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Bei Corona-positiven Menschen wird immer häufiger die Omikron-Mutation gefunden. Symbolfoto: Tom Weller/dpa

»Impfung weiter Königsweg aus Krise«

Gießen . Die vierte Welle der Corona-Pandemie hat Deutschland fest im Griff. Bei den Infektionszahlen jagt ein Rekordwert den anderen, die Krankenhäuser müssen auf ihren Intensiv- und Normalstationen immer mehr Covid-Patienten versorgen. Noch dominiert die Delta-Virusmutation, die Omikron-Variante ist allerdings stark auf dem Vormarsch. Doch was macht beide Varianten eigentlich so ansteckend und gefährlich?

Wird durch Omikron nun alles noch schlimmer? Und sind die derzeit verfügbaren Impfstoffe überhaupt noch wirksam genug? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt im Gespräch mit dem Anzeiger der Virologe Prof. Friedemann Weber von der Justus-Liebig-Universität (JLU). Dort ist der Wissenschaftler Direktor des Instituts für Virologie am Fachbereich Veterinärmedizin.

Prof. Weber, beunruhigt Sie, dass die Omikron-Variante bereits bei uns angekommen ist und sich ausbreitet?

Ja. Es ist aus wissenschaftlicher Sicht seltsam, dass sie von der Virenverwandtschaft her weit weg von den vorherigen Varianten ist. Die Übertragbarkeit und Gefährlichkeit von Omikron ist allerdings noch nicht klar. Wie auch die Herkunft dieser Mutation. Sie wurde zwar in Südafrika entdeckt, kann aber auch ganz woanders, wahrscheinlich aber in Afrika, entstanden sein. Fest steht aber schon jetzt, dass die Dynamik der Ansteckung und Ausbreitung bei Omikron schneller als bei Delta ist.

Woran liegt das? Welche wichtigen Erkenntnisse hat die Forschung bislang über diese neue Mutation gewonnen?

Wir wissen bereits, dass es bei Omikron im Spike-Protein (dieses sitzt in großer Anzahl an der Oberfläche des Virus und sorgt für den Eintritt in die menschliche Zelle, Anm. d. Red.) über 30 Mutationen gibt. Bei Delta sind es im Spike deutlich weniger, circa zehn. An dieses Protein binden die Antikörper, die sich durch die Impfung oder nach einer überstandenen Infektion gebildet haben. Wenn so viele Bindestellen mutiert sind wie bei Omikron, ist das kein gutes Zeichen. Denn das eröffnet dem Virus mehr Möglichkeiten, auch teilimmune Menschen zu infizieren.

Bei Delta ist gegenüber den vorherigen Varianten eine wesentlich geringere Virusmenge erforderlich, um andere anzustecken: Was weiß man diesbezüglich über Omikron?

Noch nichts Genaues. Die erhöhte Ansteckungsfähigkeit kann aber auch mit der nachlassenden Immunität Monate nach der Impfung oder der Infektion zusammenhängen. Es ist also nicht allein eine Frage der Virusmenge.

Bieten die aktuell verfügbaren Impfstoffe einen ausreichenden Schutz gegen die Omikron-Variante? Oder müssen diese jetzt dringend angepasst werden?

Es ist zu erwarten, dass sie immer noch einen Schutz bieten, vor allem vor schweren Krankheitsverläufen. Die Fachwelt rechnet jedoch mit einer abgeschwächten Wirksamkeit der durch Impfung oder Infektion mit anderen Varianten erworbenen Antikörperantwort. Das wird derzeit noch geprüft, und in ein oder zwei Wochen werden wir mehr wissen. Erst danach können die Hersteller ihre Impfstoffe entsprechend anpassen, falls notwendig. Bis die optimierten Impfstoffe zugelassen und verfügbar wären, würde es allerdings noch einige Monate dauern. Umso wichtiger ist es gerade jetzt, zweimal geimpft oder geboostert zu sein. Unser größtes Problem bleibt momentan die Delta-Variante.

Man hört immer wieder von Impfdurchbrüchen bei Personen, die zweimal geimpft sind und teils auch schon ihre Boosterimpfung hatten: Wird das durch Omikron künftig häufiger vorkommen?

Das ist durchaus möglich. Gerade wenn der Antikörper-Spiegel in den Monaten nach der letzten Impfung über die Zeit nachlässt. Aber auch hier weiß man bislang zu wenig über Omikron.

Das Coronavirus und seine Varianten bleiben uns auch nach der Pandemie erhalten: Wie können wir uns in Zukunft dagegen schützen?

Es ist gut möglich, dass langfristig die Impfung wie bei der Grippe, der Influenza, jedes Jahr neu angepasst wird.

Wie ist zu erklären, dass sich die Delta-Mutation schon so lange als dominierende Virusvariante hält und alle vorherigen in kurzer Zeit nahezu komplett verdrängt hat?

Kurz gesagt, Delta ist fitter als seine Vorgänger. Diese Variante erzeugt mehr Virusnachkommen, wahrscheinlich aufgrund der Mutationen in ihrem Spike und anderen Proteinen. Während ein Delta-Infizierter durchschnittlich sechs Menschen ansteckt, waren es beim Ursprungsvirus, das wahrscheinlich aus einer Wildtierpopulation stammte, noch circa drei. Wie sich das mit Omikron verhält und ob es Delta als dominierende Variante ablöst, lässt sich jetzt allerdings noch nicht sagen.

Ist zu erwarten, dass künftige Mutationen stets gefährlicher und ansteckender als ihre jeweiligen Vorgänger sein werden?

Viren sind ständig am Mutieren, die meisten dieser Mutationen richten aber keinen Schaden an. Grundsätzlich haben Corona-Varianten, die sich stärker vermehren können, zum Beispiel, weil sie besser in menschliche Zellen hineinkommen oder Antikörper nicht so gut daran binden können, größere Chancen, sich durchzusetzen. Wenn sich die Umwelt für Viren ändert, zum Beispiel durch zunehmende Immunität, entsteht ein Druck, sich anzupassen. Wir werden es also immer wieder mit neuen Varianten des Coronavirus zu tun haben, allerdings sind die nicht automatisch immer aggressiver. Sie können auch einfach nur anders sein.

Wie erklären Sie sich, dass die Infektionszahlen auf einmal so explodiert sind, obwohl die Impfquote in der Bevölkerung eigentlich nicht ganz so schlecht ist, wenngleich doch stark verbesserungsbedürftig?

Das hat mit dem Wetter zu tun. Zum einen sind Viruspartikel bei tieferen Temperaturen stabiler, zum anderen verbringen die Menschen auch mehr Zeit in Innenräumen, wo sie dichter beieinander sind. Zudem sind dort die Schleimhäute, so auch in der Nase, trockener, wodurch es für Viren leichter ist, in den Organismus einzudringen. Die Schleimhäute und die darin enthaltenen Polysaccharide sind ein wichtiger Teil der unspezifischen Immunabwehr und eine Barriere für einfallende Erreger.

Hat Sie der plötzlich so rasante Anstieg der Infektionszahlen überrascht?

Ja, tatsächlich. Ich hatte zwar erwartet, dass die Zahlen in dieser Jahreszeit wieder ansteigen, aber nicht, dass es so steil nach oben gehen würde.

Wenn Sie politisch etwas zu sagen hätten, welche Entscheidungen würden Sie treffen, um die Infektions- und Patientenzahlen schnell zu senken?

Zuerst einmal sollten die Impfangebote noch viel weiter ausgebaut werden und sollte 2G konsequent kontrolliert werden. Streng gesehen wäre ein Shutdown mit Schließung von Geschäften und Absagen öffentlicher Veranstaltungen aus epidemiologischer Sicht das beste Mittel. Vor allem aber gilt: Die Impfung ist weiterhin der Königsweg aus der Krise.

Im ARD-Fernsehmagazin »Kontraste« machten Sie jüngst deutlich, dass neben einem Lockdown auch an der Impfpflicht kein Weg vorbeiführe. Sehen Sie das noch immer so, sollte dies nur für bestimmte Personen und Berufsgruppen gelten, und was versprechen Sie sich ganz allgemein von einer Impfpflicht?

Eine Impflicht wäre vor allem für Personal in sensiblen Bereichen wie Kliniken und Pflegeheimen wichtig. Obwohl ich den Anteil an Verweigerern dort für niedrig halte, können sie große Schäden verursachen. Darüber hinaus denke ich mittlerweile tatsächlich, dass eine generelle Impfpflicht uns vor zukünftigen Ausbruchswellen bewahren könnte. Obwohl die Öffentlichkeit konstant und von vielen Seiten hochqualitativ informiert wird, gibt es leider eine kleine, aber radikale Minderheit, die mit geballten Desinformationen für solche Verunsicherungen sorgt, dass es Auswirkungen für die gesamte Gesellschaft hat.

Foto: JLU / Rolf K. Wegst

Weber

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