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Ist SWG-Fernwärme klimaneutral?

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Von: Frank-Oliver Docter

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Beim Aufdrehen der Heizung gilt es, immer die Kostensteigerung zu bedenken. Symbolfoto: Hauke-Christian Dittrich/dpa © Red

Die Stadtwerke Gießen wehren sich gegen »Greenwashing«-Vorwürfe des Mietervereins, der ebenso Kritik an der Gestaltung der Fernwärmepreise übt. Auch hier wirkt sich die Gasknappheit aus.

Gießen . Der Mieterverein Gießen wirft den Stadtwerken Gießen (SWG) bezüglich der von dort gelieferten Fernwärme nicht nur »Intransparenz« bei der Preisgestaltung vor, sondern darüber hinaus, nicht die komplette Wahrheit über deren Erzeugung zu sagen. So würde »der weitaus größte Teil aus umweltschädlicher Verbrennung fossiler Brennstoffe stammen. Nur 29 Prozent beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien an der Fernwärmeversorgung«, bezieht sich der Mieterverein in einer Pressemitteilung offenbar auf den Energiebericht der Stadt Gießen für das Jahr 2020. Dem hält SWG-Sprecher Ulli Boos auf Nachfrage des Anzeigers entgegen, dass der Energiebericht 2021 hierzu mittlerweile 31,22 Prozent ausweist. Zudem stört man sich bei den Stadtwerken an der Bezeichnung »nur«: »Im Zeitraum 1990 bis 2021 haben wir im Vergleich zum restlichen Erzeugungsmix in Gießen - Öl, Gas, Sonstige - rund drei Millionen Tonnen CO2 eingespart«, lässt Boos wissen.

»Greenwashing« ?

Aus Sicht von Mieterverein-Pressesprecher Stefan Kaisers würden die SWG jedoch »Greenwashing« betreiben, sich also selbst umweltfreundlicher und »grüner« darstellen, als sie es eigentlich sind. Als »nicht klimaneutral« bezeichnet er die Fernwärme- und Energieerzeugung in den beiden im Leihgesterner Weg stehenden Thermischen Reststoffbehandlungs- und Energieverwertungsanlagen (Trea) sowie in den Blockheizkraftwerken, die mittels Kraft-Wärme-Kopplung Wärme und Strom liefern.

Wie Ulli Boos für die Stadtwerke kontert, sei »unsere Fernwärme nach gesetzlich vorgegebenen Bilanzierungsmethoden des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) nachweislich und zertifiziert« mit 0,0 Gramm pro Kilowattstunde zu bewerten. Als Beleg hierfür führt er ein Prüfzertifikat aus dem November 2020 an, das von der Professur für Gebäudeenergietechnik und Wärmeversorgung am Institut für Energietechnik der Technischen Universität Dresden ausgestellt worden ist. Darin wird dem Fernwärmeversorgungssystem Gießen der SWG ein Emissionsfaktor von 0,0 Kilogramm pro Megawattstunde bescheinigt.

Bezüglich des zum 1. Oktober erhöhten Fernwärme-Preises wirft der Mieterverein den Stadtwerken vor, zur Berechnung des Arbeitspreises eine Formel zu nutzen, »die außer Energie-Experten niemand versteht«. Der SWG-Preis sei nach dem Verständnis von Kaisers »zu 75 Prozent an den Gaspreis gekoppelt, die anderen 25 Prozent an den durchschnittlichen Wärmepreis, und damit indirekt doch wieder an den Gaspreis«. Demnach würde das Unternehmen, das sich zu 100 Prozent im Besitz der Stadt Gießen befindet, mit dieser Vertragsgestaltung »zu den Profiteuren der derzeitigen Teuerung gehören«, vermutet Kaisers.

Das will man bei den Stadtwerken natürlich so nicht stehen lassen: »Die Fernwärmepreise der SWG, also Arbeitspreise, Leistungspreise und Verrechnungspreise, sind an transparente Formeln mit Indizes gebunden, die das Statistische Bundesamt veröffentlicht und die absolut keinen Spielraum für Willkür lassen«, macht der Sprecher deutlich. Die für die SWG gültigen Preisgleitklauseln seien auf deren Internetseiten für Kunden nachvollziehbar offengelegt und »erfüllen selbstverständlich alle Anforderungen« aus der Verordnung über Allgemeine Bedingungen für die Versorgung mit Fernwärme (AVBFernwärmeV), die vom Bundeswirtschaftsministerium erlassen worden ist. Für »Preisanpassungen« gibt es bei den heimischen Stadtwerken zwei feste Termine im Jahr, den 1. April und 1. Oktober. Im Vormonat ergab sich demnach im Rahmen des Fernwärmeliefervertrags »Öko Therm« für einen Durchschnittskunden in einer fernwärmebeheizten Wohnung (Leistung 4 Kilowatt, Verbrauch 7400 Kilowattstunden pro Jahr) eine Preiserhöhung von 21,83 Prozent sowie von 23,34 Prozent für ein durchschnittliches Einfamilienhaus (Leistung 15 Kilowatt, Verbrauch 22 500 Kilowattstunden pro Jahr).

Gas-Alternativen

Die derzeitige Gasknappheit infolge des Ukraine-Kriegs mit dem dadurch deutlich gestiegenen Bezugspreis mache selbstredend auch den SWG zu schaffen. Nehme doch »der Brennstoff Gas aktuell den weitaus größten Anteil an der Erzeugung der Fernwärme bei den SWG ein«, erläutert Boos. Über den in die Preisformel des Arbeitspreises einfließenden Gasindex des Statistischen Bundesamtes habe die Entwicklung des Gaspreises daher »einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Wärmepreise bei den SWG«. Und so würden dort vor dem Hintergrund einer drohenden Gasmangellage - wie auch der allgemeinen Aufforderung, möglichst viel Gas zu sparen - »die Erzeugungsanlagen, die mit alternativen Brennstoffen betrieben werden können, möglichst vorrangig gefahren«, führt der Sprecher aus.

Bei diesen Alternativen handelt es sich unter anderem um Mais, Gras, Roggen und Gülle, deren Verbrennung in den SWG-Biogasanlagen in Buseck und Heuchelheim insgesamt drei Motoren mit elektrischen und thermischen Leistungen von 185 bis 285 Kilowatt antreibt, um Strom und Fernwärme für Haushalte zu erzeugen. »Nur« bei diesen beiden Anlagen könne man im Falle der Stadtwerke »von Klimaneutralität sprechen«, heißt es seitens des Mietervereins.

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