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»Gesund sein - Gesund bleiben - Gesund werden« könnte nach dem Willen von Frank-Tilo Becher zu einem Leitmotiv seiner Amtszeit werden - nicht nur wegen der Corona-Pandemie.

Im Interview

»Intensiver« Start als Oberbürgermeister von Gießen

Gerade mal 19 Tage ist Frank-Tilo Becher nun Gießens Oberbürgermeister. Noch läuft die »Phase des Erkundens und Bekanntmachens« - aber einige dicke Brocken stehen bereits auf der Agenda.

Gießen . Gerade mal 19 Tage ist Frank-Tilo Becher nun Gießens Oberbürgermeister. Klar, dass da noch die »Phase des Erkundens und Bekanntmachens« läuft - auch wenn es sich »bereits sehr intensiv anfühlt«. Doch die ersten Eindrücke stimmen ihn zuversichtlich. »Mir begegnet sehr viel Offenheit, Interesse und Unterstützung«, betont der 58-Jährige im Interview mit dem Anzeiger. Ermutigung für die neue Aufgabe hat er zudem aus der »wirklich ergreifenden« Verabschiedung seiner Vorgängerin Dietlind Grabe-Bolz gezogen. An Herausforderungen mangelt es nicht. Mit dem Verkehrsversuch auf dem Anlagenring und der Zukunft des Basketballstandorts warten gleich zwei dicke Brocken. Und die Pandemie ist ebenfalls noch nicht vorbei.

Wachen Sie manchmal noch auf und sind selbst erstaunt darüber, dass Sie jetzt Oberbürgermeister von Gießen sind?

Es gibt Momente der freudigen Verwunderung über die Aufgabe, in die ich gewählt worden bin. Mir ist bewusst, dass das keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Auftrag der Bürgerinnen und Bürger.

Mehrfach hat Dietlind Grabe-Bolz betont, dass Gießen Sie »verdient« habe. Warum eigentlich?

Vielleicht drückt sich darin aus, dass hier jemand mit großer Leidenschaft und Herzblut für das Wohl dieser Stadt unterwegs ist, nicht nur für ein Amt oder abstrakt für Politik. Im Laufe der vergangenen 28 Jahre bin ich in so viele unterschiedliche Bereiche eingetaucht, habe für meine Familie und mich in Gießen eine Heimat gefunden, sodass eine enge Verbundenheit entstanden ist. Daher bin ich dankbar für die Chance, mit meiner Gestaltungskraft der Stadt etwas zurückzugeben.

Haben Sie sich schon allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rathaus persönlich vorstellen können?

Das ist bisher in einer ersten Amtsleiterrunde und mit einem Anschreiben geschehen, damit ich alle schnell erreiche, alles andere geht Stück für Stück. Noch läuft die Phase des Erkundens und Bekanntmachens. Für den Jahresbeginn habe ich angekündigt, alle Ämter zu besuchen. Mir begegnet sehr viel Offenheit, Interesse und Unterstützung. Obwohl ich erst wenige Tage im Dienst bin, fühlt es sich bereits sehr intensiv an. Für mich ist das ein gelungener Start.

Was haben Sie sich von der Amtsführung von Dietlind Grabe-Bolz abgeschaut?

Uns verbindet das Bedürfnis nach Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern, die wir beide sehr aktiv leben. Übernehmen werde ich bestimmt die große Sorgfalt und Akribie, mit der sie die Dinge bearbeitet hat. Es ist ja kein Zufall, dass in ihrem Büro immer sehr lange Licht brannte. Was mir darüber hinaus wichtig sein wird, ist ein ämterübergreifendes Handeln. Teamgeist wird der Garant dafür sein, die an uns gestellten Aufgaben und Probleme zu lösen.

Ihr Mitbewerber Alexander Wright hat im Wahlkampf mal angedeutet, beim Klimaschutz etwa werde von Ihnen »herumlaviert« und »wegmoderiert«. Können Sie eigentlich auch Konfrontation und Attacke?

Alles hat seine Zeit! Um politisch zum Ziel zu gelangen, braucht es beides: klare und manchmal zugespitzte Positionen sowie die Vermittlung zwischen Standpunkten. Ich kann beides, lassen Sie sich überraschen. Aktuell lasse ich es an Klarheit nicht mangeln, was die sogenannte Querdenker-Szene betrifft, die ich mit ihren Aktionen und Äußerungen als zynisch gegenüber denen erlebe, die als Erkrankte, Angehörige oder in der Pflege von der Pandemie betroffen sind.

Die Corona-Krise ist in der Tat noch immer die den Alltag prägende Realität. Wie nehmen Sie die Situation wahr?

Corona ist ein Stresstest auf ganz vielen Ebenen: für das medizinische System ebenso wie für politisches Handeln. Wir lernen, dass die Politik Entscheidungen trifft, die der ständigen Überprüfung bedürfen, immer wieder korrigiert und kommuniziert werden müssen. Dann haben wir die soziale Dimension: Was bedeutet Corona für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, was macht es mit Familien mit Kindern und Jugendlichen, mit Studierenden oder alten Menschen? Und es handelt sich um eine wirtschaftliche Herausforderung. Außerdem ist Verwaltung einem ständigen Lernprozess ausgesetzt. Vieles haben wir sehr gut gemacht. Aber natürlich stellen sich auch Erschöpfungszustände ein.

In Ihrer Antrittsrede im Stadttheater haben Sie »Gesund sein - Gesund bleiben - Gesund werden« als denkbares Leitmotiv für Gießen ins Spiel gebracht. Ist das auch Corona geschuldet?

Das speist sich aus zwei Quellen, zum einen der Pandemie-Erfahrung. Der Wunsch »Bleib gesund« ist zur Grußformel geworden. Dahinter steckt das Bewusstsein, welche große Rolle die Gesundheit spielt und was es bedeutet, wenn sie beschädigt wird. Zum anderen geht es um die Frage der Nachhaltigkeit, nach Klimaschutz und Zukunftsperspektiven. Das lässt sich verdichten auf die Frage: Wie leben wir, unsere Kinder und Enkelkinder eigentlich gesund in dieser Stadt. Hier können wir zahlreiche Lebensbereiche adressieren.

Wie wollen Sie diese Idee konkret mit Inhalt füllen?

Ich würde Gießen gerne in das »Netzwerk gesunde Städte« führen, um zu dem Thema in den Austausch mit anderen Kommunen zu kommen und den Fokus zu schärfen. Der Landkreis ist da schon mit drin. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Es geht etwa um Sportangebote, um Wirtschaftsförderung und Life Science, um Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz oder Ernährung.

Der Bereich Wirtschaftsförderung, den Sie verantworten, eröffnet allerlei Handlungsspielräume. Was möchten Sie zuerst in Angriff nehmen?

Im Wahlkampf habe ich ein großes Interesse wahrgenommen, Firmen branchenspezifisch an einen Tisch zu holen und Bedarfe auszuloten. Ich werde den Gesprächsfaden zum Handel aufnehmen und Kontakte nach Hanau knüpfen, das an einigen Stellen da sehr kreativ ist. Jede Menge Potenzial steckt in JLU und THM, das wollen wir gemeinsam weiter vorantreiben. Wirtschaftsförderung verstehe ich zudem so, dass es gleichzeitig um sozial gerechte, innovative und nachhaltige Stadtentwicklung geht. Und damit verbunden ist nicht zuletzt die Herausforderung, in der Digitalisierung entscheidende Weichen zu stellen.

Woran denken Sie dabei?

Neben der Umsetzung des Open-Data-Gesetzes, mit dem amtliche Daten aus unserer Verwaltung öffentlich genutzt werden können, ist mir eine Bestandsaufnahme ein besonderes Anliegen, wer in unserer Stadt wie mit Digitalisierung befasst ist. Wo ist zum Beispiel LoRaWAN-Funktechnologie in Planung oder Anwendung, die für die Verkehrsregelung interessant sein könnte? Welche neuen »Apps« bieten sich als kluge weitere Schritte an und wo ist es sinnvoll, enger mit dem Landkreis zu kooperieren?

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, auf die Kämmerei zu verzichten?

Es ist vielerorts so, dass Oberbürgermeister nicht automatisch Kämmerer sind. Nicht die Kämmerei zu haben, heißt ja nicht, von der Mitwirkung an den Grundlinien der Haushaltsaufstellung und der finanziellen Stabilität ausgeschlossen zu sein. Zumal wir in der Koalition den direkten Zugang aller Dezernate zur Kämmerei vereinbart haben. Letztlich wird es vom Stil in der Stadtregierung abhängen, wie wir Finanzfragen miteinander klären.

Trügt der Eindruck oder liegt die Zuständigkeit für zentrale Zukunftsthemen eher bei den Grünen?

Natürlich wird hier auch das Kommunalwahlergebnis sichtbar. Aber ich finde in den Zuständigkeiten von Astrid Eibelshäuser und mir wie etwa Digitalisierung, Schule, Wirtschaft, Gemeinwesen- und Stadtentwicklung, Kultur oder Sport sehr zentrale Zukunftsfragen wieder. Ich bin außerdem davon überzeugt, dass wir sehr übergreifend und kooperativ in den Dezernaten und der Verwaltung arbeiten müssen. Das ist das Gebot der Stunde, um zum Beispiel das Klimaziel zu erreichen oder den Verkehrsversuch erfolgreich durchführen zu können. Da müssen mehrere Perspektiven konstruktiv zusammenkommen. Das soll meine politische Handschrift werden. Und da stimmt mich der erste Eindruck sehr zuversichtlich.

Apropos: Der Verkehrsversuch auf dem Anlagenring sollte schon längst begonnen haben. Noch immer ist kein konkreter Starttermin in Sicht. Würden Sie zustimmen, dass das vor der Kommunalwahl ein Schnellschuss war?

Ich stimme zu, dass die Konzeption in der ursprünglich angedachten zeitlichen Dimension schwer zu realisieren war. Von daher verwundert es nicht, dass wir noch nicht so weit sind. Das heißt umgekehrt, dass wir es jetzt mit Nachdruck voranbringen müssen. Da sind wir in der Verantwortung.

Wie sicher fühlen Sie sich denn selbst als Radfahrer auf Gießens Straßen?

Ich habe einen großen Katalog an Verbesserungswünschen. Die Aufgabe liegt genau darin, in einigen Jahren nur noch ganz wenige kritische Abschnitte zu haben.

Wer morgens oder nachmittags in Gießen unterwegs ist, sieht die Blechlawinen, die sich Stoßstange an Stoßstange reihen. Wie wollen Sie gewährleisten, dass mit der einseitigen Sperrung nicht das komplette Chaos ausbricht?

Ich verspreche mir von der Versuchsaufstellung und begleitender Expertise schon noch weitere Erkenntnisse, welche Auswirkungen was haben wird und wie es eben ohne Chaos gelingen kann. Es dient der Sache am besten, wenn wir einen durchdachten Versuch starten.

In diesem Jahr ist die Marke von 90 000 Einwohnern überschritten worden. Peilen Sie jetzt die 100 000 an?

Weil es mir um qualitatives, nicht um quantitatives Wachstum geht, würde ich keine Bevölkerungszahlen als Ziel vorgeben. Städte sind sehr lebendige Orte; wenn es gelingt, für eine hohe Anziehungskraft zu sorgen, ergibt sich dieses Wachstum von selbst.

Wie sorgen Sie dafür, dass in der »Boomtown Gießen« die sozial Schwächeren nicht abgehängt werden?

Im Koalitionsvertrag werden soziale Gerechtigkeit und ökologischer Umbau zusammen gedacht. Ein großes Thema sind dabei bezahlbare Wohnungen. Wir haben dafür mit Francesco Arman nun einen eigenen Dezernenten, der sich auf die Förderung und weitere Stärkung des Wohnungsbaus konzentrieren wird. Eine hohe Priorität genießt die Gemeinwesenarbeit. Und auch Beteiligungsprozesse, die mir persönlich wichtig sind, müssen immer auf soziale Teilhabe und Integration hin abgeklopft werden. Ganz oben auf der Agenda muss immer auch Bildungsgerechtigkeit stehen, deshalb ist es richtig, so viele Gelder in unsere Kitas und Schulen zu investieren.

Mit Sanierung und Neukonzeption des Oberhessischen Museums ist ein wichtiges kulturpolitisches Projekt angestoßen worden. Inwieweit möchten Sie noch eigene Akzente setzen?

Dieser Prozess ist eine wunderschöne Erbschaft. Daneben werde ich mich mit großer Aufmerksamkeit dem Kulturgewerbehof widmen. Und ich habe stets gesagt, wir müssen für die freie Kulturszene Plätze und Räume in der Stadt schaffen - kleine Bühnen, auf denen Auftritte möglich sind. Hier möchte ich schnell ein Konzept entwerfen, damit wir loslegen können, sobald Corona das wieder zulässt.

Regelmäßig werden die schlechten Bedingungen für den Schul- und Vereinssport in den Gießener Sporthallen beklagt und moniert, die Probleme würden von der Stadt schön geredet oder es werde zu spät reagiert. Was können Schulen und Vereine von Ihnen erwarten?

An der Sanierung von Hallen sind wir dran, das ist jedoch immer auch vom Budget abhängig. Wenn wir Sportstadt sein wollen, brauchen wir eine Gesamtsicht mit allen Perspektiven von Schulen, Hochschulen, Vereinen und freier Sport-Szene: Was sind die Stärken, was funktioniert und an welchen Stellen klemmt es? Ich messe dem sehr große Bedeutung bei - und da schließt sich wieder der Kreis zur gesunden Stadt. Sport ist dafür ein wesentlicher Baustein.

Besonders heiß diskutiert wird die Zukunft der Osthalle. Welche Variante bevorzugen Sie, um Gießen als Standort für Bundesligabasketball zu stärken?

Wir haben verabredet, uns Ende Januar zusammenzusetzen, um die vorliegenden Ideen anzuschauen und auszuloten, inwieweit die Interessen der Ostschule für den Schulsport und der Basketballer für den Profisport vereinbar sind. Im Haushalt haben wir bereits signalisiert, dass wir in eine Konzeptionsentwicklung einsteigen wollen, ohne dass wir jetzt schon genau festgelegt haben, welchen Weg wir einschlagen.

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