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Ja zur Informationsfreiheit, Nein zur Werbung

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Pastor Thorsten Lehr von der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gießen äußert sich im Interview über die geplante Abschaffung des Paragrafen 219a.

Gießen. Bundesjustizminister Marco Buschmann will den Paragrafen 219a im Strafgesetzbuch abschaffen, der die Werbung für Abtreibung unter Strafe stellt. Pastor Thorsten Lehr von der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gießen hat damit weniger ein Problem, fürchtet aber, dass dieses Gesetz ein Türöffner für eine völlige Liberalisierung der Abtreibung sein könnte . Darüber haben wir mit ihm gesprochen.

Wie bewerten Sie die jetzt bekannt gewordenen Pläne der Ampel, den Paragrafen 219a komplett zu streichen?

Ich bedaure die komplette Streichung des Werbeverbots auf jeden Fall. Den Gedanken der Informationsöffnung kann ich nachvollziehen und auch bejahen. Aber bei Werbung denkt man ja eher an Rabattaktionen und Sonderangebote.

Glauben Sie denn wirklich, dass jetzt »zwei Abtreibungen zum Preis von einer« angeboten werden?

Nein, aber jetzt wäre solchen Aktionen zumindest ein rechtlicher Rahmen gegeben. Ob das jemals so kommt, weiß ich nicht und ich will da auch gar nicht den Teufel an die Wand malen.

Auf der Homepage von Kristina Hänel, wegen der diese damals angezeigt wurde, was die ganze Entwicklung jetzt ins Rollen brachte, standen lediglich Informationen über den Eingriff. Wäre das für Sie schon Werbung?

Nein, da bin ich ganz bei der aktuellen Rechtsprechung. Qualifizierte Informationsweitergabe muss erlaubt sein und die ist auch in Ordnung. Werbung dagegen soll ja den Menschen animieren, etwas zu tun, etwas zu kaufen, was er sonst wohl nicht getan hätte. Also, wenn man Menschen Abtreibung durch zielgerichtete Informationen schmackhaft machen wollte, dann würde ich das sehr problematisch finden.

Ich kaufe vielleicht ein Paar Schuhe, das ich nicht brauche, weil die Werbung so verführerisch war. Aber glauben Sie denn wirklich, dass eine Frau aus einer bloßen Laune heraus das werdende Leben in ihrem Körper beendet?

Nein, und darum habe ich ja auch eben schon gesagt, dass das Recht auf Informationsfreiheit und -weitergabe in jedem Fall gewährleistet sein muss, und daher kann ich diesen Gedanken auch mittragen.

Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann schrieb in einer Stellungnahme zur Abschaffung des 219a: »Ich sage ›ja‹ zur Information, aber ›nein‹ zur bedenkenlosen Propagierung und Kommerzialisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.«

Dieser Position kann ich mich hundertprozentig anschließen. Vielleicht können Sie sich ja erinnern, dass wir vor einer Weile auf Stadtbussen über die Schwangerenkonfliktberatung des Vereins »Pro Femina« informiert haben.

Man hatte Ihnen damals vorgeworfen, Schwangere unter Druck zu setzen, ein Kind auf jeden Fall auszutragen.

Es wird dort zum Leben hin beraten, aber Hilfe und Unterstützung für die Frauen wird nicht mit der Austragung des Kindes kombiniert. Bei der Gelegenheit würde ich den Spieß gerne einmal umdrehen, Wenn man sich so vehement für die »Werbung« für den Schwangerschaftsabbruch einsetzt, dann muss es doch auch möglich sein, »Werbung« für das Leben zu machen. Das ist doch ein Gebot der Fairness und sollte nicht ideologisch überlagert werden. Diese Fairness habe ich in der Auseinandersetzung über unsere Busaktion vermisst.

Glauben Sie, dass der Paragraf 218 jetzt ebenfalls zur Disposition steht?

Die Vermutung liegt nahe, dass das ein erster Schritt in diese Richtung war und der politische Wille, da etwas zu ändern, ist ja vor allem bei den Grünen auch bekannt. Wenn dieser Gesetzentwurf also ein Türöffner für eine Abschaffung des Paragrafen 218 wäre, dann fände ich das tragisch und dann müsste man auch sowohl politisch als auch kirchlich neu in die Diskussion einsteigen.

Konservative Kirchenvertreter setzen sich gerne für das ungeborene Leben ein. Wenn das Kind dann aber auf die Welt kommt, ist das Interesse nicht mehr so groß.

Sie legen zurecht den Finger in diese Wunde. Ich kann jetzt nur für unsere Kirche, die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Gießen, sprechen. Wir haben mit »Kleiderleih« seit Jahren ein Hilfsangebot für ärmere Familien, aber auch Alleinerziehende, die kostenlos Kleidung für kleine Kinder leihen und gegen größere Kleidung tauschen können, wenn die Kinder wachsen. Wir haben da einen Mangel wahrgenommen und versuchen, gezielt zu helfen, gerade wenn es um kleine Kinder geht. Wir haben auch ein Mütter-Café »Auszeit«, in dem junge Mütter gerade in den ersten Lebensjahren Unterstützung durch ausgebildete Hebammen bekommen, unabhängig von deren persönlichen Situation

Christen werden wahrscheinlich schon bald zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine Minderheit in diesem Land sein Was bedeutet das für Sie als Christ, gerade vor dem Hintergrund solcher Diskussionen?

Zum einen müssen sich die Großkirchen hinterfragen, warum sie mit der »Guten Nachricht« selbst nicht mehr bei den Menschen ankommen, zum anderen muss sich die Gesellschaft dann um so mehr damit auseinandersetzen, auf welche Werte sie in Zukunft setzen möchte, wenn die christlichen Werte immer mehr erodieren.

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