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»Ich will weiter rechnen«

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Schlaue Köpfe: Die »Mathe-Cracks« haben viel Freude beim Lösen kniffeliger Mathematikaufgaben. Foto: Schäfer © Schäfer

Für kleine Mathe-Genies hat das Gießener Institut für Didaktik der Mathematik den Kurs »Mathe für Cracks« organisiert. 40 Kinder aus der dritten bis fünften Klasse dürfen daran teilnehmen.

Gießen . Es ist Mittagszeit. Aus dem Haus C am Campus Philosophikum II der Justus-Liebig-Universität (JLU) strömen 40 Grundschulkinder zum Mittagessen in Richtung Mensa. Eltern eines der Kinder wollen ihren Sprössling aus der Masse herausfischen, ihn abholen. »Ich will nicht gehen. Ich will weiter rechnen«, bettelt der Nachwuchs. Es ist eines der mathematisch begabten Schüler, die sich in der Schule im Mathematikunterricht langweilen, weil ihnen die Aufgaben dort zu simpel sind.

Für diese kleinen Mathe-Genies hat das Institut für Didaktik der Mathematik den Kurs »Mathe für Cracks« organisiert. 40 Kinder von der dritten bis zur fünften Schulklasse dürfen an drei Samstag daran teilnehmen. Sie müssen dazu von ihren Lehrern empfohlen und von ihren Eltern angemeldet werden. Es sind Kinder, die gerade an solchen Aufgaben Spaß haben, wo man nicht sofort etwas rechnen, sondern erst einmal gründlich überlegen muss. Wo man das Problem von verschiedenen Seiten betrachten und auch einmal etwas länger knobeln muss. Kinder, die nicht einfach glauben, was man ihnen sagt, sondern die verstehen möchten, warum etwas so sein soll.

In diesem Kurs haben sie die Chance, selbst Mathematik zu entdecken, Tipps und Strategien zum Lösen mathematischer Probleme zu erproben und zu erfahren, wie Wissenschaftler arbeiten. Anhand von Fragestellungen aus Geometrie, Kombinatorik, Logik und Zahlentheorie werden in Workshops Charakteristika der Mathematik erarbeitet. Ziel des Kurses ist es, die Schüler mit Herangehensweisen und Strategien des Experimentierens, Problemlösens und Begründens vertraut zu machen und allgemein ihr Interesse auch für Gebiete der Mathematik zu fördern, die im Alltagsgeschäft des Unterrichts eine eher untergeordnete Rolle spielen.

Franziska Peters, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Institutes, die diesen Kurs leitet: »Wir verlangen keine Testergebnisse bei der Anmeldung. Damit wir dennoch keine unpassenden Anmeldungen bekommen und die Kinder im Kurs nicht total überfordert sind, müssen beide, Eltern und Lehrer, die Anmeldung unterschreiben.« Der Mathematiklehrer deshalb, weil er damit den hohen Leistungsstand seines Schülers in dem Fach bestätige. Die Eltern, weil sie ihr begabtes Kind mit dieser speziellen Förderung unterstützen möchten.

So knobeln 40 Kinder den ganzen Vor- und Nachmittag über jeweils zu zweit an insgesamt 20 Stationen, um die vorgegebenen mathematischen Herausforderungen zu lösen. Die Aufgaben sind in sieben Themengebiete eingebettet: die fünf Inhaltsfelder, die das Hessische Kerncurriculum für die Grundschule vorsieht (Zahl und Operation, Raum und Form, Daten und Zufall und andere) sowie die erweiternden Bereiche »Kunst und Geschichte« sowie »Mathematiker und Erfinder«. Für die richtige Lösung der Stationsaufgaben gibt es dann einen Stempel auf den Laufzettel.

Der Veranstaltung vorausgegangen ist ein Seminar für die 20 Studenten, die jeweils eine Station betreuen. Sie sollen dabei üben, wie man die kleinen Genies herausfordert, minimal unterstützt, sie in der Aufgabenlösung mit kleinen Hilfestellungen anschubst, ohne die Lösung direkt aufzuzeigen. Dabei sollen sie auch erfahren, dass es bei der Lösung manchmal mehrere Wege gibt, um zum Ziel zu gelangen. Die Studenten sollen durch diese Arbeit motiviert werden, in ihrem späteren Unterricht als Lehrer solche Dinge in den Unterricht zu integrieren.

Franziska Peters betont, dass das Leistungsniveau der Teilnehmer sehr heterogen ist. »Manches Kind aus dem dritten Jahrgang beherrscht bereits den Stoff aus der siebten Klasse. Und manches aus der fünften den der sechsten.« Bei dem Kurs gehe es allerdings nicht darum, dem Lernstoff aus höheren Jahrgangsstufen vorzugreifen, sondern um ein »Enrichment«. Dies bedeute, dass Lehrinhalte ausschließlich vertieft würden. Eigentlich sei es, so Peters, die Aufgabe der Lehrer, ihre hochbegabten Schüler zu fördern. In Deutschland vermisst sie die Wertschätzung für das Hobby Mathematik. In der Schule würden Mathe-Cracks oft belächelt oder gar gemobbt. »Andere Länder kriegen das besser hin.« In Deutschland genieße da beispielsweise der Sport ein ungleich größeres Ansehen in der Bevölkerung. Durch die Mathe-Cracks soll deshalb auch ein Ort geschaffen werden, an dem die Kinder Wertschätzung für ihre Freude an der Mathematik erfahren und Freundschaften mit Gleichgesinnten schließen können.

Im Jahr 2019 wurde der Kurs für die 3. bis 5. Klasse das erste Mal an der JLU durchgeführt. 2020 musste er Pandemie-bedingt ausfallen. Letztes Jahr fand er dann ausschließlich online statt.

Am dritten Samstag des diesjährigen Kurses wird Prof. Albrecht Beutelspacher, Leiter des Mathematikums, im Hörsaal eine Minivorlesung halten. Die Anmeldezahlen seien in diesem Jahr so hoch gewesen, dass man Wartelisten anlegen musste. Für die Klassen sechs bis acht wird im kommenden Wintersemester ein entsprechender Kurs angeboten. Zwar nicht in Gießen, doch im nahen Wetzlar gibt es einen »Junior-MatheClub«, konzipiert für mathematisch begabte und interessierte Schüler der Klassenstufen drei bis sechs. Laut Homepage ist hierbei nicht so sehr die Mathe-Note entscheidend, sondern der Spaß am Umgang mit Fragestellungen, die logisches und problemlösendes Denken erfordern. Gefragt sind nicht nur die »guten Rechner«, sondern auch besonders jene Kinder, die gerne »Knobelaufgaben« lösen.

Der weiterführende »MatheClub« ist für mathematisch interessierte und begabte Schüler der Klassen sieben bis 13 konzipiert. In ihm sollen die ganze Bandbreite mathematischer Ideen und Probleme erforscht sowie Gebiete jenseits der Schulmathematik erkundet und Wettbewerbsaufgaben gelöst werden.

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