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Im Zweifel für den Angeklagten

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»Im Teufelskreis aus Alkohol und Drogen«: Ein junger Mann ist am Landgericht Gießen freigesprochen worden. Foto: Czernek © Czernek

Das Verfahren gegen einen 23-jährigen Somalier am Landgericht GIeßen endet mit Freispruch. Die Tathergänge seien nicht zu klären. Staatsanwältin Nathalie Dohmen sprach von einer »afrikanischen Märchenstunde«.

Gießen. Manche Gerichtsprozesse enden komplett anders als sie begonnen haben. So war es auch in dem Verfahren gegen einen 23-Jährigen, der sich wegen versuchten Raubes und räuberischer Erpressung vor der Zweiten Strafkammer des Landgerichts Gießen verantworten musste. Nach zwei langen Verhandlungstagen gab es so viele Versionen zu den Tathergängen, dass weder das Gericht noch die Staatsanwaltschaft wussten, was sich wirklich zugetragen hatte. Das bedeutete wiederum: im Zweifel für den Angeklagten - und ein Freispruch.

Im Januar und Februar soll sich der Somalier laut Anklage mit einem Bekannten in der Nähe eines Geldautomaten in der Galerie Neustädter Tor gestritten und von ihm Geld gefordert haben. Im Zuge dieser Auseinandersetzung habe er ein Messer gezückt und seinem Kontrahenten an der rechten Hand eine tiefe Schnittwunde zugefügt. Die Verletzung hat es gegeben.

Ansonsten weichen die Aussagen des Opfers und weiterer Zeugen, was genau passiert ist, allerdings sehr voneinander ab. Beispielsweise soll sich der Vorfall plötzlich nicht mehr in der Galerie ereignet haben, sondern in der Wohnung des Vaters des Opfers, der in unmittelbarere Nähe des Einkaufszentrums wohnt. Der Vater schilderte, dass der junge Mann bei ihm zu Gast gewesen und zweimal zurückgekehrt sei, weil er sein Mobiltelefon vermisst habe. Beim dritten Mal habe er dann seinen Sohn angegriffen. Was Auslöser für den Angriff war, ob eine Bedrohung oder etwa eine Notwehrsituation vorlag, blieb unklar.

Bei einer weiteren Auseinandersetzung soll der Angeklagte die Tür zu der Wohnung eingetreten haben, um zehn Euro von dem Vater zu fordern. Eine dritte Person, die als Zeuge aussagte, habe ihm das Geld gegeben und er sei wieder verschwunden.

Der strittige Punkt in diesem Fall: Hatte er dabei ein Messer und eine Flasche in der Hand? Gegenüber der Polizei war davon noch die Rede, vor Gericht nicht mehr. Dort schilderten zwei Zeugen, der 23-Jährige habe nur »ein bisschen mit der Bierflasche herumgefuchtelt«. Das sei die Wahrheit, versicherten sie auf Nachfragen. Dass es vorher anders protokolliert worden sei, schoben sie auf eine »mögliche Inkompetenz der Dolmetscherin«. Schließlich wurden der Vater des Geschädigten und ein weiterer Zeuge vereidigt. Die Staatsanwaltschaft prüft zudem, ob gegen sie ein Verfahren wegen Falschaussage einleiten wird.

Der Angeklagte, der seit 2016 in Deutschland lebt, hatte sich zwar nicht vor Gericht geäußert, jedoch gegenüber dem psychiatrischen Gutachter. Dieser brachte die Schilderungen des Somaliers in die Verhandlung ein und bestätigte, dass der erste Vorfall wohl in der Wohnung geschehen sei.

Die erste Bedrohung sei jedoch vom Vater des späteren Opfers ausgegangen. Er habe ihm das Messer abgenommen und während einer Rangelei habe sich der Sohn verletzt.

Was die zweite Tat betrifft, so sei die Tür bereits kaputt gewesen und die Forderung von zehn Euro rühre daher, dass der Vater ihm zuvor schlechtes Kath, eine Kaudroge, verkauft habe. »Wir haben hier eine afrikanische Märchenstunde gehört«, sagte Staatsanwältin Nathalie Dohmen in ihrem Plädoyer. Den einen Vorfall wertete sie als fahrlässige Körperverletzung, nicht mehr als gefährliche Körperverletzung. Die zweite Tat wiederum könne nicht nachgewiesen werden.

Der Angeklagte, der sehr gut Deutsch spricht, war in jüngster Zeit bereits mehrfach durch Ladendiebstähle und kleinere Betrugsdelikte mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dabei stand er allerdings häufig unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen. Wenn die Polizei ihn festnahm, reagierte er meist sehr aggressiv und beleidigte die Beamten.

Diagnostiziert wurde bei ihm eine Schizophrenie, weshalb er sich schon öfter in Behandlung begeben hat. Anfang des Jahres habe er indes keine Stimmen mehr gehört. Dennoch bescheinigte ihm der psychiatrische Gutachter, Dr. Jens Ulferts, eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund seins starken Alkoholkonsums zum damaligen Zeitpunkt. »Wenn man etwas Positives für den Angeklagten aus der Sache sehen kann«, argumentierte sein Verteidiger, »dann kann das die Zeit der Untersuchungshaft sein. Sie gab ihm die Möglichkeit, aus diesem Teufelskreis von Alkohol und Drogen herauszukommen«.

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