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»Ich sehe keinen Autoritätsverlust«

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Der Gießener Unipräsident ist »überzeugt, dass durch mein Handeln kein Schaden für die JLU entstanden ist«. © JLU / Jonas Ratermann

Nach seiner überraschenden Zu- und Absage an der Humboldt-Universität Berlin nimmt Prof. Joybrato Mukherjee, Präsident der Uni Gießen, Stellung zu den Ereignissen und dadurch ausgelöste Kritik.

Gießen . Auch knapp zwei Wochen, nachdem Unipräsident Prof. Joybrato Mukherjee seine Bewerbung für die Präsidentschaft der Humboldt-Universität (HU) Berlin überraschend zurückgezogen hat, sind die damit verbundenen Entwicklungen Gesprächsthema in Gießen. Bislang hat der 48-Jährige zu weitergehenden Nachfragen der Medien geschwiegen, da er erst die Wahl an der renommierten Hochschule in der Bundeshauptstadt abwarten wollte. Die ist nun an diesem Dienstag über die Bühne gegangen und hat mit Prof. Julia von Blumenthal - durch Mukherjees Rückzug einzig verbliebene Kandidatin - eine klare Siegerin hervorgebracht. Im Interview mit dem Anzeiger nimmt der mittlerweile dienstälteste Präsident der Justus-Liebig-Universität (JLU), der dieses Amt bereits seit 2009 innehat, Stellung zu den jüngsten Ereignissen. Wie ebenso zu den öffentlichen Reaktionen, die teils auch mit Kritik an seinem Vorgehen verbunden waren und seine Treue zur JLU infrage stellten.

Prof. Mukherjee, Julia von Blumenthal konnte 44 von 58 möglichen Stimmen für sich verbuchen: Wie bewerten Sie ihre Wahl und haben Sie schon Glückwünsche übermittelt?

Ich habe ihr bereits am Dienstag zu diesem sehr guten Ergebnis gratuliert. Die HU Berlin hat mit der Wahl von Prof. Julia von Blumenthal eine gute Entscheidung getroffen und ihr mit diesem Wahlergebnis ein klares Mandat gegeben. Ich freue mich auch für die HU selbst, weil damit nach dem Rücktritt von Amtsvorgängerin Prof. Sabine Kunst wieder Ruhe einkehrt.

Vorausgesetzt, Sie wären doch in Berlin angetreten: Welche Chancen hatten Sie sich ausgerechnet, als Sieger aus der Wahl hervorzugehen?

Das ist schwer einzuschätzen. Aber ich denke, ich wäre nicht chancenlos gewesen. Doch es ist müßig, jetzt darüber zu spekulieren.

Hatten Sie erwartet, dass gerade Ihre Bewerbung in Berlin in der Öffentlichkeit einen solchen Wirbel verursachen würde? Oder hat Sie das Ausmaß doch überrascht?

Ich denke, von »Wirbel« kann man hier nicht sprechen. So habe ich es zumindest nicht empfunden. Allerdings war mir von Anfang an klar, dass eine solche Personalfrage, zumal sie mit der Humboldt-Universität zusammenhängt, für Aufmerksamkeit in den Medien sorgen würde. Entsprechend umfangreich war dann die Berichterstattung, auch in der Hauptstadt-Presse.

Welche Reaktionen wurden an Sie persönlich herangetragen?

Ich habe im Gespräch und per E-Mail positive Rückmeldungen erhalten, es gab Aufmunterung und Ermunterung. Von denen, die es vielleicht eher kritisch sehen, hat sich keiner bei mir gemeldet - was wohl in der Natur der Sache liegt.

Ein Argument von Kritikern ist, Ihre Bewerbung für die HU Berlin sei nur wenige Wochen nach dem Antritt Ihrer dritten Amtszeit in Gießen erfolgt, also aus deren Sicht zu einem eher ungünstigen Zeitpunkt. Andererseits hatten Sie selbst bei der letztwöchigen Senatssitzung berichtet, dass das Kuratorium der HU Sie eingeladen hatte, sich bei der Anhörung der Wahlversammlung zu präsentieren.

Es war mit nur zwei Wochen zwischen Einladung und Anhörung - normal ist bei einem solchen Verfahren eine viel längere Zeit - ein sehr ungewöhnlicher und engmaschiger Zeitplan, da die HU das Präsidentenamt nach dem Rücktritt von Prof. Sabine Kunst dringend neu besetzen wollte. Entsprechend schnell musste ich meine Entscheidung treffen; dies kann man so oder so bewerten. Natürlich wäre es günstiger gewesen, wenn sich diese Situation erst gegen Ende meiner Amtszeit an der JLU ergeben hätte, aber so ist das eben, wenn ein frühzeitiger Rücktritt an der HU Berlin erfolgt.

Andere Kritiker erinnerten an Ihre letztjährige Aussage, sich »neu in die JLU verliebt« zu haben, und konnten deshalb den Wechselwunsch nicht nachvollziehen.

Diese Liebe gilt auch uneingeschränkt weiter. Ich habe der JLU sehr viel zu verdanken. Allerdings galt meine damalige Aussage den Erfahrungen nach dem Cyberangriff, als an der JLU alle ganz dicht zusammengerückt sind, um diese Krise zu bewältigen. Mir das in der aktuellen Situation und im Zusammenhang mit der HU Berlin vorzuwerfen, geht zu weit, finde ich.

Wie sind Ihre Gespräche mit der HU Berlin bis zu Ihrer Absage aus »grundsätzlichen gleichstellungspolitischen Erwägungen« nur zwei Tage vor der Anhörung verlaufen?

Ich habe bereits bei den Vorgesprächen, die sich bis in den Samstag vor der Anhörung erstreckten, neben meinen Zielen und programmatischen Vorstellungen auch klargestellt, dass ich es nicht für vertretbar halte, wenn das HU-Präsidium für mehrere Jahre nur aus vier Männern besteht. Schließlich leben wir im Jahr 2022. Deshalb war es mir wichtig, das Gremium möglichst zeitnah um einen zusätzlichen Posten zu erweitern und diesen mit einer Frau zu besetzen. Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, dass es für mich und auch die HU keinen Sinn macht, mich sonst zur Wahl zu stellen. Leider blieb bis zuletzt unklar, wie die Chancen für eine solche Erweiterung stehen.

Müssen wir in den kommenden Jahren damit rechnen, dass Sie sich erneut für ein Präsidentenamt an einer anderen renommierten Hochschule bewerben könnten? Sie ließen ja in der Vergangenheit durchblicken, dass es zwischenzeitlich »andere Job-Angebote« gegeben habe, ohne hier konkreter geworden zu sein.

Nein, ich bin als Professor und Präsident dieser Universität ja nicht auf aktiver Jobsuche. Unabhängig davon erlaube ich mir aber eine Bemerkung: Das Wissenschaftssystem lebt von der Wechselbereitschaft und dem Wettbewerb. Das beginnt schon bei Studierenden und Promovierenden und gilt auch für Post-docs sowie Professorinnen und Professoren. Im Wissenschaftssystem bleibt man nicht unbedingt bis zur Rente auf ein und derselben Position. Wechsel und Wechselbereitschaft gehören zu unserem System - auf allen Ebenen.

Haben Sie womöglich so etwas wie einen Karriereplan oder ganz bestimmte Vorstellungen, wie es für Sie weitergehen soll?

Nein, einen solchen Plan habe ich nicht. In meinem Werdegang war es schon immer so, dass sich Dinge ergeben haben, mit denen ich dann umgehen musste. Ursprünglich hatte ich das Ziel, nach meinem Referendariat Studienrat zu werden. Dann gab es den Zeitpunkt, an dem mir ein bestimmtes Thema für meine Doktorarbeit angetragen wurde. An einem anderen Punkt meines Lebens wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Vizepräsident der JLU zu werden, und später ergab sich dann eine Präsidentschaftskandidatur. Kurzum: Bestimmte Wege sehen erst im Nachhinein wie eine geplante Karriere aus.

Halten Sie es rückblickend und mit dem Wissen um die teils auch negativen Begleiterscheinungen für einen Fehler, sich für das Präsidentenamt in Berlin beworben zu haben?

Die Bewerbung war kein Fehler, aber es gab die eine oder andere Fehleinschätzung von mir. So bin ich vielleicht in den Vorgesprächen zu sehr davon ausgegangen, dass es realistisch ist, das HU-Präsidium zeitnah so erweitern zu können, wie ich es mir vorstellte.

Mit Prof. Julia von Blumenthal steht schon zum dritten Mal eine Frau an der Spitze der Humboldt-Universität. In Gießen ist das in der nunmehr 414-jährigen Universitätsgeschichte noch kein einziges Mal gelungen. Finden Sie, dies ist längst überfällig?

Auch an der JLU wird irgendwann die Frage zu beantworten sein, ob nicht mal eine Frau Präsidentin wird. Seit Beginn meiner ersten Amtszeit 2009 war es mir persönlich immer ein Anliegen, eine angemessene Frauenrepräsentanz im Präsidium der JLU sicherzustellen. Ob das aber immer gelingt, ist eine andere Frage, da es auch von Wahlergebnissen abhängt.

Glauben Sie, durch die jüngsten Ereignisse als Präsident an Autorität verloren zu haben? Werden Sie etwas an der Art Ihrer Amtsführung ändern?

Ich bin überzeugt, dass durch mein Handeln kein Schaden für die JLU entstanden ist. Daher sehe ich auch keinen Autoritätsverlust. Kritiker werden das wahrscheinlich anders beurteilen. Ich habe an der JLU eine Aufgabe, für die ich für sechs Jahre gewählt worden bin. Und die möchte ich erfüllen.

Welche Projekte haben für Sie in den kommenden Jahren Ihrer Präsidentschaft Priorität?

Es wird zum einen darum gehen, die Universität resilienter gegen Cyberangriffe zu machen und hierzu die IT-Struktur zu stärken. Nach drei wegen der Corona-Pandemie weitestgehend digitalen Semestern und einem Präsenzsemester mit Einschränkungen steht uns außerdem nun im Sommer wieder ein Präsenzsemester bevor. Dennoch gilt es, parallel die Digitalisierung weiter voranzutreiben. Zudem wollen wir mehr Nachhaltigkeit erreichen und die wissenschaftliche Relevanz steigern.

Ihnen wird ja immer wieder mal nachgesagt, auch Ambitionen zu haben, irgendwann einmal ein hohes politisches Amt übernehmen zu wollen. Was ist da wirklich dran?

Nichts. Die Politik ist ein sehr hartes Geschäft. Ich habe vor allen, die hier tätig sind, einen großen Respekt. Mir gefällt das Wissenschaftsmanagement, das eher eine politische Spielfeldrand-Position ist, besser.

Die Ereignisse rund um die zurückgezogene Bewerbung von Prof. Joybrato Mukherjee an der Humboldt-Universität (HU) wurden auch beim Hochschulrat der Justus-Liebig-Universität (JLU) und im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der JLU genau verfolgt.

Auf Nachfrage des Anzeigers teilt der Hochschulrat-Vorsitzende Dr. Wolfgang Maaß mit, dass »auch wir von der Bewerbung überrascht waren«. Mukherjee habe den Mitgliedern des Gremiums jedoch »überzeugend dargelegt, dass er aus Berlin bezüglich dieser ehrenvollen Aufgabe angesprochen worden sei und er sich dieser Herausforderung stellen wolle«. Dass er dann kurz vor der Anhörung abgesagt hat, weil sich seine gleichstellungspolitischen Vorstellungen nicht umsetzen ließen, demnach das Präsidium der HU Berlin bei seiner Wahl ausschließlich aus Männern bestanden hätte, »haben wir mit Respekt zur Kenntnis genommen. Ist uns doch aus dem langjährigen Miteinander bekannt, welch hohe Bedeutung er diesem Thema beimisst«, so Maaß. »Im Ergebnis waren wir freilich auch froh, dass er uns an der JLU erhalten bleibt, genießt er doch - selbstverständlich auch weiterhin - das uneingeschränkte Vertrauen des Hochschulrats.« Negative Auswirkungen auf seine weitere Amtszeit in Gießen sehe man daher nicht.

Vonseiten des AStA lässt Mira Gerber vom dortigen Hochschulpolitik-Referat auf Anfrage wissen, eine Stellungnahme sei ohne Abstimmung im Plenum nicht möglich. »Darüber hinaus möchten wir von spekulativen Überlegungen, die jenseits von den offiziellen Stellungnahmen von Herrn Mukherjee liegen, absehen«, teilt sie mit. (fod)

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