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Intime »Textdenkmäler«

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Im Gespräch über die Anthologie »Der papierene Freund«: Dr. Wolf Kaiser (li.) und Prof. Sascha Feuchert. Foto: Ehrhardt © Ehrhardt

Wie erlebten jüdische Kinder und Jugendliche den Holocaust? Die Anthologie »Der Papierene Freund« von Dr. Wolf Kaiser wurde in Gießen durch Lesung und Gespräch vorgestellt.

Gießen. »Es ist ein blutiger Sonntag für die jüdische Bevölkerung Lettlands«, schreibt Sheyna Gram in ihr Tagebuch. Die Fünfzehnjährige hatte am 27. Juli 1941 mitansehen müssen, wie deutsche Einsatzgruppen 250 lettische Juden hinter den örtlichen Friedhof getrieben haben, um sie dort zu erschießen. Wenig später viel auch Gram ihnen zum Opfer. Ihr Tagebuch wurde nach ihrem Tod in einem Straßengraben von einem Unbeteiligten gefunden und überdauerte den Krieg.

Wie erlebten jüdische Kinder und Jugendliche den Holocaust? Wie verarbeiteten sie Isolation, Anfeindungen und die Verbrechen des Dritten Reichs? Die dritte und abschließende Veranstaltung der Reihe »Erinnern, mahnen, wachsam sein« zum Gedenken an den 9. November widmete sich diesen Fragen.

Prof. Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität, stellte zusammen mit Herausgeber Dr. Wolf Kaiser dessen neue Anthologie »Der Papierene Freund - Holocaust-Tagebücher jüdischer Kinder und Jugendlicher« vor. Darin hat Kaiser Auszüge aus Tagebüchern von jüdischen Kindern und Jugendlichen verschiedener Regionen Europas zusammengetragen, welche vom Holocaust betroffen waren. Kaiser, der über mehrere Jahre Leiter der Bildungsabteilung in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz gewesen war, wolle damit weg von der für seine frühere berufliche Tätigkeit charakteristischen Betrachtung der Täter und hin zu der Perspektive der Opfer des Holocausts.

Er habe dabei besonders (noch) nicht ins deutsche übersetzte Tagebücher nutzen wollen, erklärt er im Einleitungsgespräch gegenüber Feuchert. Auch habe er versucht nach Möglichkeit nicht nachbearbeitete Quellen zu nutzen. Schwierig sei dies, da Tagebücher manchmal nur als Abschriften erhalten sind.

Gedanken der Autoren an eine mögliche Veröffentlichung ihrer Tagebücher seien dabei eher die Ausnahme gewesen. Als Eigenart dieser Kinder- und Jugendtagebücher nannte Kaiser dabei die aus heutiger Sicht schwer ertragbare Naivität und Gutgläubigkeit gerade der Jüngeren, die die ihnen bevorstehenden Ereignisse teilweise kaum erfassen konnten.

Im Hauptteil der Veranstaltung las Pascal Thomas vom Stadttheater Gießen einige Passagen aus sechs verschiedenen Tagebüchern, die Kaiser herausgesucht hatte. Eine Passage ist aus der Perspektive eines zwölfjährigen Mädchens, Vera Kohnová, das die Deportation von Kindern und Jugendlichen durch die Nationalsozialisten beschreibt. Unter anderem schildert sie die Freude, den gleichen Waggon wie ihre drei Freundinnen zugeteilt bekommen zu haben. Andererseits beschreibt sie den Abschied von einer Freundin, die in einem anderen Waggon deportiert wird. »Wir sind nur morgen und übermorgen hier, wer weiß, was danach sein wird. Auf Wiedersehen mein Tagebuch!« schreibt Kohnová. Auch sie überlebt den Krieg nicht.

Die älteste vertretene Tagebuchautorin war an diesem Abend Irena Grocher, die mit 24 Jahren den Warschauer Ghettoaufstand überlebte und sich bis zum Einmarsch der sowjetischen Truppen verstecken konnte. Aber auch Fragmente »normalen« Lebens fanden sich unter den vorgetragenen Passagen: Ein Auszug aus dem Tagebuch von Ephraim Sternschuss beschreibt, wie ein ukrainischer Hilfssoldat beim Plündern vom Hund des Bauernhofes gebissen wurde, auf dem sich Sternschuss versteckt hielt. Miriam Chaszczewicka berichtet in ihrem Tagebuch, dass sie sich im Ghetto in einen jungen Mann verliebte habe, auch wenn dieser die Gefühle der jungen Frau nicht erwiderte. Überrascht stellt sie fest, dass sie diese Gefühle nicht aussprechen, aber ihrem Tagebuch anvertrauen konnte.

Darin liegt die Prämisse des »papierenen Freundes«. »Jeder braucht ein intimes Gegenüber zum Überleben«, sagte Feuchert, »einen Freund.« In Zeiten, in denen dies durch eine feindliche Umwelt, durch Deportation und Unterdrückung schwer zu finden sei, wendeten sich viele Jugendliche dem Papier als Freund zu. Feuchert bezeichnet die Tagebücher deswegen auch als »Textdenkmäler«.

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