erkennen, wie naiv meine eigentlich einfachen Zukunftsträume waren.

Haben Sie noch die Hoffnung, einmal wieder durch die Straßen Ihrer Heimatstadt Damaskus zu schlendern?

2009 wurde ich von der syrischen Regierung amnestiert, weil das Regime am Ende war. Man wollte sich damals mit exilierten Malern, Künstlern und Schriftstellern schmücken. Wir sollten vom Kultusminister empfangen werden, der vorher als Polizeichef viele Künstler unterdrückt hatte. Ich wollte das nicht und Syrien nur privat besuchen. Doch das wurde abgelehnt.

Wie groß ist Ihre Angst vor einer Rückkehr, falls sich die politischen Umstände einmal zum Besseren wenden?

Die ist größer. Ich war all die Jahre immer noch durch die Illusion geschützt, dass ich mein Bett wiederfinden werde, meine große Bibliothek, die ich zurücklassen musste. Diese Illusion ist durch den Bürgerkrieg gestorben. Das Dorf Malula, in dem ich aufgewachsen bin, hat mehrmals den Besitz zwischen den Islamisten der Al-Nusrah-Front und Assads Regierungstruppen gewechselt. Wir hatten das Pech, dass sich ein Scharfschütze der Islamisten auf dem Dach unseres Hauses verschanzt hatte, das daraufhin von den Regierungstruppen mit einer Rakete beschossen wurde.

Und was ist mit Damaskus, in dem so viele Ihrer Geschichten spielen und von dem Sie geistig zehren?

Dieses Damaskus ist mit Sicherheit zerstört. Ich lebe in diesen Geschichten. Die Konfrontation mit der Realität wäre ein Schock für mich.

Wie wichtig ist Glauben in Ihrem Leben?

Sehr wichtig. Ich bin ja Naturwissenschaftler und daher weiß ich, dass nichts aus sich selbst entstehen kann. Aber ich glaube nicht an die Kirche.

Bringt der Glaube Menschen zusammen oder trennt er uns?

Die Kraft des Glaubens bringt uns zusammen. Es sind die Kirchen und Moscheen, die Pfarrer, Vorbeter und Rabbiner, die die Menschen trennen. Der Glaube an eine Schöpfung verbindet alle. Aber es sind die Institutionen, die die Menschen trennen. Also, da pfeife ich drauf.

Wie schafft man es in dieser Welt nicht zu resignieren?

Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist man manchmal verzweifelt und glaubt, man sei alleine. Aber das muss man überwinden. Ich war etwa 30, als ich festgestellt habe, dass Menschen ohne Hoffnung schlimmer dran sind. Die Hoffnung gibt uns doch erst den Mut, zu erzählen oder einander zu interviewen. Menschen ohne Hoffnung machen die träge Masse derer, die nichts tun, um diese Misere zu beenden, noch größer. Ich möchte immer gerne mit denen sein, die keine großen Helden sind, aber in ihrer Umgebung gegen Rassismus aufstehen, Armen helfen, Flüchtlingskinder betreuen, damit sie nicht in die Hände von Propagandisten fallen oder die auch nur den Mut haben, Menschen, die einen frauenfeindlichen Witz erzählen, ins Wort zu fallen. Ich bin nicht darauf aus, große Politik zu machen oder mich mit dem Kanzler zu treffen, weil so ein Foto gut für unser beider Image wäre. Ich will meinen Nachbarn und meinen Lesern eine Liebeserklärung machen und ihnen sagen, dass wir alle zusammengehören.

Lollar . Es ist eine dieser typischen Rafik-Schami-Geschichten, in denen der preisgekrönte Schriftsteller seine Leser - oder in diesem Fall rund 150 Zuhörer in der voll besetzten Aula der Clemens-Brentano-Europa-Schule (CBES) - mit nach Malula nimmt, dem mythischen Sehnsuchtsort einer stets aufs Neue beschworenen, aber für immer verlorenen Heimat. Dieses Malula ist ein Ort, den man ebensowenig auf der Landkarte findet wie William Faulkners Yoknapatawpha County, in dem aber alle Freunde der Literatur stets ein Zuhause finden.

Schami erzählt in seinem aktuellen Erzählband (und wie immer frei und ohne Manuskript auf der Bühne) von seiner ersten Liebe, die ihm zwecks Horoskop-Erstellung sein Geburtsdatum entlocken will. Ein Unterfangen, das sich als schwieriger erweist, als gedacht, denn über Schamis Eintritt in diese Welt sind seine Eltern, aber auch Großeltern, Tanten und Onkel alles andere als einer Meinung.

Was in unserer westlichen Welt eine Katastrophe wäre, sieht man im Orient lockerer. Während wir in der Mentalitäts-Physik einem streng deterministischen Weltbild anhängen, in dem jede Wirkung eine Ursache und jedes Baby seinen Geburtstag hat, gilt im arabischen Kulturraum die Heisenbergsche Unschärferelation. Sprich: Man nimmt alles ernst, aber nichts so genau.

Diese grundverschiedene Herangehensweise an das Leben findet man auch in Schamis Literatur, die erst, wenn sie der Autor selbst vorträgt, zu vollem Leben erwacht. Seine Geschichten sind Juwelen mit vielen Facetten, die ihren ganzen Glanz erst entfalten, wenn sie aus dem Buch, dem Gefängnis der Eindeutigkeit, entkommen, wenn sie mäandern, aus- und weitschweifen, auf kaum befahrene Seitenarme abtreiben und kurz vor der Pointe noch mal einen Umweg einschlagen.

Man könnte Schami einen Idylliker nennen, vielleicht macht das auch einen Teil seines großen Erfolges in unserer harmoniebedürftigen Konsens-Republik aus. Aber wie bei Jean Paul, einem anderen oft als Biedermeier-Poeten Verkannten, lauern bei Schami die Bestien unter den Brettern der Bühne. Immer wieder sind es kleine Nebensätze oder ein sarkastischer Kommentar, die das verklärte Bild einer zumeist glücklichen Kindheit wie Schwerthiebe durchtrennen. Und dahinter sieht man dann die ungeschminkte Fratze einer Diktatur, die Schami vor mittlerweile 52 Jahren aus seiner Heimat getrieben hat. Es ist eine große Tragik, wenn er heute akzeptieren muss, dass der Assad-Clan, der seine Lebensträume zerstörte, das kleinere Übel ist, angesichts des IS-Horrors, der noch immer in seiner Heimat wütet.

Und auch wenn Schami ausdrücklich betonte, dass er seine Zuhörer in diesen schweren Zeiten vor allem zum Lachen bringen wolle, begann er seinen Vortrag mit einem ungewöhnlich ernsten aber wohl auch nötigen Appell, mehr Zivilcourage im Alltag zu zeigen. Last but not least sei an dieser Stelle ausdrücklich das Organisatorenteam der CBES-Schulmediothek gewürdigt, dem es immer wieder gelingt, Hochkaräter wie Rafik Schami ins kleine, aber literarisch definitiv feine Lollar zu lotsen.

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Ein Ansicht des syrischen Dorfes Malula, in dem Rafik Schami einen Teil seiner Kindheit verbrachte und dem er immer wieder literarische Denkmäler in seinen Romanen und Erzählungen setzt. Foto: Heretiq (CC BY-SA 3.0) © Heretiq (CC BY-SA 3.0

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