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»Ja, wo laufen sie denn?«

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Die Kritiker der Corona-Maßnahmen in Gießen werden bei »Spaziergängen« weniger. Die Zahl der Gegendemonstranten steigt.

Gießen . »Wo laufen sie denn? Ja, wo laufen sie denn hin?«: Immer und immer wieder erklangen diese Ton-Ausschnitte aus dem bekannten »Rennbahn«-Sketch von Loriot, als am Montagabend Kritiker von Corona-Maßnahmen gleich zweimal im Seltersweg vor »Köhler« vorbeizogen. Durch ein Spalier, das die »Omas gegen Rechts« und andere Gegendemonstranten bildeten, um den »Spaziergängern« auch mit Plakaten zu zeigen, was sie von deren Aktion und Meinung zur Impfung halten. Dasselbe, allerdings ohne Loriot, wiederholte sich etwa hundert Meter weiter an der Abzweigung Neuenweg/Seltersweg, wo eine Abordnung der »Partei« und deren Unterstützer auf die Protestler wartete. Über ein Megafon richtete einer der Umstehenden »Grüße« von einem schwerkranken Covid-Patienten auf einer der Gießener Intensivstationen aus. Was in beiden Fällen durchaus humoristischen Wert hatte und selbst aufseiten der »Spaziergänger« manchem ein Lächeln entlockte, war doch bitterernst gemeint.

Ordnungsamt leitet 72 Verfahren ein

Denn erneut sind am Montag rund 100 sogenannte Kritiker der Corona-Maßnahmen durch die Innenstadt gezogen. Das Muster ist immer dasselbe. Teilnehmer treffen sich auf dem Berliner Platz, bis das Ordnungsamt bekannt gibt, dass es sich um eine nicht angemeldete Versammlung handelt. Regelmäßig löst sie das Amt auf und untersagt jegliche Ersatzveranstaltung. Das ist wiederum für die selbsternannten »Spaziergänger« jedes Mal offenbar eine Art Startschuss für den Aufbruch in Richtung Seltersweg. - Insgesamt 72 Verfahren hat das Ordnungsamt seit Beginn der »Spaziergänge« wegen Verstößen gegen das Versammlungsrecht bereits eingeleitet. - Doch auch wenn sich dieses Schema bislang nicht geändert hat, fällt eine Entwicklung deutlich ins Auge: Die Zahl der »Spaziergänger« wird von Woche zu Woche kleiner, während die Gegendemonstranten mehr werden.

Wieder dabei war am Montagabend Marco Rasch von Der Partei: »Wir haben uns das drei Wochen angeguckt und gesehen, dass es keine Gegenmaßnahmen gibt.« Die Partei sei nicht der Meinung, dass es sich um irgendwelche harmlosen Spaziergänge handele. Man werte sie vielmehr als organisierte Demonstrationen, die von Menschen mit rechtsextremem Gedankengut ausgingen. Diesen Menschen dürfe man die Straße nicht überlassen. Zudem sei Die Partei der Meinung, dass die Schutzimpfung wichtig ist, und dass es gesellschaftliche Solidarität bedeute, sich impfen zu lassen. »Wir haben einen Genossen in unseren Reihen, der Pfleger auf der Covid-Intensivstation ist. Er berichtet uns tagtäglich. Es gibt Tage, da schieben die Mitarbeiter fünf Leute in den Keller«, erklärte der ehemalige Kandidat für das Oberbürgermeisteramt. Das sei der größte Indikator dafür, wie tödlich die Krankheit ist. Ins Gespräch mit den Demonstranten komme Die Partei in der Regel nicht. »Gerade wurden wir mehrfach beschimpft«, berichtete Rasch. Bei der Demonstration in der Vorwoche hätten einige »Spaziergänger« versucht, ins Gespräch zu kommen, was »aber eigentlich damit geendet hat, dass wir von ihnen angeschrieen wurden, insbesondere unser Mitglied, das als Pfleger arbeitet.« Letztlich handele es sich bei dem Gang durch die Innenstadt um eine nicht angemeldete Demonstration der Kritiker der Corona-Maßnahmen. »Dafür habe ich kein Verständnis. Ich kenne das selbst aus meiner Studentenzeit. Da habe ich auch sehr oft protestiert. Aber da waren alle Demonstrationen angemeldet. Ansonsten hätte die Polizei das sofort aufgelöst«, resümierte Rasch. »Wir sind hier, um zu zeigen, dass wir Grünen gegen die sogenannten ›Corona-Spaziergänge‹ stehen«, führte Linda Bachmaier aus. Es sei für die Grünen nicht die einzige Möglichkeit, sich gegen die Querdenker zu positionieren. »Aber es ist für uns wichtig, Haltung zu zeigen und Solidarität mit dem Pflegepersonal. Deshalb wollen wir nicht nur in der Stadtpolitik, sondern auch hier sichtbar auf der Straße entgegenstehen.« Man habe in Gießen zwar scheinbar nicht das Problem der unmittelbaren offenen Beteiligung von Neonazis wie in Wetzlar. »Wir haben hier allerdings Leute, die die Wissenschaft ablehnen, sich nicht solidarisch mit der Gesellschaft verhalten und so alle anderen gefährden«, betonte die Politikerin.

»Ein Zeichen der Solidarität setzen«

»Ich bin hier, weil es wichtig ist, ein Zeichen der Solidarität zu setzen, auch in der Pandemie. Und den Leute, die sich hier auf illegale Art den Regeln widersetzen, muss man ein starkes Zeichen entgegensetzen«, meinte SPD-Bundestagsabgeordneter Felix Döring. Die sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Nina Heidt-Sommer pflichtete bei . Sie habe sich am Gegenprotest beteiligt, um zu zeigen, dass »ich mich mit meinem Mandat und als Vorsitzende meiner Partei in Gießen für eine wehrhafte Zivilgesellschaft einsetze«. Es freue sie sehr, dass das Engagement der »Omas gegen Rechts« und anderer Gruppen wie Der Partei zusammengelegt worden sei, und dass die Zahl derer, die »deutlich machen, dass sie diese Art von nicht angemeldeten Demonstrationen, die bewusst die rechtsstaatlichen Prinzipien unterlaufen, ablehnen«, zugenommen habe, fasste die Abgeordnete zusammen. .

Rund 3000 Kritiker der Corona-Maßnahmen und etwa 600 Gegendemonstranten versammelten sich nach Angaben der Polizei am Montag in Mittelhessen. Im Landkreis Gießen waren es insgesamt 815 Personen. Aktionen stellten die Ordnungskräfte laut Pressemitteilung des Polizeipräsidiums in Allendorf, Fernwald, Pohlheim und Grünberg fest .

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