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Im Rollentauschmodus

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»Girl’s Day« und »Boy’s Day« wollen traditionelle Rollenbilder aufbrechen. In Gießen haben sich zum Beispiel das Hauptzollamt und die JLU daran beteiligt, in Reiskirchen die Jugendpflege.

Gießen. Der Beruf des Zöllners ist vermutlich einer der ältesten Berufe der Welt. Zoll wurde in der Geschichte immer wieder erhoben, schon die Antike kannte das Phänomen eines Waren- und Wegzolls. Heute gibt es diese Art von Wegzoll nicht mehr, sieht man einmal von der Vignettenpflicht und den Mautstationen in manchen Ländern wie beispielsweise unseren südlichen Nachbarn in den Alpen ab. Den Warenzoll - ihn gibt es wie eh und je. Und hier kommen die Zöllner vom Hauptzollamt in Gießen ins Spiel.

Der Beruf war in der Geschichte, welch Überraschung, meist männlich besetzt. Stefanie Eisenfeller, die für die Öffentlichkeitsarbeit des Hauptzollamts Gießen zuständig ist, möchte diese maskuline Dominanz zumindest ins Gleichgewicht bringen. Das ist einer der Gründe, weshalb sich das Hauptzollamt in Gießen dazu entschlossen hat, beim Girl’s Day mitzumachen. »Ich begleite den Girl’s Day schon acht Jahre. Der Zöllner ist ein klassischer Männerberuf und wir wollen die Frauenquote bei uns erhöhen. Wir nehmen daran schon teil, seitdem es die Veranstaltung gibt«. Die Frauenquote, sie sei gar nicht so schlecht, unterstreicht Eisenfeller. »Wir haben 43 Prozent Frauen bei uns. Die 50 Prozent wollen wir knacken.«

Die Schülerinnen aus der Jahrgangsstufe sieben hören derweil gespannt zu, als die Zollbeamten von ihren Tätigkeiten erzählen. Ob Sport, Schießtraining oder der Umgang mit den Spürhunden, für jede war an diesem Tag etwas geboten, was den möglichen Nachwuchs interessieren könnte. »Hier haben wir die Möglichkeit, zu zeigen, was wir machen. Dank des guten Wetters können wir viel draußen machen und die Mädels können heute viel selbst machen«, sagt Eisenfeller. Die Mädchen haben sichtlich Spaß dabei, im Zollauto zu sitzen oder vermeintliche Bösewichte mit einer Wasserpistole abzuschießen.

Der Girl’s Day und später auch der Boy’s Day wurden geschaffen, um traditionelle Rollenbilder zu brechen. Mädchen sollten in männerdominierte Berufe wie etwa Zöllner, Feuerwehrmann oder Polizist reinschnuppern, Jungs hingegen in Berufe wie Hebamme, Erzieher oder Krankenschwester.

In Reiskirchen, dem einzigen Boy’s Day Standort im Landkreis, hat Jugendpfleger Sebastian Stumpf eine gemischte Gruppe aus Jungs und Mädchen. Das hat auch seine Gründe. »Die Kinder hatten jetzt eine ganz lange Zeit keinerlei Möglichkeiten, die Dinge zu machen, die in ihrem normalen Entwicklungsprozess wichtig sind. Das ist zum Beispiel Erfahrung sammeln, auch für das Berufsleben. Ich empfinde es, dass zu meinem Beruf und meiner Berufung dazugehört, dass ich die Kinder bestmöglich auf ihrem Weg unterstütze. Deswegen habe ich diesen Beruf auch gewählt«, unterstreicht Stumpf. Deshalb gehöre es für ihn dazu, dass er alles versuche, den Kindern so viel wie möglich in Richtung Unterstützung anzubieten.

»Leider hat die Gemeinde mich nicht so unterstützt, wie ich es mir an Plätzen für den heutigen Tag gewünscht hätte. Trotzdem konnte ich einige ermöglichen. Wir haben vier hier in der Jugendpflege und vier im Kindergarten.« Das Problem am Girl’s- und Boy’s Day bringt Stumpf auf den Punkt. »Ich empfinde es grundsätzlich als irrsinnig, dass wir die ganz klare Abgrenzung zwischen Männerberuf und Frauenberuf ziehen. Die ganzen Berufe, die ich angeboten habe, gelten als Frauenberufe und nur Männer durften sich darauf bewerben«. Für den Jugendpfleger ist das ein unkalkulierbarer Irrsinn. »Ich denke, es ist schöner, wenn der Mensch dahinein schnuppern kann, wohin er möchte - egal was es für ein Geschlecht ist. Deswegen möchte ich künftig Schnuppertage anbieten.«

In die Justus-Liebig-Universität, genauer gesagt am Institut für Kunstgeschichte, kehrte der Boy’s Day ebenfalls ein. Matthias Schulz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut, wollte den männlichen Nachwuchs für den Beruf des Kunsthistorikers begeistern - was ihm nach eigenen Aussagen auch gelang. »Wir als Kunstgeschichte haben noch nie am Boy’s Day teilgenommen. Mein Kollege Markus Späth war der Auffassung, der Boy’s Day sei die richtige Plattform, um zu zeigen, dass wir hier sind und interessant sind.« Männliche Studenten seien in den Seminarveranstaltungen unterrepräsentiert. Das soll sich ändern. »Heute waren 14 Personen dabei. Es hatte uns selbst überrascht, dass wir diese Position voll bekommen haben, auch wenn es nur wenige sind. Wir wollten angesichts von Corona eine handelbare Gruppengröße haben.«

Die Gruppe aus Schülern zwischen 12 und 14 Jahren habe sich für die gebotene Materie sehr interessiert, erzählt Schulz. »Ich würde sagen, dass es ein Erfolg war. Ich hatte weitaus weniger erwartet. Ich wusste auch nicht, was kommen wird bei einem so heterogenen Publikum. Mich hat sehr positiv überrascht, wie redefreudig und teilnahmefreudig die Schüler waren. Ich habe viel mit Objekten gearbeitet und die Epochen vorgestellt und erläutert, welche Perspektiven es gibt und wie man auf Kunst blicken kann. Das kam bei den Schülern sehr gut an.«

Per Videokonferenz nutzte Schulz die Gelegenheit, sich mit einer Kollegin in Berlin auszutauschen, um den Schülern praktische Beispiele im Leben eines Kunsthistorikers zu zeigen und zu erläutern. Und wer weiß, vielleicht werden sich einige Schüler später für ein Studium der Kunstgeschichte entscheiden.

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Einen »Mix-Day« hatte die Jugendpflege Reiskirchen als einziger Teilnehmer im Landkreis angeboten. © Leyendecker

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