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Im Dschungel der Geschichte

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Hinterließ umfangreiche Aufzeichnungen zu seinen vier Südamerika-Expeditionen: der Ethnologe Theo Koch-Grünberg. Archivfoto: Oberhessisches Museum © Red

Eine neue Ausstellung zur ethnografischen Sammlung des Oberhessischen Museums erzählt von Forschern, Objekten und Recherchen.

Gießen. Das Oberhessische Museum hat Objekte aus den unterschiedlichsten Weltregionen in seiner ethnographischen Sammlung. Schilde aus Tansania, Trinkgefäße aus Ruanda oder Rucksäcke aus dem Amazonasgebiet zählen zu den mehreren Tausend Stücken, die das Haus aufbewahrt. Doch wie kamen all diese Objekte nach Gießen, was ist ihre Bedeutung, was ihre Geschichte? Mit diesen Fragen setzt sich das Museum seit Ende 2020 intensiv auseinander. Für eine neue Sonderausstellung wurden nun einige Ergebnisse dieser Recherche zusammengetragen: »Zwischen Sammelwut & Forschungsdrang. Koloniale Kontexte in Gießen« ist die Schau betitelt, die am morgigen Donnerstag um 19 Uhr eröffnet wird.

Expeditionen des Grünbergers

Einen Schwerpunkt bildet die Arbeit und das Wissenschaftlerleben von Theo Koch-Grünberg (1872 - 1924), dessen Geburtstag sich am 9. April zum 150. Mal jährte. Nach seinem Studium in Gießen war der gebürtige Grünberger (daher der zweite Nachname) an insgesamt vier Expeditionen nach Südamerika beteiligt und dabei auch in weitgehend unerforschtes Amazonasgebiet vorgestoßen. Bedeutend ist seine Arbeit auch deshalb, weil er zahlreiche detaillierte Aufzeichnungen dazu hinterließ. Er schrieb nicht nur fleißig und »sehr gut lesbar« Tagebuch, wie Ausstellungskurator Mario Alves bei einem Presserundgang berichtete. Koch-Grünberg sammelte auch Sprachen und Mythen - und er brachte Ton- und Filmaufnahmen von den indigenen Stämmen mit nach Hause. So wurde er zu einem der wichtigsten deutschen Ethnologen des 20. Jahrhunderts, dem derzeit auch zwei Ausstellungen in Marburg und Grünberg gewidmet sind.

Das Oberhessische Museum hat nun zahlreiche Objekte, die von Koch-Grünbergs Reisen nach Südamerika stammen, in der Ausstellung versammelt. Dazu zählen etwa ein großer Sitzschemel, ein Köcher für ein Blasrohr oder ein als Schmuckstück genutzter Jaguarzahn. Ein für seine von Nationalismus und Kolonialismus geprägte Zeit besonders untypischer Forscher war der Mittelhesse, weil er, wie der Kurator schwärmt, den indigenen Menschen auf Augenhöhe begegnete. Fotos zeugen davon, wie Koch-Grünberg sich für die Aufnahmen ohne Dünkel zwischen den Dschungelbewohnern positionierte. »Mein Freund« steht als Notiz auf einem schwarz-weißen Foto, das ihn zusammen mit einem Jungen im Lendenschurz zeigt.

Über die Recherche zu diesem empathischen Mann ergaben sich für Alves und seine Kollegin Manuela Rocholl zudem zahlreiche Querverbindungen, die ein Netzwerk seiner Zeit sichtbar machen. Das wird in der Ausstellung nicht nur auf einer Schautafel nachvollziehbar, sondern auch über Linien auf dem Boden des Ausstellungsraums, die die einzelnen Stationen miteinander verbinden. Denn Koch-Grünberg war damals, im frühen 20. Jahrhundert, nicht der einzige Deutsche, der fremde Länder erkundete.

Eine dieser Verbindungen führt zu Reinhard Houy, der an Expeditionsreisen nach Ostafrika teilnahm. Auch Spuren dieser Unternehmungen werden in der Sonderausstellung sichtbar. Neben Objekten aus Tansania, Kamerun und Ruanda - damaligen Kolonien - sind auch alte Karten und Bücher zu sehen, die auf die damaligen Reisewege verweisen. Rocholl und Alves haben bei deren Nachverfolgung auch Kontakt zu zwei Museen in Tansania und Kamerun aufgenommen, um mehr über die Herkunft der Objekte zu erfahren, die zumeist als Alltagsgegenstände genutzt wurden. Daraufhin machten sich afrikanische Kollegen auf Spurensuche vor Ort. Sie besuchten Dörfer der entsprechenden Regionen und befragten dort lebende Menschen nach ihrer Beziehung zu den Objekten. Zwei Kollegen aus Kamerun und Tansania werden nun zu einer öffentlichen Tagung am 16. und 17. Mai in Marburg und Gießen erwartet, um ihre Arbeit vorzustellen.

Denn besonders wichtig ist den Gießener Museumskuratoren, dass »erst der Blick aus verschiedenen Perspektiven ein differenziertes Bild all der Objekte ermöglicht, die lange unbeachtet in den hiesigen Depots schlummerten - und doch so viel zu erzählen haben.

Die neue Sonderausstellung »Zwischen Sammelwut & Forscherdrang - Koloniale Kontexte in Gießen« wird am Donnerstag, 5. Mai, um 19 Uhr im Alten Schloss eröffnet. Eine Anmeldung ist erforderlich, online unter www.museum.giessen.de. Die Schau ist dann bis zum 15. Januar zu sehen. Öffnungszeiten sind jeweils dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr sowie an langen Donnerstagen bis 19 Uhr. Dazu gibt es wieder ein umfangreiches Rahmenprogramm, das in den Flyern und auf der Internetseite des Oberhessischen Museums aufgelistet ist. (bjn)

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