"Impfschwänzer", Wahlkampfgetöse und Neuigkeiten für Fünfjährige

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Viel ist zuletzt von "Impfschwänzern" zu hören und zu lesen gewesen. Also Menschen, die einfach nicht mehr zum vereinbarten Impftermin erscheinen. Und natürlich werden reflexartig Forderungen erhoben, dieses Verhalten zu sanktionieren. Fakt ist: Auch im Impfzentrum des Landkreises Gießen werden derzeit etwa 38 bis 40 Prozent der Termine nicht eingehalten - und oft genug nicht einmal abgesagt.

Tatsächlich sei hier eine Zunahme zu erkennen, heißt es auf Anfrage des Anzeigers aus der Pressestelle. Das kann man unsolidarisch finden, klar! Aber deshalb gleich zu drohen und nach Bestrafung zu schreien, wäre wohl übertrieben und kontraproduktiv. *Zum einen trägt das nicht gerade dazu bei, die Impfbereitschaft zu steigern, um sich dem Ziel einer Herdenimmunität anzunähern. Vielmehr könnte der Eindruck entstehen, es solle einem doch etwas aufgezwungen werden. Zum anderen ist über die Gründe meist nichts bekannt. Sehr wahrscheinlich ist zum Beispiel, dass sich viele in der Zwischenzeit beim Haus- oder Facharzt haben spritzen lassen. Im Landkreis Gießen waren das bis zur 26. Kalenderwoche immerhin fast 94 000 Bürgerinnen und Bürger. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass sich Impfwillige einfach an mehreren Stellen registriert haben, um die Sache zu beschleunigen. Es soll aber auch schon passiert sein, dass man nach erfolgter Anmeldung erst wochenlang auf eine Reaktion gewartet hat und plötzlich per - nicht rechtzeitig geöffneter - E-Mail eine Bestätigung für den nächsten Tag eintrifft... Sinnvoller, als das Fernbleiben zu ahnden, wäre daher, noch nachdrücklicher mit der verlockenden Aussicht auf individuelle Freiheiten und ein "normales" Leben für vollständig Geimpfte zu motivieren - und diese Freiheiten dann, sofern vertretbar, wirklich zu gewähren.*Aber nochmal zurück ins Impfzentrum: Was geschieht eigentlich, wenn ein Termin (absehbar) nicht wahrgenommen wird? Bis zur vergangenen Woche sei es noch so gewesen, dass Personen, die für denselben Tag vorgemerkt waren, angerufen und gefragt wurden, ob sie früher kommen könnten. Damit sollte verhindert werden, dass abends zu viel von den Vakzinen übrig ist. Zudem seien die einzelnen Intervalle zur etwaigen Kompensation überbucht worden. Die neuen Vorgaben, dass nach der Erstimpfung mit AstraZeneca jetzt alternativ auch Biontec oder Moderna angeboten werden kann, habe wiederum dazu geführt, dass jene mRNA-Impfstoffe bei einem Ausfall zurückgestellt und eben für die Wahlmöglichkeit bei der Zweitimpfung genutzt werden.*In der Kommunalpolitik sind erneut einige wichtige Weichen gestellt worden. So haben Grüne, SPD und Gießener Linke endlich ihren Koalitionsvertrag unterzeichnet. Und wenig überraschend liegen Schwerpunkte auf dem Ziel der Klimaneutralität und der Verkehrswende. Alles andere hätte auch nicht gepasst, müssen doch bei diesen Zukunftsthemen offensiv Veränderungen angegangen werden. Entscheidend ist, dies mit Augenmaß und Realitätssinn zu tun und ohne den (sozialen) Zusammenhalt zu gefährden. Von einer "völlig einseitigen Festlegung", wie das bei der Nominierung von Frederik Bouffier als CDU-Kandidat für die OB-Wahl kritisiert worden ist, kann beim Blick in das 55-seitige Papier jedoch keine Rede sein. Das darf wohl schon als obligatorisches Wahlkampfgetöse verbucht werden.*Apropos: Der junge Rechtsanwalt ist angesichts einer Zustimmung von 91,8 Prozent durchaus mit einem sehr ordentlichen Ergebnis ausgestattet worden. In seiner Rede präsentierte er sich ausgleichend, breitete sinnbildlich die Arme aus: Politik müsse sich um alle kümmern statt zu spalten, alle müssten mitgenommen werden, es brauche Maß und Mitte, verschiedene Interessen müssten vernünftig zusammengeführt werden, Wandel müsse von vielen Akteuren und breiter Akzeptanz getragen sein. Selbst die "autoarme Innenstadt" wird keineswegs als Teufelswerk betrachtet. Prinzipiell ist das alles richtig und in seiner Allgemeingültigkeit zweifellos mehrheitsfähig. Für die politischen Gegner macht es das zumindest ein Stückweit schwerer, Angriffsflächen zu identifizieren, um davon die eigenen Positionen abzugrenzen. Aber die Gießenerinnen und Gießener können trotzdem sicher sein: Die Parteien werden sich nach Kräften mühen, um darzustellen, warum ihr Personalvorschlag der beste ist. Wer am Ende von den Kandidaten - schade, dass vermutlich keine einzige Kandidatin im Rennen ist (siehe auch Seite 20) - am meisten zu überzeugen vermag, ist schwer abzuschätzen. Jedenfalls gibt es keinen klaren Favoriten. *Gute Nachrichten zum Schluss für alle Fünfjährigen: Die haben nämlich mittlerweile ebenfalls freien Eintritt in Gießens Freibäder. Normalerweise sehen die Tarifbedingungen der Stadtwerke (SWG) vor, dass der dortige Besuch genau ab diesem Alter kostenpflichtig ist. Das sorgte indes bei manchen Eltern für Irritationen und Unverständnis. Schließlich dürfen Kinder und Jugendliche als Belohnung nach all den Corona-Belastungen in dieser Saison kostenlos schwimmen und planschen, wenn sie sich zuvor eine Teilnahmekarte der Jugendpflege organisiert haben. Und dann sollen ausgerechnet die jüngeren Knirpse für diesen Spaß bezahlen, weil die Angebote im Rahmen des Ferienprogramms erst ab sechs Jahren in Anspruch genommen werden können. Geht gar nicht! "War auch keine Absicht", versichert SWG-Sprecher Ulli Boos. Und: "Als wir davon erfahren haben, haben wir sofort reagiert und das geändert." In diesem Sinne - ab ins Freibad, sobald das Wetter wieder mitspielt.

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