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In Langgöns hieß es: Dreimal hoch

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Erinnern Sie sich noch? Bei der WM 1978 in Argentinien waren die Plätze häufig mit unzähligen Papierschnipseln bedeckt - so wie hier beim Finale zwischen der Heimmannschaft und den Niederlanden. © dpa

Wahre Fußballfans lassen sich leicht von denjenigen unterscheiden, für die der Sport nur ein oberflächliches Freizeitvergnügen ist: Erstere rastern die eigenen Lebensstationen häufig im Vier-Jahres-Rhythmus der entsprechenden Weltmeisterschaften. Sobald also das Bewusstsein einsetzt, meist im Alter zwischen sechs und zehn Jahren, sind die Infos von damals für immer abrufbar, auch wenn die Turniere vielleicht schon ein halbes Jahrhundert zurückliegen.

Der gebürtige Münchner Andreas Bernard, Jahrgang 1969, gehört zu genau dieser Sorte von Anhängern. Er hat nicht nur stets den aktuellen Spielplan des FC Bayern im Kopf, sondern auch selbst unzählige Stunden auf dem Platz verbracht. »Seine« erste WM war übrigens die von 1978 in Argentinien, bei der diese seltsamen Papierschnipsel überall auf dem Feld verstreut lagen. Gleichaltrige werden sich erinnern. Nun hat der Publizist und in Lüneburg lehrende Kulturwissenschaftler ein wunderbares kleines Buch vorgelegt, in dem er sich an die vielen Details erinnert, die zu seiner Kindheit auf dem Bolzplatz gehörten - und die damit unzähligen Lesern überaus vertraut vorkommen dürften.

Bernard spielte als Kind und Jugendlicher in den späten 70er und frühen 80er Jahren natürlich im Verein seines Münchner Stadtteils. Aber ebenso jeden Tag und stundenlang auf einem nahe gelegenen Bolzplatz, auf dem sich immer genügend Gleichgesinte aus der Umgebung fanden, um zwei Mannschaften zu bilden.

Und so nähert sich der Autor dieser in mehrerlei Hinsicht längst vergangenen Zeit in einer Art mikroskopischem Verfahren an. Dabei geht es etwa um die Kleidung der Mitspieler, um die irgendwann vom Bolzplatz verschwundenen Handballtore, um die anschließende Spezi im nahe gelegenen Getränkemarkt sowie um die Wintermonate, in denen auch Schnee und Eis kaum ein wirkliches Hindernis für die Jungs darstellten.

All das ist bei Bernard aber keine einfache Verklärung der eigenen Kindheit, sondern eine in ihrer sprachlichen Präzision bezwingende Annäherung an eine hunderttausendfach geteilte Leidenschaft. Die Unterschiede finden sich hier im Kleinen. Nehmen wir etwa das Spiel »Ball aus der Luft«, das immer dann dran war, wenn noch nicht genügend Kicker für ein richtiges Match zusammengekommen waren. Dabei musste der Ball nach einer Vorlage vom Mitspieler immer volley ins Tor befördert werden.

Wenn es nicht gelang, wurden fünf oder zehn »Leben« runtergezählt. Das gleiche Spiel hieß »Obern« im nahegelegenen Münchner Stadtteil Pasing, »Schnibbeln« in Bochum oder »Dreimal hoch« in Langgöns, wie Bernard bei der Recherche von Gleichaltrigen erfahren hat. Bezeichnungen, die möglicherweise nur auf einem einzigen Platz galten, während das Spiel ein paar Hundert Meter Luftlinie weiter aus unerfindlichen Gründenschon wieder ganz anders heißen konnte.

Netze und Zungen

Andere Themen sind die mit unterschiedlichen Netzen bespannten Fußballtore in Europa und Südamerika, die umgeklappte Zunge der Adidas-Schuhe von Mittelfeldstratege Wolfram Wuttke oder die Verwendung der Kicker-Stecktabelle.

Wunderbar, wie Bernard den Fußball in all seinen bisweilen skurrilen Ausprägungen zu fassen bekommt - und damit auch von der heißgelaufenen Medienmaschinerie des heutigen Profi-Zirkusses abgrenzt. »Liegt die Orientierungskraft des Fußballs nicht in erster Linie darin, dem Leben eine konstante Erzählung zu geben?«, heißt es da treffend.

Bejaht hätte diese Frage ganz sicher der italienische Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini (1922-1975).

Anlässlich dessen 100. Geburtstags in diesem Jahr hat sich sein Landsmann Valerio Curcio der lebenslangen Fußballleidenschaft Pasolinis gewidmet. Doch leider kann dieser Band nicht mit den Betrachtungen Bernards konkurrieren. Zu viele belanglose Details von Spielen an unterschiedlichen Lebensstationen reiht der junge Kulturwissenschaftler hier zunächst aneinander. Diese erschöpfende Rechercheleistung mag manchen italienischen Tifosi des Ausnahmekünstlers fesseln, für den deutschen Leser wirkt sie aber eher ermüdend. Interessant wird das Buch erst im zweiten Teil, in dem sich Curcio Themen widmet, die über Pasolinis eigene, der bewussten Weltflucht dienende Kickerei hinausgehen. Seinem Interesse für die in den 60ern und 70ern zumeist proletarischen Zuschauer etwa, deren Sprache er belauschte und die er auch in seinem filmischen und literarischen Werk immer wieder porträtierte.

Oder den sprachlichen Code, den Pasolini beim Spiel in den Stadien entdeckte. So befand er: »Der Torschützenkönig einer Meisterschaft ist stets der beste Dichter des Jahres.« Das dürfte auch Robert Lewandowski vermutlich gern so stehen lassen.

Andreas Bernard: Wir gingen raus und spielten Fußball. 160 Seiten. 20 Euro. Klett-Cotta.

Valerio Curcio: Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen. 190 Seiten. 20 Euro.

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