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Intelligente und kritische Musikunterhaltung

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Von: Felix Müller

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Sogar ein Hypnosependel kommt beim Auftritt von Simon Eickhoff (l.) und Jan Traphan zum Einsatz. Foto: Müller © Müller

Mit viel Witz und Ironie, aber auch genügend kritischen Tönen ausgestattet, sangen »Simon & Jan« über soziale und gesellschaftliche Probleme oder teilten ihre intimsten Träume mit dem Publikum.

Gießen . »Gut seht ihr aus, auch wenn wir von der Bühne aus nur in Dunkelheit schauen. Wir haben trotzdem jetzt schon das Gefühl, dass wir direkt gute Freunde geworden sind. Auf dieser Basis beginnen wir direkt mit einem Song zum Mitmachen«, eröffnete das Liedermacher-Duo »Simon & Jan« den kurzweiligen Freitagabend im Jokus. Mit viel Witz und Ironie, aber auch genügend kritischen Tönen ausgestattet, sangen die beiden über soziale und gesellschaftliche Probleme oder teilten ihre intimsten Träume mit dem anwesenden Publikum. Zudem versuchte sich einer der Musiker als Hypnotiseur - mit Erfolg.

»Hallo wie geht es euch? Von uns bekommt ihr heute nur das gute Zeug«, lauteten die Zeilen des Eröffnungssongs und sollten sich als richtig herausstellen. Denn nachdem die Zuschauer nochmal angewiesen wurden, » tief ein- und auszuatmen«, legten Simon Eickhoff und Jan Traphan erst so richtig los und holten auf ihrer ganz eigenen amüsanten und zugleich kritischen Art und Weise zu einem gelungenen Rundumschlag aus. Etwa beim Song »Hat sich nicht bewährt«, wo sich die Musiker in »tiefe menschliche Abgründe begaben«, inspiriert vom Wahlprogramm der AfD.

»Männer an die Macht, Frauen an den Herd. War zwar lecker, aber hat sich nicht bewährt. Einen braunen Idioten der unsere Welt erklärt, haben wir schon gehabt, hat sich nicht bewährt.« Ebenso nachdenklich stimmte das ruhige Lied »Herr lass es regnen«, welches die Flüchtlingsthematik aufgriff. »Oh mein Minister, wie ich mich schäme. Sagt Migration sei die Mutter der Probleme. Wie kann man unsere Vielfalt nur so einfältig begegnen. Herr lass es regnen.« Als ebenso hochaktuell zeigte sich der Titel »Stell dir vor«, der zunächst noch Hoffnung machte. »Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin. Die Vögel sie fliegen, die Blumen sie blühen. Tiridi und Tirida, alles ist wunderbar.« Nur um dann im Refrain jede Hoffnung zunichtezumachen. »Stell dir vor es ist Krieg und irgend so ein Arsch geht doch wieder hin. Und macht alles kaputt, was ich lebe, was ich liebe, was ich bin.«

Beide Songs seien zwar »keine geilen Party-Nummern«, aber ihre selbsternannte »Scholz’e Euphorie«, die seit der Ampelkoalition vorherrsche, sei weiterhin ungebrochen, versicherte das Duo den Zuschauern und verteilte dabei fleißig Komplimente. »Wir waren bestimmt vier bis fünf Jahre nicht hier. Dafür habt ihr euch weitgehend gut gehalten«, empfanden Eickhoff und Traphan, die sich 2001 zu Beginn ihres Musik-Lehramtsstudiums in Oldenburg kennenlernten und seit 2006 gemeinsam musizieren. Nicht ganz zufällig wurde den Anwesenden zu diesem Zeitpunkt »Honig um den Mund geschmiert«. Denn neben der »Erweiterung ihres Instrumentarium«, haben sich »Simon & Jan« in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema Hypnose beschäftigt - besonders Letztgenannter. Kurzerhand zückte der 41-Jährige ein Pendel und versuchte das Publikum mit dessen Hilfe zu beeinflussen. »Ihr seid reich, unfassbar reich. Gebt in der Pause etwas von eurem Reichtum ab, kauft unsere CDs und Schallplatten«, befahl er dem sichtlich amüsierten Publikum.

Untermauert wurde die »Bitte« mit dem Titel »Ich bin reich«, der mit bitterer und amüsanter Note daherkam und treffend die wachsende Kluft zwischen arm und reich beschrieb . »Willkommen auf ihrer Insel, willkommen im Arbeitsamt. Nehmen Sie sich einen Cocktail, zieh eine Nummer und halt einfach den Rand. Natürlich Diggi, wir sind alle gleich. Du bist arm und ich bin reich. In die gleiche Scherbe schlugen die Musikschaffenden beim Song »Weil ich kann«, der den Finger immer wieder in die Wunde legte. »We are the Champions, keine Zeit für Loser. Sie winken mit dem Paddel irgendwo vor Lampedusa. Ich liege auf meiner Yacht und schau mir Teleshopping an, weil ich kann, weil ich kann.« Auch gewährten die Künstler den Fans zum Ende der Show »tiefe Einblick in ihre intimen Träume« - oder vielleicht Alpträume? »Ich hatte Sex mit Sahra Wagenknecht, letzte Nacht in meinem Traum. Jetzt hab ich Rücken, denn wir lagen schlecht. Dort oben nackt in unserem Baum.«

Doch auch die Zuschauer bekamen nicht nur bei diesem Thema den Spiegel vorgehalten. »Träumt ihr euer Leben, oder lebt ihr euren Traum? Schaut euch eure Partner an, wir glauben kaum«, witzelten die beiden etwa. Knappe zwei Stunden lang demonstrierten Simon Eickhoff sowie Jan Traphan mit einfachen aber effektiven Mitteln, wie intelligente und kritische Musikunterhaltung funktioniert - gerne mehr davon.

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