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Im Kampf gegen die Zeit

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Ein Heimatdichter von literarischem Rang: Peter Kurzeck. Foto: Erika Schmied/ Schöffling © Erika Schmied/ Schöffling

Zugfahrt in die Vergangenheit: In einem nachgelassenen Roman erzählt der 2013 gestorbene Peter Kurzeck grandios vom Gießen der Nachkriegsjahre.

Gießen. Nichts bleibt, wie es ist. Nichts lässt sich aufhalten, bewahren, konservieren. Niemand erkannte das besser als Peter Kurzeck (1943-2013). Der in Staufenberg aufgewachsene und lange Zeit in Gießen beheimatete Schriftsteller muss mit einem fotografischen Gedächtnis gesegnet gewesen sein, das lange zurückliegende Eindrücke präzise abspeichern konnte. Anders lässt sich nicht erklären, wie er das verschwundene dörfliche Leben seiner Kindheit in seinen Büchern auf solch intensive Weise literarisch zu erhalten verstand.

Kurzeck erzählte in seinen stark autobiografischen Romanen und dem auf zwölf Bände ausgelegten, nicht mehr vollendeten Mammutprojekt »Das alte Jahrhundert« immer wieder von einer mittelhessischen Welt, die es nicht mehr gibt. Und auch neun Jahren nach seinem Tod ist diese Geschichte noch nicht auserzählt. Im Frankfurter Schöffling Verlag ist nun der Roman »Und wo mein Haus?« erschienen«, in dem sich einmal mehr die große Meisterschaft dieses Heimatdichters im besten Sinne entdecken lässt. Es ist ein Manuskript aus dem Nachlass Kurzecks, das sich in seinem Haus in der südfranzösischen Kleinstadt Uzès befand und in einer blauen Mappe steckte, wie Herausgeber Rudi Deuble in seinem Nachwort schildert.

Schon der Beginn dieses Romans ist ein sprachlich funkelndes Meisterstück. Da erzählt Kurzeck von einer Bahnfahrt, die ihn vom Frankfurter Hauptbahnhof nach Gießen und weiter nach Staufenberg führt. Wie bei ihm üblich, geht es in zahlreichen Abschweifungen um seine gesammelten Eindrücke von dieser Fahrt: zunächst also um die Geschäfte in der Bahnhofshalle, um die Passanten am Bahnsteig, um die Putzfrau in einer Milchbar. Und dann irgendwann kann man als Leser »an Gleis 13 oder 14« in den Zug steigen, um gemeinsam mit Kurzeck und seinen Figuren eine eindrückliche literarische Reise durch die Landschaft zwischen Frankfurt und Gießen anzutreten. Auch der Anzeiger taucht übrigens in dieser Passage auf, in der Kurzeck seine Mitreisenden porträtiert. « Früher, sagte ich, haben die Leute vom Land die Zeitungen mit Achtung gelesen. Sich Mühe gegeben dabei. Nach jedem Umblättern glatt gestrichen und am Ende sie wieder sorgsam wieder zusammengefaltet. « Lange vorbei - aber wer alt genug ist und damals wie der Schriftsteller im Zug saß, dem steht diese Szenerie sofort bildlich vor Augen.

Doch eigentlich ging es Kurzeck in diesem Roman um etwas anderes, worauf Rudi Deuble im Nachwort hinweist. Um die Menschen nämlich, die nach dem Krieg als »Displaced Persons« im Gießener Durchgangslager gelandet waren und von der US Army versorgt wurden. Deren Lage kannte der Schriftsteller aus eigener Anschauung, weil er nach Abschluss seiner Buchhandels-Lehre im Papierhaus Ernst Balser 1961 bis 1971 in der Personalabteilung für die deutschen Zivilangestellten des US-Army-Depots in Gießen gearbeitet hat. Es war laut Deuble vor seiner Schließung 2007 das größte Warenverteilzentrum der Army in Europa und beschäftigte vieler dieser häufig aus Osteuropa stammenden Leute mit einfachen, häufig aber auch vollkommen sinnlosen Tätigkeiten.

Kurzecks eindrücklich geschilderte Orts- und Heimatlosigkeit dieser Menschen, »ihre immer fragwürdigere Gegenwart und fehlende Zukunft« wird dabei im Titel angedeutet, schreibt Rudi Deuble. Es handelt sich um die erste Zeile der tschechischen Nationalhymne, die zugleich auf das eigene Schicksal des mit seinen Eltern bei Kriegsende aus Böhmen geflüchtete Kurzeck verweise.

Es ist der motivische Kern dieses Romanmanuskripts, das als Band 8 des weitergeführten Projekts »Das alte Jahrhundert« geführt wird. So ist etwa von dem höflichen. wie aus der Zeit gefallenen Tschechen Herrn Cerny zu erfahren, der eine Beziehung mit der in der Steinstraße wohnenden Witwe Gerlinde unterhält, und sich mit seiner Tätigkeit »bei den Amis« einen kleinen Nachkriegs-Wohlstand erarbeitet. Anderen gelingt das nicht. Sie versaufen ihr »Zahltagsgeld« in der Nachtkneipen- und Rotlichtwelt der Ramona Bar oder des Bel Ami. So ist in diesem Buch viel über verlorene wie vergessene Menschen am Rande der Gießener Nachkriegsgesellschaft zu erfahren.

Doch zugleich geht es in ständigen, sprachlich brillanten Gedankensprüngen um dies und jenes, was Kurzecks mittelhessische 1950er und 60er Jahre ausgemacht haben. Um die in den Vogelsberg mitreisenden Arbeitspendler, um die Gießener Trümmergrundstücke, in denen die Keller noch bewohnt waren, um eine tropfende Fußgängerunterführung am Bahnhof in Daubringen. Es geht also quasi um die ganze sich dem Schriftsteller präsentierende Welt. Im Kapitel der Zugfahrt heißt es: » Ihr wißt ja, die Zeit sagte ich. Genau wie der Zug. Immer schneller die Zeit. Und nimmt alles! « Wie gut, dass Peter Kurzecks Bücher diese Zeit und ihre Geschichten für immer festhalten.

Peter Kurzeck: Und wo mein Haus? 176 Seiten. 24 Euro. Schöffling.

Peter Kurzecks Romanfragment »Und wo mein Haus? Kde domov muj« steht gerade als ungekürzte Lesung bis zum 12. Januar in der ARD-Audiothek zur Verfügung. Gelesen wird der Text von Michael Rotschopf. Zudem ist die Lesung derzeit werktäglich um 9.05 Uhr (14.30 Uhr Wiederholung) im Radiosender hr2-kultur zu hören. (red)

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Peter Kurzeck erzählt in seinen Büchern von einem Gießen, das es heute nicht mehr gibt - hier die Löwengasse in Richtung Seltersweg mit den bei US-Soldaten beliebten Bars Romantica und Bel Ami. Archivfoto: Peter-Kurzeck-Gesellschaft © Red

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