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»Idefix« im Arbeitseinsatz

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Thilo Rinn schafft mit seinen Kaltblütern umweltfreundlich das Schnittgut aus den durchfeuchteten Wiesen der Wieseckaue. © Schäfer

Pferde statt Motoren: Kaltblüter schaffen in der Gießener Wieseckaue Schnittgut und Äste weg.

Gießen. Wer am Mittwochvormittag auf dem Fuß- und Radweg zwischen Sellnberg und Eichgärtenallee durch die Wieseckaue unterwegs war, konnte Ungewöhnliches bestaunen: Pferde, genauer gesagt, zwei Kaltblüter bei der Arbeit. Kaltblüter sind eine kräftige, robuste Pferderasse. Während sich das eine Tier neben dem Viehanhänger gemächlich aus dem Heukorb Futter herausbiss, zog das andere Arbeitstier namens Idefix abgeschnittene Äste und Zweige aus dem Gelände zum Wegesrand.

Das Gartenamt hatte die gemeinnützige Gesellschaft für Integration, Jugend und Berufsbildung (IJB) beauftragt, an einer von zwei Reihen Kopfweiden alle Äste und Zweige bis auf den bloßen Stamm zu entfernen.

Aus naturschutzrechtlichen Gründen hatte diese Arbeit genau wie das Fällen von ganzen Bäumen bis zum 28. Februar erfolgen müssen. Nun lag das gesamte abgeschnittene Grünzeug auf dem recht feuchten Untergrund der Wieseckaue. Mit motorisierten Fahrzeugen dies zu bergen, hätte zur Verdichtung durch die hinterlassenen Reifenspuren geführt. Alles per Hand wegzutragen, wäre ein recht langwieriges Unterfangen gewesen. So besann sich Benjamin Lakowski, der Leiter Baumpflege beim Gartenamt, darauf, diese Arbeit von Pferden verrichten zu lassen. »Da ich privat selbst Pferde besitze, lag der Gedanke sehr nahe, zumal dies auch nachhaltig ist.«

Nachhaltig

Damit die Rücke-Arbeit vonstattengehen konnte, musste einige Tage ohne Regenfälle abgewartet werden. Die Pflege von Kopfweiden ist immer mit einem radikalen Rückschnitt verbunden. Dieser lässt den Baum in einer scheinbar brutal entasteten Situation zurück. Der Eindruck ist aber nur auf den ersten Blick gerechtfertigt. Würde dieser alte Baum unkontrolliert wachsen, dann zerbräche der Stamm irgendwann unter der Last der Äste. Durch das Schneiden alle paar Jahre bleibt die Last für den Stamm verträglich.

Vor drei Jahren wurden die knapp 90 Bäume das letzte Mal geschnitten. »Das nächste Jahr ist die andere Reihe dran«, so Lakowski.

Holger Cibis ist Fachanleiter bei dem Bildungsträger IJB. Langzeitarbeitslose sollen hier durch Arbeitsgelegenheiten wieder zu einer Tagesstruktur finden. Früher nannte man dies Ein-Euro-Jobs. »Für diese Menschen ist es wichtig zu wissen, was es heißt, acht Stunden am Tag zu arbeiten.« 43 Bäume hat sein Team - »im Schnitt sieben Personen« - an insgesamt sechs Arbeitstagen entastet. Außer bei der Unterstützung des Gartenamtes besteht Zusammenarbeit mit dem Landschaftspflegeverein (LPV) bei der Pflege von Streuobstwiesen und Ausgleichsflächen. Auch Stadtförster Kriep wird beim Pflanzen und Pflegen junger Bäume geholfen. Zudem ist die IJB bei dem Rückbau des Gartenamtes bei Gärten an der Lahn beteiligt. Hierbei wird mehr Zugang der Bevölkerung zu dem Fluss geschaffen.

Der Schnitt wurde vorsortiert, später zu den Hardtgärten gefahren und dient noch allerhand pädagogischen und ökologischen Zwecken. So werden die dicken, langen Äste für den Bau von Tipis (»Indianerzelte«) in Waldkindergärten verwendet, aus kleineren Ästen können Kinder Tunnel bauen. Auch werden sie als Triebe bei der Anlage von Hecken verwendet oder dienen zur Weidenrindengewinnung.

Thilo Rinn, der mit seinem Forstbetrieb die Holzrückearbeiten durchführte, hat am frühen Morgen bereits eine 30-Kilometer-Fahrt mit seinen beiden Kaltblütern von Gladenbach-Mornshausen in die Wieseckaue zurückgelegt. Insgesamt besitzt der seit 2016 bestehende Ein-Mann-Betrieb vier Kaltblüter, von denen drei als Arbeitspferde voll ausgebildet sind. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Rinn im Forst. Als Arbeitspädagoge bietet er Pferdeholzrücke-Kurse, Ausbildung von Arbeitspferden und Motorsägelehrgänge mit KFW-Gütesiegel an. »Auch würde ich gerne kleinen Kindern und Schulklassen zeigen, wie nachhaltig die Arbeit mit Pferden ist.«

Nicht nur hierzu fehlen ihm die Aufträge. Im vergangenen Jahr hat Rinn 15 000 Euro in einen zwei Meter breiten Spindelmäher investiert. »Der wäre ideal für die Pflege von Parkanlagen, arbeitet mit echter Pferdekraft extrem nachhaltig - im Gegensatz zu den motorgetriebenen.«

Doch nicht einen einzigen Arbeitsauftrag für sein neues Gerät habe er bisher erhalten, bedauert er. Laut Lakowski hat das Gartenamt aber einen solchen derzeit ins Auge gefasst. »Wenn man das nicht ausprobiert hat, kann man so einen Einsatz auch nicht beurteilen«, meint Rinn. Bis dahin bleibt ihm und seinen Pferden das Hacken von Karottenfeldern auf dem Hofgut Dagobertshausen bei Marburg.

Idealistisch

Thilo Rinn gibt sich als Idealist, wenn er sagt: »Betriebswirtschaftlich macht das alles für mich wenig Sinn. Wenn ich mit den Pferden drei, vier Wochen keinen Einsatz habe, muss ich sie daheim irgendwie beschäftigen. Sonst verlieren sie ihre Kondition.« Und die fehlt ihnen dann bei der Arbeit, die zumeist im Akkord ausgeführt wird.«

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