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»Ich werde dieses Lager niemals vergessen«

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Der aus der DDR geflüchtete ehemalige Bundesligaprofi Norbert Nachtweih stand den Schülern der Friedrich-Ebert-Schule Rede und Antwort. Foto: An die Wand gespielt © An die Wand gespielt

Gießen. Die sportlichen Erfolge von Norbert Nachtweih (65) sind zahlreich: Jugend- und Juniorennationalspieler der DDR, über 300 Bundesligaspiele für Eintracht Frankfurt und Bayern München, mehrfacher Deutscher Meister und Pokalsieger, UEFA-Cup-Sieger, Finalist im Europapokal der Landesmeister. Und nur die FIFA-Regeln haben verhindert, dass er auch in die Nationalmannschaft des DFB berufen wurde.

Vergangene Woche war Nachtweih in Gießen, um Schülern der Friedrich-Ebert-Schule im Rahmen des Projektes »An die Wand gespielt« als Zeitzeuge zu seiner Flucht aus der DDR zur Verfügung zu stehen. Auch der Anzeiger hat mit ihm gesprochen.

Herr Nachtweih, was haben Sie gedacht, als Sie die Anfrage erhalten haben, an einem Projekt teilzunehmen, mit dem Schüler durch das Thema Fußball für die deutsch-deutsche Geschichte interessiert werden sollen?

Ich bin gerne gekommen und habe gedacht, hoppla, jetzt bist du in kurzer Zeit schon zum zweiten Mal wieder in Gießen, denn vor kurzem war ich erst für eine Reportage im Notaufnahmelager.

Als Sie 1976 aus der DDR geflüchtet sind, waren Sie gerade 19 Jahre alt geworden und bereits ein erfolgreicher Fußballer. Was hat Sie damals zur Flucht bewogen?

Die sportliche Herausforderung und die Neugierde, ob ich mich in der Bundesliga durchsetzen kann. Der Vergleich hat mich gereizt, denn wir hatten ja auch einiges vorzuweisen, gerade in der Nachwuchsarbeit, wo wir in der DDR viel weiter waren. Aber die Bundesliga, die wir auch in der DDR immer im Fernsehen gesehen haben, hat schon einen großen Reiz ausgeübt. Sie war unsere heimliche Liebe und die Frage war, können wir dort bestehen? Aber es war ein Abenteuer.

Gelegentlich liest man, Gießen und sein Aufnahmelager sei für die Menschen in der DDR ein »Symbol für die Freiheit« gewesen. Hatten Sie, bevor Sie geflüchtet sind, den Namen Gießen schon einmal gehört?

Nein, das war das erste Mal. Sicher hat die Freiheit gelockt, aber wir wussten natürlich auch, was Ausreiseanträge damals in der DDR für die Menschen bedeutet haben. Inhaftierung, Folter von politischen Gefangenen und vieles andere mehr.

Jörg Berger, der Ihnen ja gut bekannte ehemalige Bundesligatrainer, der wie Sie aus der DDR geflüchtet ist, hat über seinen Aufenthalt im Notaufnahmelager geschrieben, »Gießen war ein Alptraum«. Er hat damit vor allem die Verhöre der Sicherheitsdienste gemeint. Haben Sie damals ähnliche Erfahrungen gemacht?

Wir haben uns immer gewundert, sind wir jetzt Täter oder sind wir die Verfolgten?! Die Fragen wurden so heruntergeplappert: Warum? Wieso? Weshalb? Da war keine Herzlichkeit dabei. Verhör ist so ein Staatssicherheitsausdruck, aber es war teilweise so. Total gefühllos haben die einen behandelt. Es war fast wie eine Qual, auch für diejenigen, die die Verhöre durchgeführt haben: Schon wieder welche aus dem Osten, was wollen die hier? So ungefähr kam es bei uns an.

Was waren Ihre ersten Eindrücke nach der Ankunft in Gießen?

Durch die Juniorenländerspiele hatte ich ja schon in den Westen reingeschnuppert, aber es war alles doch viel bunter und farbiger, als ich gedacht hatte. An negative Erfahrungen kann ich mich eigentlich nicht erinnern, bis auf die ganze Bürokratie im Lager, die einem den Eindruck vermittelt hat, die sind nicht froh, dass wir hier sind. Und was mir schnell klar geworden ist: Du musst Selbstbewusstsein haben, denn sonst hast du im Westen keine Chance.

Haben Sie es jemals bereut, aus der DDR geflüchtet zu sein?

Nein, obwohl ich natürlich wusste, dass meine Eltern und Geschwister nach meiner Flucht Schwierigkeiten bekommen könnten.

Verbindet Sie heute noch etwas mit Gießen?

Natürlich, denn ich werde dieses Notaufnahmelager niemals vergessen. Zudem war es meine erste Station in Hessen und von hieraus war auch der Schritt zur Frankfurter Eintracht nur ein ganz kleiner.

Glauben Sie, dass heutige Jugendliche durch ihre persönliche Lebensgeschichte etwas lernen können?

Zumindest versuche ich, in solchen Gesprächen den Eindruck zu vermitteln, dass man, wenn man an etwas glaubt, es am Ende auch erreichen kann.

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