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Inklusive WG am Flughafen

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Von: Rüdiger Schäfer

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Zu Beginn der Einweihungsfeier verbreitete die Trommelgruppe »Percussion Friends« karibisches Flair. Foto: Schäfer © Schäfer

Allein, zu zweit oder in der Familie: Die Lebenshilfe Gießen entwickelt mit Bewohnern eine Hausgemeinschaft im Haus Nummer 30A Im Stolzenmorgen. Jetzt wurde es offiziell eingeweiht.

Gießen. Dirk Oßwald, Vorstand der Lebenshilfe, eröffnete die offizielle Einweihungsfeier des Hauses Nummer 30 A Im Stolzenmorgen »nach der Überwindung einiger Hürden«. Von der Planung bis zur Einweihung sei es ein langer Weg gewesen. »Doch nun können alle Unterstützungsangebote durch die Lebenshilfe Gießen genutzt werden.«

In dem Gebäude im Baugebiet am Alten Flughafen wohnen und leben Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf unter einem Dach: Allein in ihrer Wohnung, zu zweit, in einer Wohngemeinschaft oder in der Familie. Die Lebenshilfe will hier mit den Bewohnern eine Hausgemeinschaft entwickeln, in der sich alle wohl und zuhause fühlen. Das Familienzentrum Sophie-Scholl im Erdgeschoss wurde bereits eingeweiht und ist organisatorisch von den Wohnangeboten getrennt.

Bei den Mietern mit Unterstützungsbedarf bietet die Lebenshilfe eine ambulante Hilfe in der eigenen Wohnung an. Der Umfang der Unterstützung ist individuell an den jeweiligen Hilfebedarf angepasst. Die Mieter ohne Unterstützungsbedarf wohnen mit allen anderen unter einem Dach und fördern damit den inklusiven Gedanken. Die inklusive Wohngemeinschaft »WG am Flughafen« ist die zweite der Lebenshilfe. Dank der guten Kooperation bereits während der Bauphase mit dem Hausbesitzer, der Nassauischen Heimstätte, hätten gute räumliche Bedingungen geschaffen werden können, so die Lebenshilfe.

Zehn Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf finden hier seit kurzem ein neues Zuhause und üben sich im gemeinschaftlichen Wohnen. Sie werden dabei von den Fachkräften für inklusives Wohnen begleitet.

Neu ist die Form der begleiteten Elternschaft. Bei diesem Angebot gibt es Kooperationen mit dem Jugendamt. Nach vielen Jahren, in denen sich die Lebenshilfe mit dem Thema Elternschaft von Menschen mit Behinderung beschäftigt hat, nach vielen fachlichen Diskussionen und Verhandlungen mit anderen Anbietern, verantwortlichen Personen aus der Jugendhilfe und der Eingliederungshilfe, wurde in den letzten beiden Jahren ein Angebot für Mütter/Väter/Familien mit Unterstützungsbedarf aufgebaut. In dem Haus Im Stolzenmorgen wurde dafür eine sogenannte Regiewohnung bezogen - als Basisstation für die Mitarbeiter der Begleiteten Elternschaft. Im Rahmen eines Schichtdienstes wird bei Bedarf 24 Stunden am Tag Unterstützung für aktuell drei Familien/Mütter mit Kind bereitgestellt, die in ihren eigenen Wohnungen im Haus wohnen. Weitere Einzüge sind in Planung. Die pädagogische Begleitung findet in enger Zusammenarbeit und nach Absprache mit den zuständigen Jugendämtern statt.

Maren Müller-Erichsen, Aufsichtsratsvorsitzende der Lebenshilfe, berichtete allgemein zur Historie und insbesondere zur Begleitenden Elternschaft. In 40 Jahren hätten sich »wahnsinnig viele Veränderungen« ergeben. Ambulantes, Inklusives und allein Wohnen für kognitiv behinderte Menschen habe sich nur langsam entwickelt. »Und Männlein und Weiblein zusammen? Da gab es noch Bedenken.« In einer Etage seien die Männer untergebracht worden, in einer anderen die Frauen. »Dann ist es doch anders gekommen.«

Keine Sexualität

Sexualität sei damals »noch nicht auf dem Schirm« gewesen. »Auch von der Bundesvereinigung kam nichts oder nur ganz wenig.« Damals hieß es, dass Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung keine Sexualität hätten. »Dies war absurd.« Oftmals seien solche Jugendlichen sterilisiert worden. Viele Eltern hätten diesen Weg gesucht. »Wenn mir später Frauen erzählten, dass sie deshalb keine Kinder kriegen, hat mich das sehr betroffen gemacht.« Erst 1992 sei in einem neuen Betreuungsgesetz geregelt worden, dass ohne persönliche Zustimmung des Betroffenen keine Sterilisation mehr durchgeführt werden dürfe. »Alle Menschen sollten das Recht haben, zu heiraten und auch Kinder zu kriegen. Dies habe ich schon damals vertreten und dabei viel Gegenwind erhalten.«

Im Sozialgesetzbuch (SGB IX § 78) ist bei den heilpädagogischen Leistungen geregelt, dass Eltern das Recht auf Assistenz bei der Betreuung der Kinder besitzen, genannt begleitende Elternschaft. »Wir haben das vorher als großes Problem erlebt«, so Müller-Erichsen. Vier Wohnungen gibt es im neuen Gebäude für diese Konstellation. Außer der Groß-WG mit zehn Bewohnern ist dort Platz in 22 weiteren Wohnungen.

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