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»Inklusion muss im Kopf stattfinden«

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Von: Rüdiger Schäfer

Gießen. Sich Fragen zur Barrierefreiheit in Stadt und Landkreis stellen und konkrete Verbesserungen artikulieren sollten Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher und Landrätin Anita Schneider im Bürgerhaus Wieseck. Eingeladen zu der parteioffenen Veranstaltung hatte die sich im Frühjahr konstituierte Arbeitsgemeinschaft der Menschen mit Behinderungen im SPD-Unterbezirk Gießen »AG Selbst aktiv«.

Vorsitzender Patrick Hoffmann und seine Stellvertreter Ralf Prager und Jürgen Gottstein hatten eine Reihe von Fragen vorbereitet. Auch von den Teilnehmern gab es zahlreiche Wortmeldungen. Als Schlagwort für Barrierefreiheit ist das Wort Inklusion in aller Munde. Was ist Inklusion? Es bedeutet, dass kein Mensch ausgeschlossen, ausgegrenzt oder an den Rand gedrängt werden darf. Als Menschenrecht ist Inklusion unmittelbar verknüpft mit den Ansprüchen auf Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Damit ist Inklusion sowohl ein eigenständiges Recht als auch ein wichtiges Prinzip, ohne dessen Anwendung die Durchsetzung der Menschenrechte unvollständig bleibt.

Inklusion kann nicht von heute auf morgen geschehen. Inklusion ist ein Prozess. Neben den notwendigen Rahmenbedingungen erfordert er eine kontinuierliche Reflexion. Veränderungen in den Strukturen, aber auch in den Haltungen und Einstellungen aller Menschen sind notwendig - das braucht Zeit.

Als die Sprache auf »viele Arztpraxen ohne jegliche Barrierefreiheit« kam, war Bechers Ansinnen: »Es wäre gut, eine Plattform zu schaffen, wo alle Ärzte und andere diesbezüglich gelistet sind.« Landrätin Anita Schneider meinte: »Inklusion bedeutet, dass das im Kopf stattfinden muss. Ich weiß nicht, ob das bei jedem einzelnen Arzt vorhanden ist.«

Ob dies bei der Stadt besteht, könnte auch bezweifelt werden. Denn Dieter Nübel beklagte, dass beim Weihnachtsmarkt der Kirchenplatz voll mit Holzspänen abgedeckt sei: »Darauf kann ich mich mit meinem Rollstuhl nicht bewegen.« Bei der Inaugenscheinnahme des Weihnachtsmarkt-areales wird deutlich: Noch immer keine Spur von Rücksichtnahme auf Seh- und Gehbehindete; anscheinend wie in den Vorjahren. Sechs Wochen - lang mit Auf- und Abbau - sind wiederum viele Blindenleitspuren ständig unterbrochen. Und für die Gehbehinderten stellt die endlos scheinende Anzahl von Kabelüberbrückungen für Rollatoren und Rollstühle in jedem Einzelfall eine körperliche Herausforderung dar.

Selbst die gerade einmal vier blauen, vor einigen Jahren eingesetzten weniger steilen Überbrückungen, sind nicht aufzufinden. Becher brach eine Lanze für die benötigten Flächen von großen Aufstellern, die »ansonsten ihr Geschäft nicht betreiben können«. Im nächsten Februar wolle man sich allerdings zusammensetzen, um diese Problematik zu bereden, verkündete er.

Auch nach außen nichts Sichtbares getan hat sich bisher bezüglich Barrierefreiheit bei den seit Jahren im Gespräch befindlichen Aufzügen am Bahnhof an der alten Buntsandsteintreppe und am Stadttheater. aA Bahnhof soll nach einigen gravierenden Terminverschiebungen voraussichtlich im zweiten Quartal 2023 begonnen werden. Zum Sachstand Theater sagte Becher: »Wir haben vor wenigen Wochen zusammengesessen, bereiten eine Machbarkeitsstudie vor, wie wir barrierefreien Zugang schaffen können.« Dem Denkmalschutz, der beteiligt werden müsse, sei bisher noch nichts vorgelegt worden. »Es ist ein absolutes Muss. Das Thema ist unterwegs. Der Aufgabe wollen wir uns stellen.«

»Absolutes Muss«

Von der Stadt als Host Town der Special Olympics World Games Berlin 2023 für geistig und mehrfach Behinderte, vor der mehr als 100 Personen aus der Elfenbeinküste für einige Tage in Gießen verweilen werden, erhofft sich Becher, dass das Thema Inklusion sich stärker im Bewusstsein verankert. »Von dem Fördergeld können wir auch Rolli-gerechte Kabelüberbrückungen und Wippen unter freiem Himmel für Rollis anschaffen.« Rollstuhlfahrer Nübel beklagte: »Ich finde es toll, dass in der Plockstraße neue Lokale und Läden entstanden sind. Nur, ich komme da mit meinem Rollstuhl nicht hinein.« Nur für Neu- und Umbauten, bei denen eine Baugenehmigung erforderlich sei, könne die Stadt Barrierefreiheit durchsetzen, so die Rückmeldung.

Selber noch nicht geschaffen hat die Stadt einen barrierefreien Zugang zur Bühne des Hermann-Levi-Saales im Rathaus. Nübel: »Als Rollstuhlfahrer kommt man da nicht rauf.« Angeschnitten wurde auch die geringe Anzahl von behindertengerechten Toiletten, insbesondere an Sonn- und Feiertagen in öffentlichen Gebäuden, barrierefreie Wohnungsbauten und Bushaltestellen. Bei dem derzeitigen Ausbauturnus der Stadt würden noch Jahrzehnte ins Land gehen, bis auch die letzte barrierefrei sein wird.

Einigkeit herrschte zum Abschluss darüber, dass bei der Einstellung gegenüber behinderten Menschen »Minderwertigkeit aus dem Kopf verschwinden muss«.

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