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»Innenstadt hat sich herausgeputzt«

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Der »singende Schuhhändler« Heinz-Jörg Ebert spricht vor Mitgliedern des Marketingclubs Mittelhessen in seinem Schuhhaus Darré über Herausforderungen im Einzelhandel.

Gießen. Heinz-Jörg Ebert, Geschäftsführer des Schuhhauses Darré, ist Gießener mit Leib und Seele. Entsprechend mitreißend gestaltete er seinen Vortrag bei der Veranstaltung des Marketing Clubs Mittelhessen am Dienstagabend in seinem Schuhgeschäft. Nach der Pandemie war dies die zweite Präsenzveranstaltung des Clubs und sie war gut besucht.

2014 prognostizierte eine Studie einen Verkaufs-Rückgang im Einzelhandel im niedrigsten Fall von drei Prozent bis 2020. »Und genauso ist es eingetreten«, konfrontierte Ebert die Zuhörer zu Beginn seines Vortrags »Schuhhaus Darré - Ein Schuhhaus mitten in der Stadt! Marketing & emotionale Kommunikation bei Darré und rund um seinen Standort«.

Er hielt eine flammende Rede auf die Attraktivität der Gießener Innenstadt und wie sie sich bis heute entwickelt habe. Bereits vor dieser Studie zeichnete sich ab, dass man die Innenstädte attraktiver gestalten müsse, um die Kunden in die Städte und in die Geschäfte zu locken. »Rund 80 Prozent unserer Kunden kommen aus dem Umland Gießens, dem müssen wir Rechnung tragen«. Initiiert von den Kaufleuten wurden 2006 in Gießen vier »BIDs« gegründet. »BID« steht für »Business Improvement District«. Wie die Gießener Einkaufszone vor 2006 aussah, das demonstrierte Ebert eindrucksvoll mit alten Aufnahmen: Wenn die Geschäfte abends geschlossen waren, dann war es im Seltersweg ungemütlich und dunkel. »Da gingen im wahrsten Sinne die Lichter aus«, so Ebert. Auch in Gießen sei man sehr nahe an einer Verödung der Innenstadt gewesen.

Die Planung und Realisierung des Einkaufcenters »Neustädter Tor« schreckte die Einzelhändler damals empor, denn die Verkaufsfläche aller Geschäfte im Seltersweg passte in die Fläche des neuen Zentrums. Zudem war das Image von Gießen eher schlecht gewesen und das Selbstbewusstsein nicht wirklich ausgeprägt. »Dabei hat Gießen wirklich viel zu bieten«, betonte der überzeugte Gießener. Aus diesem Gedanken heraus formierten sich die vier BIDs der Stadt. »Die vier Quartiere, Marktplatz, Theaterpark, Katharinenviertel und Seltersweg, haben jedes unterschiedliche Bedürfnisse und sind entsprechend anders strukturiert«, erläuterte Ebert, der selbst Vorsitzender des BIDs Seltersweg ist. Heute habe sich im Zusammenwirken zwischen den Quartieren, den Eigentümern und der Stadt viel in der Innenstadt getan. Als Beispiel führte er auch die Weihnachtsbeleuchtung an, die verschiedenen Events, die Beleuchtung, gemeinsames Auftreten unter dem Markenzeichen »Gießen entdecken« und vieles mehr. »Dazu gehört auch, dass Leerstände von dem BID gestaltet werden, damit sie ansehnlicher sind«. Dass sich diese Anstrengungen gelohnt haben, das hätten die vielen Events immer wieder bewiesen: »Am Sonntag, bei ›Sport in the City‹, war die Stadt voll. Das war doch echt wieder toll«.

Insgesamt beziffert sich das finanzielle Volumen der vier BIDs in Gießen auf zwei Millionen Euro pro Periode. Rechtlich gesehen sind die BIDs Vereine. Daher blickte Ebert auch etwas sorgenvoll in Richtung BID Theaterpark, da dort der Vorstand leider nicht mehr weitermachen möchte und das, obwohl sich gerade dieses Quartier sich zu einem kleinen Prachtstück entwickelt hatte. »In der Plockstraße gab es viel Leerstand und Billigläden. Heute ist sie ein kleiner, aber feiner Boulevard«.

Insgesamt habe sich der Seltersweg und die gesamte Innenstadt in den letzten Jahren herausgeputzt. Viele Eigentümer hätten darüber hinaus liebevoll ihre Fassaden renoviert. »Schauen Sie einmal nach oben, das lohnt sich wirklich«, empfahl er den Zuhörern. Ebenso wie sich die Innenstadt äußerlich gewandelt hat, hat sich auch das Kaufverhalten der Bevölkerung verändert und dem gelte es, Rechnung zu tragen. Im Schuhhaus Darré setzt man dabei auf Individualität und gute Kundenbetreuung. Die unterschiedlichsten Verkaufskonzepte seines Einzelhandelbetriebs belegte er anhand von Bildern aus den verschiedenen Jahrzehnten, von der uniformierten Kittelschürze bis zur individuellen Kleidung der Mitarbeiter inklusive der verschiedensten Events, die es in dem Geschäft bisher gegeben hat. »Die Digitalisierung ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen, um zukünftig weiter bestehen zu können«. Entsprechende Konzepte würden sie in dem Betrieb ständig weiter- entwickeln.

Ein Abend bei dem singenden Schuhverkäufer Gießens geht natürlich nur mit einer Kostprobe seines Könnens. So umrahmte er seinen Vortrag mit »Bridge over troubled water« von Simon and Garfunkel und beschloss ihn mit »Nessun Dorma« aus der Oper Turandot von Giacomo Puccini, bevor die Gäste noch ein wenig netzwerken konnten. Die Clubabende werden fortgesetzt.

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