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In der Existenzmaschine

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Letztes Gastspiel im Stadttheater: Christian Fries und »Der Untergeher«. Foto: Wegst © Wegst

Gießen . Samstagabend, kleine Bühne, taT. Angenehm kühl, angenehm dunkel. Christian Fries gibt seine Bühnenfassung von Thomas Bernhards »Der Untergeher«. Draußen sind es, auch spät, noch knapp 30 Grad, draußen ist es laut und lärmend, die Biergärten sind voll, auf dem Anlagenring startet bald die Nachttanzdemo, drüben auf der anderen Seite des Berliner Platzes gibt es in der Kongresshalle noch ein Kunst-Stück:

das Semesterabschlusskonzert. Mozart, Lortzing, Verdi, Beethoven. Drinnen die Kunst, draußen das Leben. Drinnen die Stille, draußen der Lärm.

Zu Beginn eine »Triggerwarnung«

»Wir sind so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft«, lässt Fries das Publikum, nur 18 Neugierige sind gekommen, wissen. Und ergänzt: »Triggerwarnung: Sehr depressiv, fast suizidal, viel Text.«

Das Bühnenbild: schwarz, ein Stuhl, eine Lampe als Scheinwerfer am Boden, die Fries selbst bedient, sein Schatten, der Schatten des Stuhls. Und darin zwei Stunden höchster Konzentration, zwei Stunden Text, der zu Musik wird, ein musikalischer Text, Bernhard eben, ansatzlos und atemlos - fehlerlos und grandios vorgetragen von Christian Fries. Der kennt den Text in- und auswendig, wie ihn umgekehrt der Text auch in- und auswendig zu kennen scheint. Nach all den Jahren, die er ihn schon vorträgt, ach was: lebt.

Der Ich-Erzähler ist zum Weltanschauungskünstler geworden, nachdem es zum Klavierkünstler nicht gereicht hat. Er erzählt, ein Gasthaus betretend, von seinem Freund Wertheimer, auch ein Klavierkünstler, der sich aufgehängt hat. Wertheimer, der Untergeher. Beide sind in jungen Jahren Glenn Gould am Mozarteum begegnet, bei Horowitz haben sie Klavier studiert, doch gegen Goulds Klavierkunst und seine Interpretation der »Goldberg-Variationen« kamen sie nicht an. »Glenn hat uns das Klaviervirtuosentum unmöglich gemacht schon zu einem Zeitpunkt, in welchem wir beide noch fest an unser Klaviervirtuosentum geglaubt hatten«, heißt es bei Bernhard. Zitiert Fries.

Für Wertheimer führt diese Erkenntnis in den Tod, für den Ich-Erzähler von der Klavier- in die Weltanschauungskunst. Das Klavierspiel ist ihnen angesichts des kanadischen Originalgenies Gould unmöglich geworden. Bernhards Roman von 1983 gehört zu seinen populäreren Werken, er ist nicht eindeutig tragisch, er ist nicht eindeutig komisch, er umkreist die (Künstler)-Existenz und das Scheitern daran. Denn am Ende bleibt auch von Glenn Goulds »Goldberg-Variationen« nur ein kratzendes, knarzendes Geräusch. Nach zwei Stunden höchster Vortragskunst, eines monumentalen Monologs, sind das auch die letzten Töne von Christian Fries. Auch Gould ist gescheitert.

Klavierspiel wird unmöglich

Der Vortragskünstler aber nicht. Ein grandioser Abend, am Ende gar nicht depressiv, gar nicht suizidal. »Die Kunst ist das Höchste und Widerwärtigste gleichzeitig.« Heißt es in Barnards »Alte Meister«.

Fries macht sie mit seiner Bühnenfassung zum Höchsten. Eine Kontemplation. Man möchte den Raum nicht mehr verlassen. Drinnen die Kunst, draußen der Lärm.

Es gibt keine weiteren Aufführungen.

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