1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Im Gespräch mit einem Marderhund

Erstellt: Aktualisiert:

gikult_namiseite_060522_4c_1
Zwischen Comic und Malerei: das neue Buch von Catherine Meurisse. Repro: Verlag © Andreas Eikenroth

Die Zeichnerin Catherine Meurisse wurde hierzulande 2016 mit ihrer Graphic Novel »Die Leichtigkeit« bekannt. Als Redaktionsmitglied der Satirezeitschrift Charlie Hebdo entging sie damals nur durch einen Zufall knapp dem islamistischen Anschlag und versuchte später, ihre Emotionen zu diesem Drama durch eine Italienreise und ebenjene daraus entstandene Graphic Novel zu verarbeiten.

Nun, knapp sechs Jahre später, begibt sich die Zeichnerin wieder auf eine Reise. Diesmal geht es für vier Monate nach Japan, wo sie als »Artist in Residence« in die Villa Kujoyama in Kyoto eingeladen wurde. Die aktuelle Graphic Novel »Nami und das Meer« lehnt sich dabei frei, sehr frei, an den Künstlerroman »Kusamakura« (auf Deutsch als »Das Graskissen-Buch« erschienen) des Autors Natsume Soseki an, der im frühen 20. Jahrhundert zu den berühmtesten Schriftstellern des Landes gehörte.

Damit Meurisse auf ihren einsamen Streifzügen durch die japanischen Landschaften in den Sprechblasen keine Selbstgespräche führen muss, um den Leser an ihren Gedanken teilhaben zu lassen, bedient sie sich des charmanten Tricks, einem sprechenden Tanuki zu begegnen, einem Marderhund, der in der Mythologie des Landes eine große Rolle spielt. Dieser Gefährte führt sie unter anderem in die Grundkenntnisse der japanischen Kalligraphie ein.

Aber natürlich trifft die Künstlerin auch auf die menschlichen Bewohner Japans, deren Verhalten den Kulturschock wahlweise gegenseitig anheizen oder beschwichtigen. Unter anderem begegnet sie in der Nähe der Residenz einem malenden Poeten beziehungsweise lyrischen Maler, der ihr neue Horizonte in ebenjene Kunstrichtungen eröffnet.

Oft verlässt Meurisse bei ihrer Graphic Novel unterwegs den erzählerischen Moment des Comics und wird dann auf den Seiten selbst zur Malerin, indem sie großzügig und großartig Landschafts-Panels mit atmosphärisch aquarellierten Federzeichnungen anlegt und den Betrachter sowohl in die japanische Natur als auch Kunst eintauchen lässt.

Stets tauchen in der Story kulturelle Anspielungen aus Ost und West auf, die sich dann rasch mit ganz profanen Alltagserfahrungen abwechseln. Dazu zählen etwa die Tsunami-Alarmknöpfe auf der Toilette, denn vor allem das Meer ist auf dem Inselstaat omnipräsent. Was auch endlos lange und hohe Tsunami-Mauern und Zeremonien zur Besänftigung der Göttin Benten, der Hüterin des Ozeans, belegen sowie die allgegenwärtige »große Welle von Kanagawa«, dem bekannten Bild des Malers Katsushika Hokusai, welches eine Souvenierverkäuferin, vermutlich zurecht, als »die japanische Mona Lisa« bezeichnet.

Klischees und Legenden

So setzt sich die Französin während ihres Aufenthaltes mit den Klischees und Legenden des fernöstlichen Inselstaates auseinander, entdeckt Parallelen zu ihrer Heimat, die dann aber irgendwie doch ganz anders sind, für sie eine andauernde »vertraute Fremdheit«, versucht, Glaube, Philosophie und Alltagsdenken der japanischen Lebensart zu verstehen und scheitert selbstironisch mit viel Freude und bisweilen anarchischem Humor daran.

Catherine Meurisse: Nami und das Meer. 128 Seiten. 22 Euro. Carlsen.

Auch interessant