1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Jede Kündigung ist eine zuviel«

Erstellt:

giloka_impfung2_dpa_0902_4c
Der Großteil der Mitarbeiter in den Gesundheits- und Pflegeberufen ist geimpft. Ausfälle angesichts der kommenden Impfpflicht kann sich in Gießen aber kaum eine Einrichtung erlauben. Symbolfoto: Daniel Schäfer/dpa © Red

Vor dem Start der einrichtungsbezogenen Impfpflicht gibt es in Gießen teils große Sorgen in der Alten- und Krankenpflege.

Gießen . Kommt sie oder kommt sie nicht? Eigentlich war die Impfpflicht für Mitarbeiter in der Pflege und im Gesundheitswesen bereits beschlossene Sache, dann kündigte mit Bayern das erste Bundesland an, sie erst einmal aussetzen zu wollen. Doch auch so bereitet die neue Regelung, die ab dem 16. März greift, den betroffenen Einrichtungen mitunter Kopfzerbrechen. »Es bestehen derzeit noch viele Unsicherheiten«, betont Jens Dapper, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo), auf Anfrage des Anzeigers. Denn bislang sei weder klar beschrieben, wie die verpflichtende Impfung kontrolliert werden soll, noch welche »individuellen einrichtungsbezogenen Konsequenzen« sich daraus ergeben.

Die überwiegende Mehrheit der Awo-Mitarbeiter hat sich bereits für eine Impfung gegen Corona entschieden: So wurden laut Dapper im Albert-Osswald-Haus im Tannenweg 98 Prozent der Beschäftigten bislang mindestens einmal gepikst. In den ambulanten und teilstationären sowie in den stationären Einrichtungen Gießen-Land liegt die Quote für die Erstimpfung bei jeweils 90 Prozent. Dapper geht davon aus, dass die Zahlen in den kommenden Wochen noch steigen. Denn bislang ungeimpfte Beschäftigte »stehen nun vor der Erstimpfung - zum Teil mit den bekannten mRNA-Impfstoffen, zum Teil mit dem neuen Impfstoff Novavax«. Trotzdem: Eine Kündigung im Zusammenhang mit der Impfpflicht habe es bereits gegeben und es gebe Signale, dass weitere folgen könnten. Mit Blick auf die Gesamtzahl der Beschäftigten sei der Anteil zwar sehr gering, aber »jede Kündigung ist beziehungsweise wäre eine zu viel in der jetzigen Situation«.

Ähnlich sieht es bei der Lebenshilfe Gießen aus. Zwar wäre nur ein geringer Teil der Mitarbeiter von möglichen Beschäftigungsverboten betroffen, so Linda Hauk, Geschäftsführerin des Bereichs Personal. Doch schon jetzt stelle sich »die Personalsituation in der ein oder anderen Einrichtung kritisch dar«. Fachkräftemangel und Krankheit führten zu großen personellen Engpässen. »Abgänge können nicht ohne Weiteres abgefangen werden, weder vom Bestandspersonal, das seit mittlerweile zwei Jahren an der Belastungsgrenze arbeitet und auch nicht durch kurzfristige Nachbesetzungen«, betont Hauk.

In den knapp 50 Einrichtungen und Diensten der Lebenshilfe Gießen sind, mit Ausnahme der integrativen Kindertagesstätten, alle direkt von der Impfpflicht betroffen - und damit auch 823 Mitarbeiter, von denen 720 in der Betreuung und Begleitung arbeiten. 27 von ihnen - etwas über drei Prozent - sind ungeimpft.

Warten auf den Totimpfstoff

Man habe alle nicht geimpften Mitarbeiter »ausführlich über das Gesetz und die möglichen Konsequenzen informiert« und viele individuelle Gespräche geführt. Doch nur sehr wenige hätten sich doch noch zu einer Impfung entschlossen. Gründe gegen die Immunisierung seien etwa die Angst vor Nebenwirkungen oder Langzeitschäden oder auch die Sorge, dass durch die Impfung überstandene Erkrankungen oder Allergien zurückkehren. Teils würden die Mitarbeiter zudem auf einen Totimpfstoff warten.

Die Caritas Gießen hat im Vorfeld viel Zeit investiert, um Mitarbeiter aufzuklären, verdeutlicht Direktorin Eva Hofmann im Gespräch. 95 Prozent der Mitarbeiter in der Altenpflege seien geimpft, andere würden etwa auf den proteinbasierten Impfstoff Novavax warten oder hätten generell Angst vor einer Impfung. Eine Mitarbeiterin habe ein Attest vorgelegt, wonach sie sich nicht immunisieren lassen könne.

Sie sei selbst für eine Impfpflicht, betont Hofmann. Die Umsetzung sei aber nicht gut gelöst: »Das ist ein großes Kuddelmuddel. Man hätte sich vorher überlegen müssen, ob sie umsetzbar ist.« Stand jetzt müssen die Einrichtungen ungeimpfte Mitarbeiter am 15. März an die Gesundheitsämter melden, die dann gegebenenfalls ein Betretungsverbot aussprechen. Denkbar sei, freie Stellen vorübergehend mit Zeitarbeitern zu besetzen, erklärt Hofmann. Doch dass es Mitte März dazu kommt, kann sie sich derzeit nicht vorstellen. Schließlich zeichne sich ab, dass die Gesundheitsämter personell gar nicht in der Lage sind, die Vorgaben umzusetzen.

Auch am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) sind laut Pressestelle rund 95 Prozent der Mitarbeiter geimpft. Sie konnten sich seit Dezember 2020 direkt vor Ort den Piks verpassen lassen. Man sei guter Dinge, »noch weitere Beschäftigte mit Argumenten zu erreichen« und erwarte daher »keine oder nur kleine Probleme« angesichts der Impfpflicht.

Deren Ankündigung hat offenbar noch einzelne Mitarbeiter umdenken lassen, denn seit Dezember sei »nochmals eine Bewegung hin zur Erstimpfung festzustellen«. Das UKGM biete obendrein ununterbrochen Gespräche und Beratung durch medizinische Experten an. Kündigungen, die mit der Impfpflicht in Zusammenhang stehen, habe das Uniklinikum bislang nicht erhalten. Neue Mitarbeiter müssten aber bei der Einstellung einen vollständigen Impfschutz nachweisen.

Arbeitssuchende: Zahl steigt

Die einrichtungsbezogene Impfpflicht haben Bundestag und Bundesrat im Dezember beschlossen. Schauen sich Ungeimpfte in den betroffenen Berufen daher nach einem neuen Job um? Ein Blick in die Statistik der Bundesagentur für Arbeit lässt das zumindest vermuten. Demnach meldeten sich im Dezember und Januar 507 Beschäftigte aus den Pflege- und Gesundheitsberufen im Bezirk Gießen - zu dem neben dem Landkreis Gießen auch der Vogelsberg- und der Wetteraukreis gehören - arbeitssuchend. Im gleichen Zeitraum 2019/2020 waren es 349. Die Gesamtzahl der Arbeitssuchenden hat sich dagegen um 6,7 Prozent verringert. Ob die Arbeitssuchenden geimpft oder ungeimpft sind, wird dabei allerdings nicht erfasst. Denkbar ist daher auch, dass sich etwa Pflegekräfte angesichts der hohen Belastung nach zwei Jahren Pandemie umorientieren wollen. Im Dezember und Januar 2020/2021 jedoch haben sich in den Berufsgruppen 813 und 821, zu denen Krankenpfleger gehören, sogar rund 20 Prozent weniger arbeitssuchend gemeldet als vor der Pandemie.

Werden Beschäftigte wegen einer fehlenden Impfung arbeitslos, müssen sie keine Konsequenzen seitens der Agentur für Arbeit fürchten: Eine Sperrzeit trete nicht ein, heißt es auf Nachfrage in Gießen. Es gebe auch keine Einbußen beim Arbeitslosengeld, »wenn sich die Person dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellt. Das kann auch in einem anderen Berufsfeld sein«, so die Pressestelle.

Awo-Geschäftsführer Dapper hält eine Impfpflicht, die lediglich auf den Gesundheits- und Pflegebereich abzielt, für das falsche Signal. »In einem Bereich, wo bereits mindestens 90 Prozent der Mitarbeitenden geimpft sind und der geprägt ist von erheblichem Mangel an Personal, sollte es andere Maßnahmen geben. Das tägliche Testen der ungeimpften Mitarbeitenden ist bereits ein probates Mittel.«

Auch interessant