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Im Strom der Gefühle

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Von: Felix Müller

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Moderatorin Beatrice Kaiser (rechts) stellte die beiden Autorinnen Pia Bonn (links) und Lilli Weiskopf vor. Foto: Müller © Müller

Gießen (lix). Zwei Gewinnerinnen des Ovag-Jugendliteraturpreises stellten am Sonntagvormittag in der Reihe »Eine(r) liest« unter den Marktlauben ihre kreativen Kurzgeschichten vor. Und die hätten nicht unterschiedlicher ausfallen können. Angesprochen wurden gleichermaßen Herz und Hirn, aber auch der Humor kam nicht zu kurz.

»Auch im Corona-geplagten Jahr 2021 gab es vom schreibenden Nachwuchs über 180 Einsendungen für den begehrten Preis. Zwei dieser fantastischen Texte werden wir heute hören,« eröffnete Beatrice Kaiser, Volontärin des Literarischen Zentrums Gießen (LZG), die Veranstaltungsreihe: Diesmal mit von der Partie waren die jeweils 22-jährigen Lilli Weiskopf und Pia Bonn - beide zuvor bereits mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Pia Bonns »Der Taubenmann« lud dazu ein, an Großherzigkeit und Nächstenliebe zu glauben. Allerdings erst, nachdem auch menschliche Schattenseiten beleuchtet wurden. Mit viel Wortwitz, auf Deutsch und Französisch, erzählte die junge Friedbergerin von einem Obdachlosen in Frankreich. Ohne Geld und Bleibe, aber dafür mit einem großen Herzen für seine Mitmenschen und Tauben, die ihm tagtäglich Gesellschaft leisten. Und das, obwohl ihn die Bevölkerung kaum wahrnimmt, ja sogar auf ihn herabschaut Doch durch seine einprägsamen Begegnungen mit einer jungen Frau und ihren zwei Söhnen, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen, zeigte die Autorin, dass sich Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft immer auszahlen.

Mit »Der Taubenmann« hält Pia Bonn der Gesellschaft den Spiegel vor. Es sei egal, ob ihre Geschichte in Paris, Frankfurt oder New York spielen würde, dass Bild der Obdachlosen sei überall gleich. »Dabei lohnt es sich, über den Tellerrand hinauszuschauen. Es ist bereichernd, selbst mehr auf seine Mitmenschen zu achten und den Menschen hinter dem Taubenmann zu sehen.« In ihrer Erzählung haben diesen Blick fast ausschließlich die Kinder, die unvoreingenommen und offen gegenüber dem Heimatlosen sind. Die Erwachsenen hingegen seien »blind« vor Alltagsstress und eigenen Problemen.

Als ebenfalls realitätsnah erwies sich die zweite prämierte Kurzgeschichte »Erste Dates« aus der Feder der Gießenerin Lilli Weiskopf - die allerdings weniger kritisch, sondern humoriger ausfällt. Es geht um das Herzklopfen vor dem ersten »Date«. Die Ungewissheit ob es unangenehm, enttäuschend oder doch sehr schön wird. Detailliert beschrieb Weiskopf in kurzen, prägnanten Passagen den Verlauf einiger Treffen, unabhängig von Geschlecht und Alter. »Zum Abschied küsst sie mich, kurz und fast angriffslustig - Kneipenschlägerin trifft graue Maus.« Gleichzeitig berichtet die Autorin von Drucksituationen, wie sie in »Erste Dates« von ihren Mitbewohnern ausgeht. »Ich weiß nicht, warum ich das überhaupt mache. Eigentlich bin ich ganz zufrieden damit, wie es ist. Keine Ahnung, wem ich hier was beweisen will.« Zum Schluss sitzt die Erzählerin alleine am Rhein, ob als glücklicher Single oder nicht bleibt ungeklärt.

Oftmals seien es Gefühle, die die 22-jährige Studentin in ihren Kurzgeschichten in den Blick nimmt. »In diesem Fall ist es dieses Verlorensein, ohne zu wissen, wo es herkommt.« Weiskopf nutzt dafür auch Metaphern: Der Fluss sei zunächst ein Ort, der mit Ballast verbunden ist. »Die Protagonistin kommt nicht weg, fühlt sich gleichzeitig aber auch hilflos mitgerissen.« Doch gegen Ende »ist alles im Fluss und sie entwickelt mehr Akzeptanz für sich selbst.«

So lieferten die beiden Autorinnen ein gemeinschaftliches Sonntagvormittag-Plädoyer für mehr Achtsamkeit, Akzeptanz und Selbstlosigkeit, gepaart mit Charme und Witz.

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