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Impfen? Apotheker in Gießen sind skeptisch

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Bald darf auch in Apotheken geimpft werden. Aber die Umsetzung scheint gar nicht so einfach zu sein. Symbolfoto: dpa © Petra A. Zielinski

Bald soll auch in Apotheken gegen Corona geimpft werden können. Doch bei befragten Pharmazeuten in Gießen überwiegen die Bedenken.

Gießen . Um die Anzahl der Impfungen gegen Corona weiter zu erhöhen, soll alsbald auch in hessischen Apotheken geimpft werden können. So sieht es zumindest ein Gesetzentwurf der Ampel-Koalition von SPD, Grünen und FDP vor. Während in anderen Bundesländern bereits Menschen gegen Grippe immunisiert werden durften, müssen Apothekerinnen und Apotheker in Hessen bei null anfangen. Vorgesehen ist, dass zumindest ein(e) Mitarbeiter(in) zuvor eine entsprechende Schulung absolviert. Doch lässt sich das wirklich realisieren? Der Anzeiger hat sich bei Gießener Apothekern umgehört.

»Eine Umsetzung ist nicht so einfach von heute auf morgen möglich«, sagt Mira Sellheim, Inhaberin der »Apotheke am Ludwigsplatz«. Zunächst einmal müssten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Sprich: Die Bundesapothekerkammer muss sich mit der Bundesärztekammer abstimmen, um einen Anforderungskatalog zu erarbeiten. »Ich gehe davon aus, dass hessische Apotheken frühestens Ende Februar mit den Impfungen starten können.« Die Idee kommt aus ihrer Sicht »ein wenig aus der Hüfte geschossen, zumal aktuell noch nicht einmal die Ärzte genug Impfstoff haben«. Vor allem Biontec sei rationiert. Um ein Impfangebot zu machen, seien zudem größere Bereiche in den Apotheken nötig.

Obendrein müssen die frisch geimpften Personen nach der verabreichten Spritze noch mindestens 15 Minuten zur Beobachtung bleiben. Zusätzlicher Platz sei in der Apotheke am Ludwigsplatz allerdings nicht vorhanden. Auch gelte es, sich genauestens über die Krankheitsgeschichte der Impflinge zu informieren. Beispielsweise könne niemand in der Apotheke geimpft werden, der Blutverdünner einnehme. Positiv sieht Mira Sellheim hingegen, dass auf diese Weise für Menschen, die nicht gerne zum Arzt gehen, ein niederschwelliges Angebot unterbreitet werden könne.

»Wir werden nicht impfen«, ist sich Tomas Kruncl von der »Schwanen-Apotheke« in Wieseck sicher. »Wir wollen ja auch nicht, dass Ärzte in ihren Praxen Medikamente verteilen. Impfen ist der Auftrag des Arztes und nicht des Apothekers«, zieht er eine klare Grenze. Ohnehin befinde sich im gleichen Haus auch ein Arzt, der für die Impfungen zuständig sei. Darüber hinaus sei der Impfstoff »sowieso schon knapp«. Nicht zu vergessen die erforderlichen Räumlichkeiten und das Personal, das zusätzlich noch die Impfzertifikate ausstellen müsse. Hier herrsche jedoch Mangel. »Das Impfen käme zu unserer normalen Arbeit noch hinzu.«

Thorsten Junk von der »Lahn-Apotheke im Martinshof« vertritt ebenfalls die Meinung, die Leistungen von Ärzten und Apotheken nicht zu vermischen. »Diese seit Friedrich II. bestehende Trennung ist sehr segensreich«, betont der Pharmazeut. Darüber hinaus wolle man Ärzten den begrenzten Impfstoff nicht wegnehmen. »Selbst wenn wir Apotheker auch impfen würden, kämen wir aufgrund der vorhandenen Impfstoffmenge nicht schneller voran. Die maximale Menge wird aktuell geimpft.«

Stattdessen bereiten er und sein Team abends nach 18 Uhr Spritzen für zwei Impfzentren und das Deutsche Rote Kreuz vor. Bereits morgens um 7 Uhr sei der erste Fahrer mit den aufgezogenen Spritzen unterwegs. »Arzneimittel vorbereiten und liefern, das ist unsere Aufgabe«, unterstreicht Thorsten Junk. Selbst zu impfen, kann er sich allenfalls im Rahmen einer besonderen Aktion vorstellen.

Offline-Alternative zum QR-Code

Aktuell würden circa 1000 Dosen Impfstoff pro Tag verabreicht. Das bedeute »einmal im Quartal durch den ganzen Landkreis«. Jeder, der möchte, könne sich impfen lassen. »Ich finde, das ist eine tolle Quote. Hier wird gute Arbeit geleistet«, lobt Junk.

Auch mit einem weiteren Problem haben Apotheken aktuell zu kämpfen: gefälschten Impfausweisen. »Wir sind es gewöhnt, mit den unterschiedlichsten Dokumenten zu arbeiten«, betont Mira Sellheim. Deshalb habe man einen geschärften Blick für Fälschungen und schaue ganz genau hin, wenn jemand seinen Impfausweis digitalisieren lassen möchte. Bei Stempeln wie »Klinikum Stuttgart« dürfe sich zudem niemand wundern, wenn es Nachfragen gibt. »Denn das Fälschen von Impfausweisen ist kein Kavaliersdelikt.« Aus diesem Grund hat Mira Sellheim in ihrer Apotheke auch ein großes Schild mit einem Warnhinweis aufgehängt. Dennoch hätten mindestens fünf Personen schon versucht, einen gefälschten Pass digitalisieren zu lassen. »Einen Fall haben wir zur Anzeige gebracht.«

Von »bisher nur Verdachtsfällen, die sich aber nicht bestätigt haben«, berichtet wiederum Thorsten Junk. Und er weiß: »Wer einen gefälschten Pass besitzt, tut sich selbst damit keinen Gefallen.« Allerdings sieht er es nicht als seine Aufgabe, kriminaltechnisch tätig zu werden. »Das ist nicht mein Job, schließlich bin ich keine Aufsichtsbehörde. Man sollte den Menschen schon etwas mehr Verstand zutrauen.« Aber selbstverständlich würde er Anzeige erstattet, sollte ihm ein klarer Fall von vorsätzlicher Täuschung begegnen.

»Wir hatten schon einige Verdachtsfälle«, bestätigt auch Tomas Kruncl. Zweimal sei die Charge nicht gelistet gewesen. Bei der Erstellung des Zertifikats könne nämlich mit ziemlicher Sicherheit festgestellt werden, ob die jeweilige Charge zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schon auf dem Markt war. Zu Konflikt sei es bisher indes noch nicht gekommen.

Seit drei Wochen bietet die »Schwanen-Apotheke« zudem sogenannte Impfkarten an. Diese Plastikkarten stellen eine »Offline-Alternative« zum QR-Code auf dem Handy dar und werden vor allem von älteren Menschen, die nicht über ein Smartphone verfügen, gerne in Anspruch genommen. Auf der Impfkarte ist der offizielle EU-weit anerkannte Impf-QR-Code des Ro-bert-Koch-Instituts abgebildet. »Das Angebot wird aber auch von jüngeren Leuten geschätzt«, weiß Kruncl. Leider lasse sich die Karte, die für 9,90 Euro in mehreren Apotheke erhältlich ist, nicht aktualisieren. Das heißt, dass nach jeder neuen Impfung eine neue Karte angefertigt werden muss.

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