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»Ich stottere, na und?«

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Von: Eva Pfeiffer

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Joachim Haas hat sich lange versteckt. Nun will er auf das Stottern und die damit verbundenen Sorgen aufmerksam machen. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

Der gebürtige Gießener Joachim Haas geht offen mit seiner Sprechstörung um

Gießen . Es ist ein trister, kühler Oktobervormittag, als Joachim Haas bei einem Milchkaffee kein Blatt vor den Mund nimmt. Er will sensibilisieren, ein Bewusstsein schaffen und zeigen, dass selbst die negativsten Erfahrungen eine positive Wendung nehmen können. »Früher hätte ich mich nicht mit Ihnen treffen können. Ich wäre lieber gestorben.« Der 44-Jährige hat sich lange versteckt. Er stottert - und hat deshalb viel Mobbing und Ausgrenzung erfahren. Schon mit neun Jahren ist er so verzweifelt, dass er sich umbringen will: Der Junge legt sich auf die Bahngleise in der Nähe seines Elternhauses in Kleinlinden. Zwei weitere Suizidversuche folgen.

Heute kann er über all das mit anderen Menschen sprechen. Als Teenager vertraut er sich lediglich seinem Computer an. »Ich hatte Angst, dass es Nachteile für mich hat, wenn ich alles erzähle.«

Haas kommt 1978 in Gießen zur Welt. Als seine Schwester zwei Jahre später geboren wird, hat er noch immer kein Wort gesprochen. Die Eltern sind irritiert, machen sich Sorgen. Stimmt etwas nicht mit ihrem Sohn, ist er krank? Ein Marathon durch verschiedene medizinische Abteilungen beginnt. Eine organische Erklärung für sein Schweigen findet sich nicht. Und während Gleichaltrige bereits munter drauflos plappern, spricht Joachim Haas erst als Vierjähriger seine ersten Worte - und stottert dabei.

Wieder suchen seine Eltern Hilfe bei Medizinern, ihr Sohn wird da bereits im Kindergarten ausgegrenzt: »Mit Dir spielen wir nicht!« Mit der Einschulung wird es noch schlimmer, nach einem halben Jahr muss er die Schule verlassen. »Das war der Horror. Man will lernen und wird ausgeschult.«

Haas wechselt auf eine Sprachheilschule, doch das Mobbing hört nicht auf. Nur einen echten Schulfreund hat er, die vielen schlechten Erfahrungen machen ihn misstrauisch gegenüber Annäherungsversuchen. Seine Schwester prügelt sich derweil mit den Jungs, die ihren älteren Bruder drangsalieren. In einem Gießener Stadtbus blafft ihn ein älterer Mann an: »Sowas wie Dich hätten wir früher vergast.« Die Bedeutung dieser widerlichen Aussage wird dem Jungen erst später bewusst.

Besser wird es erst, als Haas über seinen Schulfreund einen Ausbildungsplatz in einer Bäckerei erhält. Sein Ausbilder verteidigt ihn gegenüber Anfeindungen von Kollegen, langsam wächst sein Selbstbewusstsein. »Um ein guter Bäcker zu sein, muss man nicht sprechen können. Man muss das Handwerk beherrschen.«

Doch seinen Alltag belastet das Stottern weiterhin. »Beim Einkaufen habe ich lieber meiner Schwester ins Ohr geflüstert, anstatt F-f-f-f-f-f-f-f-leischwurst zu bestellen«, verdeutlicht er. Erst 2001, da ist er bereits 23 Jahre alt, wird er über seine Tante auf die Stotterer-Selbsthilfegruppe Gießen aufmerksam. Zwei Jahre später übernimmt er die Leitung der Gruppe, 2005 wird er erstmals in den Vorstand des Landesverbands Hessen der Stotterer-Selbsthilfe gewählt.

Jungen häufiger betroffen

Haas beginnt eine Konfrontationstherapie nach dem amerikanischen Sprachtherapeuten Charles Van Riper und befasst sich intensiv mit der Thematik. Die Störung des Redeflusses ist als Sprechbehinderung anerkannt, Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. In vielen Fällen verschwindet die Sprechstörung bis zur Pubertät. Warum das so ist, ist bislang ebenso wenig klar wie die genauen Ursachen des Stotterns. Erwachsene können zwar eine Linderung ihrer Symptome erreichen, die Ursache aber nicht beseitigen. Mit dem Welttag des Stotterns, der seit 1998 am 22. Oktober begangen wird, soll auf das Thema und die damit verbundenen Sorgen und Nöte stotternder Menschen aufmerksam gemacht werden.

Beim Gespräch im Café sprudeln manche Sätze nur so aus dem 44-Jährigen heraus, für andere wiederum benötigt er mehrere Anläufe, um sie zu Ende zu bringen. Stottern ist keine statische Störung, je nach Situation kann sie unterschiedlich stark ausfallen. Früher, erzählt Haas, hat er beim Sprechen die Fäuste geballt und den Oberkörper vor und zurück bewegt. Diese erlernten Sekundärsymptome waren ein Versuch, aus dem Stottern herauszukommen. »Tatsächlich hat es das durch die zusätzliche Anstrengung noch verschlimmert. Und es hat andere Menschen verunsichert.« Heute geht er gelassen mit seiner Sprechstörung um: »Ich stottere, na und?«

Seinen erlernten Beruf muss Haas aufgeben, als er eine Mehlstauballergie entwickelt. Der gebürtige Gießener sattelt um, wird Fachkraft für Lagerlogistik. Die Ablehnung, die er durch sein Stottern erfährt, lässt ihn zum Essen greifen: »Mehrere Tafeln Schokolade, eine ganze Packung Schokoküsse, eine Familientüte Gummibärchen. 10 000 bis 15 000 Kalorien habe ich pro Tag gefuttert. Süßigkeiten waren meine Droge, um meine Seele zu betäuben.«

Süßigkeiten für die Seele

Peu à peu nimmt Haas zu, irgendwann wiegt er 160 Kilogramm, seine Arbeit kann er aufgrund körperlicher Beschwerden nicht mehr ausüben. Im August 2020 wird bei ihm Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Ein Weckruf: Er krempelt während der Corona-Pandemie seine Ernährung um, verzichtet fast gänzlich auf Zucker, kocht selbst. Außerdem geht er laufen. Zwei Jahre später hat er sein Gewicht halbiert, ein Bekannter, der ihn im Café entdeckt, erkennt ihn kaum wieder.

Nachdem die Kontaktbeschränkungen während der Pandemie auch die Arbeit der Stotter-Selbsthilfegruppe in Gießen erschwert haben, finden die Treffen nun wieder im zweiwöchigen Rhythmus statt. Haas und seine Mitstreiter organisieren Workshops, eine Übungsgruppe, Entspannungseinheiten oder einen Ausflug in die Eisdiele. »Stottern ist mit großer Sprechangst verbunden. Man muss erstmal wieder Kontakt zu anderen Menschen aufbauen, das geht nicht von null auf 100.« Joachim Haas arbeitet daher gerade an einem Kalender, der für jeden Tag eine Übung vorsieht, verbale und nonverbale: Mal soll der Stotterer ein Lied pfeifen, mal einen Flyer verteilen. Außerdem will er weitere Selbsthilfegruppen gründen, Betroffene sollen nicht weiter als 35 Kilometer fahren müssen, um an den Treffen teilnehmen zu können.

Mit seiner Arbeit will Haas aber nicht nur anderen Betroffenen helfen, sondern auch Normalsprechende erreichen. Für sie hat er Tipps für den Umgang mit Stotterern: Blickkontakt halten, nicht ins Wort fallen oder versuchen, die Sätze für sie zu vervollständigen. »Man sollte nicht über Stotterer sprechen, sondern mit ihnen. Und wer etwas nicht versteht, darf ruhig nachfragen.«

Der 44-Jährige hofft, dass mit jungen Stotterern heute sensibler umgegangen wird als in seiner Kindergarten- und Schulzeit und dass Eltern ihren Kindern vermitteln, dass jeder Mensch anders ist - und das auch gut ist: »Wenn wir alle gleich wären, würden wir alle das Gleiche denken und wären wie Roboter. Das wäre doch langweilig.«

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