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Jedem Objekt seine Geschichte

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Sie stellten die neue Dauerausstellung im Netanya-Saal vor. Foto: Schultz © Schultz

Neue Dauerausstellung und Konzept des Oberhessischen Museums in Gießen vorgestellt: Es geht um die »einleuchtende Vermittlung der Inhalte«.

Gießen. Einen hochinteressanten Ausblick auf die neue Dauerausstellung des Oberhessischen Museum bekam man am Donnerstag im Netanyasaal. Vor allem wurde klar, dass die Gestaltung des Wallenfels’schen und des Leib’schen Hauses weit über die Schaffung eines Verbindungsbaus hinausgehen wird. Der Hauptakzent liegt auf der einleuchtenden Vermittlung der Inhalte.

Oberbürgermeister und Kulturdezernent Frank-Tilo Becher würdigte in seinem Grußwort ausdrücklich die Beiträge von Ex-Stadtarchivar Ludwig Brake und Hans-Jobst Krautheim, die ihre Expertise eingebracht hatten. Er schloss Museumsleiterin Katharina Weick-Joch und ihr Team ein. Kulturamtsleiter Stefan Neubacher sah das Museum auf einem guten Kurs.

Das OHM befindet sich seit 2016 im Prozess der Neugestaltung. Die Schadstoffsanierung werde im Januar abgeschlossen und das Wallenfels’sche Haus eine Zeitlang als Gerippe dastehen. Dort wird es auch Raum für das Filmbüro geben.

»Die Dauerausstellung ist der wichtigste Baustein des Museums«, sagte Leiterin Katharina Weick-Joch in ihrer Einleitung. Man habe sich zunächst zusammengesetzt, um die Interessen des Publikums zu erfahren. Zur optimalen Vermittlung werden die Abteilungen in Strukturen und Themen aufgelöst. »Jedes Objekt bekommt eine Geschichte, und zu allem werden ausgesuchte Highlights kommen.« Die Gattungsgrenzen werden prinzipiell aufgelöst, und es werde innovative Medienstationen und alternative Inhalte geben. Hier eine Übersicht.

Das Bild der Stadt - Dies wird mit Bezug zur Region gestaltet, man wird die Veränderung der Stadt durch die Zeit sehen. Ein Glanzstück ist dabei das Modell der Innenstadt, ein Teil der City in den Dreißigern.

Arbeit, Industrie und Handel - Linn Mertgen erläuterte, man werde das Arbeitsleben von der Frühzeit bis zur Gegenwart darstellen. »Und es wird einen Blick in die Zukunft geben.« Ursprünglich war Gießen landwirtschaftlich geprägt. Erfahren wird der Besucher auch die frühe Entwicklung der Stadt bis zum Handelszentrum. Ein Schwerpunkt wird die Gründung der Universität in 1607 ebenso sein wie der Beginn der Tabakproduktion 1812 durch Georg-Philipp Gail. Auch Rinn & Cloos zählten zu den größten Tabakherstellern in Deutschland. Dazu kamen Bergbau und Bierbrauerei, und 1911 wurde die Gummifabrik Poppe gegründet, die die Dichtungen für Einmachgläser fertigte, landläufig als »Weckgummis« bekannt. Sie ist heute noch einer der bedeutendsten Hersteller von Dichtungen. Inzwischen ist Gießen mit den hinzugekommenen Branchen Krankenhäuser und Universität eine Dienstleistungsstadt.

Alltag, Kultur und Gesellschaft - Hier wird es um Aktivitäten außerhalb der Arbeitswelt gehen, unter anderem Kino und Sport und die Entwicklung von der beschaulichen Vereinsstadt zum emsigen Industriestandort. Man wird das Gießener Volksbad von 1898 sehen können, damals das modernste Hallenbad des Landes und ein wichtiger Fortschritt in der Volkshygiene. Man wird einen Blick auf den historischen Markt von 1890 werfen können, und das schon im 19. Jahrhundert wesentliche Vereinswesen kennenlernen.

Einen dramatischen Wechsel zeigt die Abteilung Nationalsozialismus, der in Gießen mit der Gleichschaltung der Vereine oder zuweilen sogar ihrer Auflösung (Ruderverein Hassia) einherging. Auch Schauspieler und andere Künstler konnten nicht mehr auftreten. Eine weitere Abteilung befasst sich mit der Besetzung Gießens durch die Amerikaner, die bald einen wichtige Rolle im Kulturleben spielten. 1958 wurde das amerikanische Keller Theatre gegründet, das älteste seiner Art in Deutschland.

Herrschaft, Politik und Frieden - Man werde auch die klassische Politikgeschichte zeigen, sagte Julia Schopbacher, und auch das Thema »Herrschaft im allgemeinen« präsentieren. Ein konkretes Glanzstück der Abteilung werde das »Muschenheimer Schwert« bilden, ansonsten geht es von der Stadtgründung im Mittelalter zur Entwicklung als Garnisonsstadt. Der Festungsring um Gießen fiel später der Entwicklung des Handels zum Opfer. Schwerpunkt wird nach dem Zweiten Weltkrieg, dem einschneidenden Ereignis der Stadtgeschichte, die NS-Zeit sein. Man wird das Modell der Stadtkirchenruine sehen können, und die Stationierung der US-Atomwaffen ist ein Thema, die mittelbar zur Bildung der Friedensbewegung beitrug.

Bildung, Wissenschaft und Innovation »Ohne die Uni wäre alles anders«, sagte Julia Schopferer. Früher sei Gießen ein bedeutender Wissenschaftsstandort gewesen und habe mit wissenschaftlichen Vertretern wie Liebig, Röntgen, von Ritgen (erster Lehrstuhl für Architektur) weltweite Bedeutung gehabt. Der Schwerpunkt des Kapitels werde auf Personen, Ereignissen liegen, ohne chronologische Darstellung. »Man soll flanieren und konsumieren können«, betonte Schopferer den Vermittlungsaspekt. Die jüdische Geschichte um die 1995 eingeweihte Synagoge wird im Eingangsbereich präsentiert. Auch unrühmliche Aspekte wie die 1896 gegründete psychiatrische Klinik , die ursprünglich zur Versorgung von Kriegsopfern diente und dann NS-Aktionen ermöglichte, werden bearbeitet.

Museum, Geschichte und Sammler - Es werde einen Überblick über die Entstehung und Entwicklung der Sammlungen geben, sagte Weick-Joch. Bei bestimmten Aspekten werde es ganz moderne Tastmodelle geben sowie wechselnde Aktivitäten zu verschiedenen Themen.

Gesichter der Stadt

Im Dachgeschoss wird der Fokus auf den Bewohner der Stadt liegen, erläuterten Amalka Hermann und Mario Alves. »Gießen ist eine Multikulti-Stadt«, sagte er, »eine Stadt des Kommens, Gehens und Verweilens - es wird schwer, die Bandbreite abzubilden«. Unterm Dach wird auch ein Raum für Gespräche eingerichtet. Ein Video- und ein Tondokument zweier Zeitzeugen gaben einen Eindruck, wie anschaulich die Schau werden wird.

Die Museumsleiterin dankte abschließend »den Menschen, die uns nicht nur konkret, sondern auch moralisch Unterstützung gegeben haben« und lobte ihr Team: »Ein besseres gibt’s nicht.«

Ein wesentlicher Aspekt der bemerkenswert klaren und einsichtigen Präsentation war neben der Darstellung der Stadt als bedeutendem Zentrum die deutliche Orientierung auf die Wahrnehmung durch die Besucher. Man wird das Museum wohl kaum wiedererkennen können.

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Szene aus 1890: Treiben auf dem Marktplatz mit der Hirschapotheke im Hintergrund. Fotos: OHM © OHM
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Etwa von 1900 stammt der Bierkrug mit Gießen-Ansicht. © Red

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