1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Ich war in meinem Kopf verrückt«

Erstellt:

Von: Eva Pfeiffer

giloka_0610_gericht2_ebp_4c
Weil er einen Gießener im Seltersweg mit einem Messer angegriffen hat, muss sich ein 45-Jähriger derzeit vor dem Gießener Landgericht verantworten. Symbolfoto: Mosel © Red

Nach der Messerattacke bei »Sport in der City« im Seltersweg in Gießen steht ein 45-Jähriger Algerier vor Gericht - dabei geht es auch um eine mögliche Radikalisierung

Gießen . Es ist der erste Sonntag im April dieses Jahres. Die Sonne scheint, im Seltersweg herrscht ungewöhnlich großer Betrieb, denn »Sport in der City« und ein verkaufsoffener Sonntag locken die Menschen in die Innenstadt. Sportvereine aus Gießen und Umgebung haben Stände aufgebaut, Familien probieren sich durch Ballwurf, Torwandschießen oder Breakdance. Gegen 16.50 Uhr passiert das, was seit dem gestrigen Mittwoch vor der 9. Strafkammer am Gießener Landgericht verhandelt wird: Ein 26-jähriger Gießener, der an einem der Stände für seinen Verein wirbt, wird mit einem Messer angegriffen und im Hals- und Nackenbereich verletzt.

Wegen körperlicher Misshandlung und gefährlicher Körperverletzung verantworten muss sich ein 45-jähriger Algerier. Er soll dem Gießener zuerst mit seiner Faust in den Nacken geschlagen und ihn wenig später mit dem Messer verletzt haben. Die Tatwaffe - ein Küchenmesser mit einer 18 Zentimeter langen Klinge - soll er kurz zuvor in einem Kaufhaus im Seltersweg gestohlen haben. Ebenso wie die Jacke, die er zum Tatzeitpunkt trug und an der laut übereinstimmenden Zeugenaussagen noch das Preisschild gebaumelt haben soll.

Stimmen im Kopf

Man könne nicht ausschließen, dass der Angeklagte aufgrund einer nicht behandelten paranoiden Schizophrenie in einem Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt habe, sagte Staatsanwalt Andreas Fischer. Unmittelbar nach der Tat kam der 45-Jährige in Untersuchungshaft, mittlerweile befindet er sich in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Nordhessen.

Er höre Stimmen in seinem Kopf, sagte der Angeklagte, dem für die Verhandlung ein Dolmetscher zur Seite gestellt wurde. Auch vor der Tat habe er diese Stimmen gehört, »sie sagten, dass mein Leben bald endet«. Als Achtjähriger habe er in Algerien etwa einen Monat lang Medikamente bekommen, die Behandlung aufgrund von Schmerzen jedoch abgebrochen. Ein Fall einer paranoiden Schizophrenie in so jungen Jahren sei ihm nicht bekannt, sagte der psychiatrische Gutachter Dr. Jens Ulferts. Seit Gutachten wird im weiteren Verlauf des Verfahrens behandelt.

Zum Tatzeitpunkt war der Algerier noch nicht lange in Gießen. Laut eigener Aussage sei er 1994 wegen des Bürgerkriegs in seiner Heimat in die Niederlande geflohen, Nachdem seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen war, sei er im März 2022 nach Deutschland gekommen. In Büdingen habe er in einer Erstaufnahmeeinrichtung gelebt, aber nach Gießen gewollt.

Die Zeit vor der Messerattacke beschrieb der Algerier so: In einem Geschäft habe er sich Jacke und Messer genommen, denn »mir war kalt und ich musste etwas tun«. Mit dem Küchenmesser habe er sich »vielleicht verteidigen« wollen, »denn ich bekomme Angst, dass mich jemand angreift, wenn ich auf der Straße bin«.

Ob er sich von seinem Opfer bedroht gefühlt habe, wollte der Vorsitzende Richter Dr. Klaus Bergmann wissen. »Nein, er hat mir nichts getan.« Der Angriff sei »ohne Grund« geschehen, »ich war in meinem Kopf verrückt«. Mittlerweile höre er die Stimmen durch die Behandlung seltener, weg seien sie jedoch nicht. Als junger Mann habe er einige Jahre lang Marihuana und Haschisch konsumiert - jedoch nicht vor der Tat. Alkohol habe er selten getrunken.

»Abwesend«, »wahnhaft«, »teilnahmslos« und »völlig neben sich« - so beschrieben anschließend die Zeugen den Algerier. Nach dem Faustschlag in den Nacken habe er den Angeklagten zur Rede gestellt und ihn zum Gehen aufgefordert, schilderte das Opfer. »Er hat mich angestarrt und nicht reagiert.« Bald darauf habe er sich wieder den Kindern am Vereinsstand gewidmet - bis er plötzlich einen stechenden Schmerz im Nacken spürte. Außerdem habe der Angeklagte »Allahu akbar« gesagt, »nicht geschrien. Er wirkte nicht richtig überzeugt.«

Was dann folgte, beschrieb die als Zeugin geladene Polizeioberkommissarin als »Riesentumult, Chaos und Panik«. Die Vereinsmitglieder hatten demnach versucht, den Angeklagten mit Bierbänken - Equipment von ihrem Stand - auf Abstand zu halten. Einem Kunden des nahe gelegenen Schuhgeschäftes war es gelungen, den Algerier in den Schwitzkasten zu nehmen und zu entwaffnen. Beim Eintreffen der Beamten sei der Angeklagte bereits außer Gefecht gewesen - und der beherzt eingreifende Schuhgeschäft-Kunde unauffindbar.

Wohl kein islamistisches Motiv

Anzeichen für eine Radikalisierung gebe es nicht, sagte ein Polizeibeamter, auch der Angeklagte bestritt ein islamistisches Motiv. Laut ehemaliger Zimmergenossen sei der 45-Jährige auch zuvor nicht gewaltig gewesen, habe jedoch Anzeichen einer psychischen Erkrankung gezeigt und teils auch darüber gesprochen.

»Abwesend« sei er auch im Verlauf der Vernehmungen gewesen, seine wenigen Aussagen »wirr« und »unverständlich«. Bei der Festnahme habe er sich nicht gewehrt und ruhig verhalten. Verteidiger Oliver Persch merkte an, dass das Erinnerungsvermögen seines Mandanten während der Verhandlung besser sei, als in den Gesprächen zuvor: »Ich habe das Gefühl, er hat die Anklageschrift auswendig gelernt.«

Die Wunden, die nicht genäht werden mussten, seien gut verheilt, Narben aber sichtbar, sagte das Opfer und knöpfte auf Bitte von Richter Bergmann sein Hemd auf. Und die seelischen Verletzungen? »Wenn ich alleine unterwegs bin, fühle ich mich nicht mehr so wohl.« Er drehe sich häufiger um, könne draußen keine Musik mehr hören und habe das Gefühl, achtsam sein zu müssen. »Ich bin empfindlicher, wenn jemand alkoholisiert oder auf Drogen ist. Ich behalte die Person im Auge und kann ihr nicht mehr den Rücken zudrehen.«

Bevor der 26-Jährige den Gerichtssaal verließ, bat ihn der Angeklagte um Entschuldigung: »Ich bin froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Es tut mir leid.« Das Verfahren wird fortgesetzt.

Auch interessant