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»Jeder Aufwand lohnt sich«

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Menschen helfen und »etwas Sinnvolles tun«: Munira Kaznawy (links) und Marisa Fey sind sozial engagiert und haben in der Koordinationsstelle Migration und Behinderung der Lebenshilfe Gießen die »perfekte« Aufgabe für sich gefunden. © Lemper

Die Koordinationsstelle Migration und Behinderung der Lebenshilfe Gießen leistet eine wichtige kultursensible Arbeit. Und der Unterstützungsbedarf wächst aufgrund des Krieges in der Ukraine.

Gießen . Der schreckliche Krieg in der Ukraine bringt so viel Leid, Zerstörung und Tod mit sich. Bei all dieser unglaublichen Not gerät leicht aus dem Blick, dass die Schwächsten der Gesellschaft nochmal einen besonderen Schutz brauchen. Dazu gehören Menschen mit Handicap. Komplette Einrichtungen der Behindertenhilfe seien evakuiert worden, um gemeinschaftlich vor den Bomben von Putins Armee zu flüchten. »Einige davon sind inzwischen auch in Gießen angekommen«, erzählen Munira Kaznawy (28) und Marisa Fey (26) im Gespräch mit dem Anzeiger. Die jungen Frauen, die an der Justus-Liebig-Universität den Bachelor-Studiengang »Außerschulische Bildung« absolviert haben und zurzeit im Master studieren, betreuen seit einem guten Jahr in der Walltorstraße 3 mit insgesamt 35 Wochenstunden die Koordinationsstelle Migration und Behinderung (KMB) der Lebenshilfe Gießen. Die leistet zwar bereits seit 2018 eine wertvolle »kultursensible Arbeit« und verleiht den beratenen Familien »mehr Lebensqualität und Sicherheit«, wie Vorstand Dirk Oßwald betont. Aber die Relevanz wachse angesichts der geopolitischen Ereignisse. »Wir erwarten, dass aufgrund des Krieges der Unterstützungsbedarf weiter zunehmen wird«, bestätigen Marisa Fey und Munira Kaznawy.

»Teils schlimme Dinge erlebt«

Die Heimat verlassen und sich in einem fremden Land zurechtfinden zu müssen, ist schon belastend genug und kann schnell zu Überforderung und Orientierungslosigkeit führen. Wie muss es also erst für jene sein, die eine geistige, körperliche oder chronisch-seelische Behinderung haben? Die ihren Alltag nur mit Einschränkungen meistern können oder ganz auf Hilfe, unter anderem von Angehörigen, angewiesen sind. Nicht zu vergessen, dass viele teils »schlimme Dinge erlebt haben und stark traumatisiert sind«, sagt Munira Kaznawy. Manchmal seien die Beeinträchtigungen sogar erst auf der Flucht entstanden. So berichtet die 28-Jährige etwa von einer Frau, die gestürzt sei und in der Folge eine Hirnblutung erlitten habe. Ein Mann wiederum sei in Kroatien von der Polizei angeschossen worden und seitdem querschnittsgelähmt.

»Viele Geschichten, die wir hören, sind sehr berührend, das nimmt man mit nach Hause«, räumt ihre Kollegin ein. Wesentlich in der Sozialarbeit, für die sich beide nach einem Praktikum beim Verein »an.ge.kommen« bewusst entschlossen haben, sei es daher, eine vernünftige und professionelle Balance zwischen Nähe und Distanz zu wahren.

Für Kinder ebenso wie Erwachsene ist die KMB unabhängig vom Aufenthaltsstatus eine wichtige Anlaufstation. Dort werden sie mindestens bei den ersten Schritten auf ihrem neuen Weg beratend begleitet - orientiert an den individuellen Ressourcen und Bedürfnissen. Es gehe darum, sie zu befähigen, bestimmte Anliegen - sofern das möglich ist - selbstständig erledigen zu können, wenn nötig, ihnen auch Aufgaben abzunehmen, insbesondere die Kommunikation mit Behörden, und Kontakte zu relevanten Institutionen und Organisationen herzustellen, die für die Bereiche Bildung, Soziales und Gesundheit zuständig sind. »Viele wissen gar nicht, welche rechtlichen Möglichkeiten sie überhaupt mit einer Behinderung haben. Dass sie einen Schwerbehindertenausweis beantragen oder Pflegeleistungen bekommen können, ist oft nicht bekannt«, schildert Marisa Fey. Zudem nennt die 26-Jährige ein Beispiel, bei dem über das Jobcenter ein medizinisches Gutachten klären soll, ob jemand wegen der vorhandenen Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt integrierbar ist oder freigestellt werden kann. Alternativ wäre ein Einsatz in den Werkstätten der Lebenshilfe denkbar.

Den Anstoß, die KMB zu initiieren, gaben übrigens die Erfahrungen mit der »Flüchtlingswelle« des Jahres 2015, berichtet Martina Ertel, Bereichsleitung Ambulante Hilfe. Damals erreichten die Frühförderstelle, die schon immer sehr viel mit Familien aus anderen Kulturen und Ländern zu tun hatte, nämlich viele Anfragen über die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen (EAEH) und die dort tätigen Ärzte, ob nicht »ausnahmsweise doch mal ein Gespräch« vereinbart werden könne, um sich ältere Kinder anzuschauen. »Daraus resultierte die Motivation, den Menschen aller Altersstufen mit Behinderung, die in Gießen ankamen, menschliche und fachliche Hilfe zu leisten«, erinnert sich Ertel. Gefördert von der »Aktion Mensch«, sei es geglückt, das Projekt »ins Laufen zu bringen«. Bis Ende März konnte auf diese Weise und mit Eigenmitteln »eine funktionierende Unterstützung« gewährleistet werden.

Die Lebenshilfe Gießen hat bereits entschieden, diese »relativ kleine, jedoch sehr wichtige Abteilung« weiter finanzieren zu wollen, versichert Vorstand Dirk Oßwald. Trotzdem müssen zusätzliche Gelder akquiriert werden. Im Gespräch seien etwa Förderungen durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Immerhin handele es sich um ein »Alleinstellungsmerkmal«, den behinderten- und den migrationsspezifischen Aspekt zu kombinieren, verdeutlichen Marisa Fey und Munira Kaznawy. Wenngleich es zunächst kleine Schritten gewesen seien, »die wir lernen mussten«, ergänzt Martina Ertel. Denn die beiden Fachgebiete seien sowohl in Verbänden als auch in der Selbsthilfe »sehr getrennt« betrachtet worden. Aus diesem Grund habe »oft das Verständnis füreinander gefehlt - aus Unkenntnis oder Scheu«. Doch die Bilanz fällt längst sehr positiv aus.

In den vergangenen Jahren sind circa 700 Personen betreut worden. Die meisten Klientinnen und Klienten stammen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak. »Allerdings ist unsere Zielgruppe nach Herkunft, Alter, Geschlecht sowie Art und Grad der Behinderung sehr heterogen«, sagt Marisa Fey. Ein Großteil der Anfragen werde nach wie vor über die EAEH an die KMB herangetragen, außerdem über den Landkreis, das Diakonische Werk und die Caritas.

»Angst vor Stigmatisierung«

Sich mit einer Behinderung zu arrangieren, ist für jeden, den es betrifft, und die Angehörigen eine Herausforderung. Mancher ihrer Klienten tue sich damit besonders schwer - »vor allem aus Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung«, weiß Munira Kaznawy. Wie ausgeprägt die Unsicherheit ist, variiere je nach Herkunftsland und hänge davon ab, wie dort bisher mit ihnen umgegangen worden sei. In der Regel mache sich dann aber schnell Erleichterung breit, wenn sie erfahren, »dass ihnen keine Nachteile drohen, nur weil sie einen Behindertenausweis haben«. Und dass eine gesetzliche Betreuung nicht bedeute, jemanden zu entmündigen.

Für gewöhnlich seien ihre Klienten überaus dankbar. Zwar müssten hin und wieder Niederlagen eingesteckt werden, weil beispielsweise eine vermeintlich begründete Pflegebedürftigkeit nicht anerkannt werde. »In vielen Fällen haben wir allerdings jede Menge erreichen können, sodass Betroffene und ihre Familien das bekommen haben, was ihnen zusteht«, freut sich Marisa Fey. Um das zu schaffen, sei es erforderlich, »gelegentlich ein bisschen Druck zu machen und konsequent an einer Sache dranzubleiben«. Mitunter sei es sogar mithilfe ärztlicher Bescheinigungen gelungen, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, die sonst wahrscheinlich nicht erteilt worden wäre. »Die medizinische Versorgung kann hier einfach besser garantiert werden, während in den Herkunftsländern die Bedingungen häufig nicht erfüllt wären, um, man muss es so deutlich sagen, überleben zu können.« Für die beiden Frauen sind solche Erfolgserlebnisse nicht nur das »schönste Feedback«, sondern definitiv eine Bestätigung, dass sie mit ihrer Devise goldrichtig liegen: »Jeder Aufwand lohnt sich.«

Kontakt: telefonisch unter 0641/9311294-30 oder per E-Mail an migration@lebenshilfe-giessen.de.

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