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»Im Moment leben können«

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Pandemie, Krieg, Preiserhöhungen: Auslöser für trübe Gedanken gibt es wahrlich genug. Symbolfoto: Fabian Sommer/dpa © Red

Pandemie, Krieg, Inflation: Wie man mit der dauerhaften psychischen Belastung umgehen kann, weiß Prof. Christoph Mulert, Direktor der Psychiatrie des Universitätsklinikums in Gießen

Gießen . Erst die auch nach fast zweieinhalb Jahren nicht endende wollende Corona-Pandemie, nun noch der Ukraine-Konflikt und die plötzlich wieder existente Gefahr eines Dritten Weltkriegs: Wer mit dieser dauerhaften psychischen Belastung umzugehen weiß, ist im Vorteil. Doch es gibt nicht wenige, die daran zu zerbrechen drohen oder dies längst sind. Man könnte also vermuten, dass die stationären und ambulanten Behandlungsmöglichkeiten an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Gießen (UKGM) auf Monate voraus erschöpft sind. Tatsächlich weiß Direktor Prof. Christoph Mulert im Gespräch mit dem Anzeiger von einer »zugenommenen Zahl schwer erkrankter Patienten« zu berichten. Vor allem im ambulanten Bereich gebe es einen Zuwachs. »Es ist aber nicht so, dass bei uns alles völlig überlaufen ist oder es monatelange Wartezeiten gibt. Behandlungsplätze gibt es weiterhin genug«, macht er deutlich.

Lebenserfahrungen und Denkstile

Die Menschen, die bei den Spezialisten in der Klinikstraße Rat suchen, weisen das ganze Spektrum psychischer Belastungen und Anfälligkeiten auf. »Das sind zum Beispiel allgemeine Sorgen, es könnte ihnen etwas passieren, die Angst vor einer Krankheit oder Probleme bei der Verarbeitung von Todesfällen in der Familie«, zählt Mulert auf. In anderen Fällen würden Personen unter den wegen der Corona-Auflagen lange stark reduzierten Kontakten leiden - »Der Mensch ist ein soziales Wesen« -, sich ganz in sich zurückziehen oder sich dem Ganzen »ein Stück weit ausgeliefert fühlen«. Und dann sind da noch Depressionen und schwere Angstzustände bis hin zu Panikattacken. »Es gibt die unterschiedlichsten Konstellationen«, weiß der Experte.

So zeige sich etwa bei manchen älteren Menschen, die bereits über Kriegserfahrungen verfügen, dass durch die Nachrichten und Bilder vom Ukraine-Krieg bei ihnen nun alte Wunden aufgerissen werden und teils bislang verdrängte Erinnerungen an die eigenen »traumatischen Erlebnisse bei Flucht und Vertreibung« wieder hochkommen. Während dies die einen eher betäubt, »nutzen es andere positiv für sich und helfen Geflüchteten aus der Ukraine«, schildert der Klinikdirektor, wie gegensätzlich hier die Reaktionen ausfallen können.

Neben Lebenserfahrungen, die im besten Fall auch für mehr Resilienz, also mehr psychische Widerstandskraft, bei Krisen aller Art sorgen, spielen Denkstile ebenfalls eine Rolle. »Für die einen ist das Glas immer halbvoll, für die anderen immer halbleer«, zitiert Christoph Mulert eine altbekannte Erkenntnis, die sich schon in Kinder- und Jugendzeiten beobachten lässt. Von den Menschen, die von einem »halbvollen Glas« sprechen, würden sich viele »leichter damit tun, schwierige Situationen zu meistern«, stellt der Klinikleiter fest. Wohingegen diejenigen, die das »halbleere Glas« sehen, eher ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins verspürten. Generell empfiehlt Mulert, »Dinge, die man nicht ändern kann, zu akzeptieren, und sich stattdessen auf die stärker zu konzentrieren, die man beeinflussen kann«.

Wie gut jemand dauerhaft mit Krisen umgehen kann, sei schließlich auch das Resultat »eines Wechselspiels von Veranlagung und Lernen, sie zu meistern«, erläutert der Klinikleiter. So gebe es angeborene Eigenschaften, die hier mit hineinspielen, wie etwa das Temperament, das sich darin zeige, wie stark jemand emotional auf eine veränderte Lebenssituation reagiere. In diesem Zusammenhang findet Mulert den Spruch »Was mich nicht umbringt, macht mich nur härter« gar nicht gut: »Es gibt hier keinen Automatismus«, betont er. Ebenso falsch sei, dass Kinder und Jugendliche aufgrund ihres Alters psychisch weniger anfällig sind. »Sie brauchen die soziale Gemeinschaft in der Schule für ihre psychische Gesundheit«, verdeutlicht er. Der wochenlange Fernunterricht am heimischen Computer während der Lockdown-Phasen konnte das nur ansatzweise ersetzen.

Wie unterschiedlich das Lebensalter von Betroffenen sein könne, zeige sich auch bei Depressionen. Diese äußern sich unter anderem durch »wenig oder gar keine Freude am Leben, keine Energie oder keinen Antrieb, sich zu etwas aufzuraffen«, zählt er auf. Auch Depressionen in verschieden starken Ausprägungen waren häufig die Folge fehlender sozialer Kontakte durch Corona-Regeln und Lockdown-Phasen. Doch gibt der Psychiatrie-Leiter zu bedenken, dass eine Behandlungsbedürftigkeit erst dann gegeben ist, wenn die Leiden die Schwelle des Krankheitswertes überschreiten.

In allen sozialen Schichten zu finden

Bleibt noch die Frage, ob Menschen, die über einen dicken Geldbeutel verfügen, psychisch gesehen grundsätzlich besser für solch große Krisen wie Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg gerüstet sind als etwa Sozialhilfeempfänger. Aus Sicht von Mulert würden weniger zur Verfügung stehende finanzielle Ressourcen zwar auch »weniger Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe« bedeuten. »Es ist aber nicht so, dass man mit mehr Geld automatisch zufriedener ist.« Menschen, die unter behandlungsbedürftigen psychischen Störungen litten, seien vielmehr »in allen sozialen Schichten« zu finden, berichtet er. Abgesehen davon könnten »auch kleine Dinge große Freude bereiten«.

Was kann nun jeder selbst für sich tun, um mit der psychischen Dauerbelastung durch Corona, Krieg und jetzt auch noch Affenpocken wenigstens einigermaßen zurechtzukommen? Und wie geht Christoph Mulert eigentlich selbst damit um? »Es ist in Krisensituationen zwar wichtig, sich zu informieren. Aber am Abend oder nach der Arbeit sollte man mit diesen Themen abschließen und lieber zuhause mit der Familie den Moment genießen, oder auch die Natur und die Sonne«, empfiehlt er aus eigener Erfahrung. Alternativ biete sich zum Beispiel an, ein gutes Buch zu lesen, seine Lieblingsmusik zu hören oder sich mit Freunden zu treffen. Ein »positives Thema« im Kopf zu haben, helfe auch beim Einschlafen und sorge für mehr Erholung während der Nacht. »Im Moment leben zu können«, ist nach Ansicht des Klinikdirektors eine wichtige Fähigkeit, vom Alltagsstress abzuschalten, für Entschleunigung zu sorgen und somit der Psyche ein wenig Ruhe zu gönnen.

Foto: JLU / Rolf K. Wegst

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen gibt es einen höheren Bedarf für psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung. Im Kinder- und Jugendlichenbereich liegt die Steigerung bei rund 60 Prozent, im Erwachsenenbereich bei etwa 40 Prozent, wie Sprecher Karl Roth auf Nachfrage berichtet. (fod)

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Mulert © Red

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