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In Wiesbaden angekommen

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Nina Heidt-Sommer hat das Mandat von Frank-Tilo Becher übernommen. © Anna Voelzke

Bessere Bildunspolitik. Dafür engagiert sich Nina Heidt-Sommer von der SPD. Seit Kurzem ist die Gießenerin Landtagsabgeordnete.

Gießen. Die Neue ist bekanntermaßen kein Neuling. Denn Nina Heidt-Sommer hat in den vergangenen Jahrzehnten reichlich politische Erfahrung gesammelt. Seit 13. Dezember kann die Sozialdemokratin sie in den Hessischen Landtag einbringen. Denn mit dem Amtsantritt von Frank-Tilo Becher als Oberbürgermeister hat die Gießenerin sein Mandat übernommen. Ein politischer Schwerpunkt: » Für mich ist Bildungspolitik seit vielen Jahren ein entscheidendes Thema. In dem Bereich habe ich praktische Erfahrungen als Lehrerin an der Ganztagsschule Gießen-West«, sagt Heidt-Sommer im Interview mit dem Anzeiger. Der Stadtpolitik bleibt sie erhalten, Daran ändert die neue Aufgabe nichts..

Wie fühlt es sich an, in die Berufspolitik zu wechseln?

Das ist total spannend und macht viel Spaß. Für mich ist es eine große Chance, die Dinge, für die ich mich bisher ehrenamtlich eingesetzt habe, voranzubringen.

Ziehen Sie nach Wiesbaden?

Mein Lebensmittelpunkt bleiben auf jeden Fall Gießen und der Wahlkreis. Während der Plenarwochen werde ich in Wiesbaden im Hotel übernachten, um dort wirklich ganz präsent zu sein.

Was sind Ihre politischen Themen in der Fraktion?

Ich bin im Petitionsausschuss und im Kulturpolitischen Ausschuss. Für mich ist Bildungspolitik seit vielen Jahren ein entscheidendes Thema. In dem Bereich habe ich praktische Erfahrungen als Lehrerin an der Ganztagsschule Gießen-West. Darüber hinaus habe ich Erfahrungen als Personalrätin - erst im Gesamtpersonalrat am Staatlichen Schulamt, dann im Hauptpersonalrat der Lehrerinnen und Lehrer im Kultusministerium. Ich habe also einen breiten Einblick - durch die gewerkschaftliche Arbeit auch über Schule hinaus. Ich werde mich für ein Bildungssystem einsetzen, das Chancengleichheit ermöglicht. Davon sind wir in Hessen noch weit entfernt.

Welche konkreten Vorstellungen haben Sie?

Die Ausgaben für Bildung müssen erhöht werden. Darüber hinaus ist die Novellierung des Lehrerbildungsgesetzes nötig. Ein Schwerpunkt muss bei Demokratisierung und politischer Bildung liegen. Aus meiner Sicht ist das die wichtigste Versicherung für eine demokratische Gesellschaft. Die Studiendauer für Lehrämter muss in Hessen angehoben werden - so wie es in den allermeisten anderen Bundesländern schon ist. Ganztagsschule sollte ausgebaut, und gemeinsames und differenziertes Lernen stärker ermöglicht werden.

Muss sich an der Schulstruktur etwas ändern?

Ich denke, dass die Zeiten, in denen man Eltern vorschreiben konnte, auf welche Schule sie ihr Kind schicken, vorbei sind. Das hat spätestens die G8/G9-Debatte gezeigt. Wir müssen aber Schulformen, die Inklusion und Differenzierung leben, stärker unterstützen. Das gilt auch für Schulen in herausfordernden Einzugsgebieten. Die Corona-Pandemie hat sehr deutlich gemacht, wo die Probleme liegen: marode Schulgebäude, große Klassen im Wechselunterricht. Letztlich müssen sich auch die Arbeitsbedingungen für alle, die in der Schule arbeiten, drastisch verbessern.

Inwiefern?

Die Pflichtstunden müssen reduziert werden. Darüber hinaus ist es dringend an der Zeit, die Besoldung der Grundschullehrer auf A13 anzuheben.

Was erwartet Sie im Petitionsausschuss?

Ich freue mich auf die Aufgaben, weil man hier Menschen konkret helfen kann, wenn sie sich von staatlicher Seite ungerecht behandelt fühlen.

Sie sind in einer spannenden Zeit in die SPD-Fraktion gekommen. Nach dem Weggang von Nancy Faeser gab es Debatten um den Vorsitz. Wie sind Sie aufgenommen worden?

Sehr herzlich. Die Debatten in der Fraktion um den Vorsitz sind sehr sachlich, fair und demokratisch geführt worden. Es spricht für eine lebendige Partei, dass es ein Angebot zur Wahl gibt. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die SPD-Fraktion fachlich sehr gut aufgestellt ist und ein konstruktives Arbeitsklima herrscht.

Die SPD scheint im letzten Jahr wie Phoenix aus der Asche aufgestiegen zu sein. Wie bewerten Sie die Situation im Land?

Ich habe den Eindruck, dass das Versprechen der SPD, den Respekt in den Mittelpunkt zu stellen und Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität umzusetzen, viel Anklang findet.

Sie haben das Mandat von Frank-Tilo Becher übernommen. Wollen Sie die Arbeit über diese Zeit hinaus fortsetzen?

Das habe ich für mich entschieden. Ich möchte im Wahlkreis auch bei der nächsten Landtagswahl antreten.

Der Politik in Gießen bleiben Sie erhalten?

Ja, ich werde meine Verantwortung im Stadtverband der SPD und in der Stadtverordnetenversammlung weiterhin wahrnehmen. Ich bin davon überzeugt, dass die Erfahrungen aus der Kommunalpolitik, die ganz konkrete Dinge umsetzt, sehr hilfreich für die Arbeit im Hessischen Landtag sind.

Wie fühlt sich das größere Parkett in Wiesbaden an?

Das hat sich am ersten Tag für mich gut angefühlt. Durch die Erfahrungen, die ich als Lehrerin, Personalrätin und Kommunalpolitikerin gemacht habe, fühle ich mich gut vorbereitet, um mich konstruktiv in Debatten einzubringen.

Was sind aus Sicht der Sozialdemokraten in der Stadt Gießen die nächsten Aufgaben?

In der ganzen Republik steht die Bewältigung der Corona-Krise im Vordergrund. Damit einher geht die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Diesen werden wir auch für die anderen Herausforderungen unserer Zeit wie die Bewältigung des Klimawandels und die Transformation unserer Gesellschaft zur Wissensgesellschaft benötigen. Das wird nur gemeinsam und solidarisch gelingen, wenn alle Menschen mitgenommen werden. Gießen muss den sozial-ökologischen Wandel so bestehen, dass sich der Einzelhandel neu findet und wirtschaftliche Entwicklung stattfindet. Auch der Kultur- und Bildungsstandort muss sich weiterentwickeln.

Wie lange sind Sie schon in der SPD?

Ich bin in Biebertal aufgewachsen, und in den 90er-Jahren hat sich stark die Frage nach Geflüchteten gestellt. Es gab auch Übergriffe auf geflüchtete Menschen. Ich habe mich zunächst in der Flüchtlingshilfe engagiert und bin darüber im Alter von 13 Jahren zu den Jusos gekommen. Mit 18 Jahren bin ich in die SPD eingetreten.

Bleibt bei Ihrem umfangreichen Arbeitspensum auch noch Zeit für Privatleben?

Bertolt Brecht hat sinngemäß mal gesagt, dass der Revolutionär auch zu Abend essen muss, um seine Aufgaben wirklich gut und angemessen ausfüllen zu können. Man muss sich Zeit für die Familie nehmen, denn daraus kommt die eigene Stärke. Aber professionelle Politik muss sich auch so verändern, dass es noch besser möglich ist, familiäre Verantwortung zu übernehmen.

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