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In Holzheim dem Glück auf der Spur

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Nina Petri bei ihrem vielfältig gestalteten Auftritt in der Kulturellen Mitte. © R. Schmidt

Pohlheim (amp). Für Friedrich Engels war Glück ein »edler Bordeaux«, wie er in einem Poesiealbum bekundete. So einfach macht es sich Nina Petri nicht: Sie untersucht das »Glück« in vielfältiger Weise an Beispielen aus der Literatur. Mit einem Auftritt im Rahmen von »Leseland Gießen« (zu »Leseland Oberhessen« gehörig) präsentierte die vielbeschäftigte Schauspielerin, Hörspiel- und Hörbuchsprecherin ihr gleichnamiges Programm in der Kulturellen Mitte in Pohlheim-Holzheim.

Sie erfuhr dabei deutlich mehr Zuspruch als die Premiere der Lesereihe in Holzheim im Vorjahr mit Jan Seghers, wie Sabine Müller, die Leiterin der Pohlheimer Stadtbücherei, erfreut feststellte; doch immer noch coronabedingt mit viel Freiraum zwischen den Plätzen im Saal. Und so gab Nina Petri, das darf schon jetzt verraten werden, gegen Ende des Auftritts ihrer Hoffnung Ausdruck, sich in ein oder zwei Jahren vor einem deutlich besser besetzten Auditorium an dieser Stelle wiederzusehen. Diese Hoffnung muss nicht trügen. Denn an der Interpretin und ihren ausgewählten Beiträgen lag es auf keinen Fall, dass noch etliche Stühle in der Abstellkammer bleiben mussten.

Die 58 Jahre alte Hamburgerin hat ihr schon vor Jahren zusammengestelltes Programm immer wieder verfeinert und mit vielen Nuancen angereichert. Dabei, so erzählte sie später, habe sie überwiegend Texte gefunden, die sich mit dem Unglück beschäftigen. Unglück, das sich ab und an aber auch zum Glück wende. Schließlich endeten ja auch die meisten Filme im Glück, mit einem Happy End, wie sie mit einem Schmunzeln erzählte. Wozu ein Gedicht von Kurt Tucholsky (»Danach«) treffend passte.

Die Mutter von Zwillingen beleuchtete ihr Thema neben eigenen Überlegungen mit Aphorismen, Gedichten und Statistiken. Den stärksten Eindruck hinterließ Petri aber, wenn sie längere Texte las, etwa aus den Briefen von Franz Kafka an seinen Vater zitierte oder das Grimmsche Märchen »Hans im Glück« vortrug. Hier spielte sie ihre ausdrucksstarke Stimme und bühnenerfahrene Mimik auch auf dem Podium der Kulturellen Mitte gekonnt aus. Wenig verwunderlich, dass sie mit der zum (offiziellen) Abschluss vorgetragenen erotischen Geschichte »Die Mysterien eines Feinkostladens« von Keto von Waberer die überwiegend weibliche Zuhörerschaft geradezu in ihren Bann zog. Was der anschließende Beifall nur bestätigte.

Wenn es denn wirklich zu einem Wiedersehen im Rahmen der Leseland-Reihe in Mittelhessen kommen sollte, bringt Nina Petri ja vielleicht einen Pianisten mit. Denn die Variante ihres Repertoires zu diesem Thema ist mit Klaviermusik unterlegt. Und dass die Schauspielerin auch singen kann, bewies sie in kurzen Kostproben. Das wäre dann vielleicht, um beim Thema zu bleiben, eine Variante von Glück. Und vielleicht sogar einen edlen Bordeaux wert.

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