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In den Grenzbereichen der Stimme

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Gut bei Stimme: Frauke Aulbert. © Schultz

Gießen. Die Hamburger Gesangskünstlerin Frauke Aulbert nahm ihr Gießener Publikum am Donnerstagabend mit auf eine Reise durch die entlegensten Klangbereiche der menschlichen Stimme. Im Levi-Saal glänzte sie mit herausragender Originalität.

Die Multivokalistin lotet mit ihrem Programm »Humans and other insects« das Verhältnis von Menschen und Insekten aus. Die klassisch ausgebildete Sopranistin trug - im Wesentlichen ohne Mikrofon - sowohl eigene Kompositionen als auch Werke von Meredith Monk, Enno Poppe, Ole Hübner, Aurélie Nyirabikali Liermann und Georges Aperghis vor. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind musikalische Grenzbereiche, die sie dank des außergewöhnlichen Umfangs und der hohen Flexibilität ihrer Stimme erreicht. So setzt sie sich mit Gesangstechniken wie Multiphonics, Ober- und Untertongesang, Gugak, Dhrupad oder Beatboxing auseinander.

Ihr Publikum betrat im Levi-Saal zumeist sensorisches Neuland. Beim Auftakt mit Meredith Monks »Insect« präsentierte Aulberg an Ziegengemecker erinnernde Laute, wechselte die Tonhöhe und verblüffte mit feinen Modulationen, die zumindest in der uns vertrauten Lautwelt nicht oder zumindest selten vorkommen.

Ein attraktiver, hoher Obertongesang und ein mit dem Mund geknackster Rap-Rhythmus waren nur einige der Elemente, mit denen sie arbeitete. Zwischendurch waren gelegentlich auch Worte zu vernehmen. Mit »Little glottal stops« erklärte sie zugleich, was phonetisch vor sich ging, ohne den akustischen Fluss zu verlassen. Dazu projizierte sie eine Nahaufnahme ihres Gesichts auf die große Leinwand hinter sich, was der Sache eine besondere Note verlieh.

In Enno Poppes »Wespe« verfremdete Aulbert den im Programm beigelegten Text fantasievoll lautmalerisch, wobei sie anfangs eine leicht wespenähnliche, beunruhigende Stimmmelodie benutzte. Schließlich heißt es im Text: »Halt die Außensprache kalt, innen sei Insektendunst, mach es mir, mach mich gesund, Wespe komm in meinen Mund.« Da blieben so einige Konventionen am Wegesrand zurück.

Es gab überhaupt sehr viel zu staunen in dieser Performance. Vor allem glänzte Aulbert mit hoher Konzentration und perfekter Ausführung. Im Haupttitel des Abends, »Humans and other insects«, ergänzte die Hamburgerin ihre Stimme noch mit einer Tanzperformance. Da hörte man etwa Frösche, und die Künstlerin tanzte einen jeweils körperlich passend erscheinenden Duktus dazu. Die Stille war hier zwischenzeitlich so tief, dass auch die Dimmer in den Scheinwerfern zu singen begannen.

Zudem mischte Aulbert zahllose Musikstile und Versatzstücke und ließ alles mit eleganter Flüssigkeit und entspanntem Humor ineinanderfließen. So entstand ein virtuoses Klangpanoptikum mit einer enormen musikalischen und performativen Bandbreite: famos.

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