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Jeder lernt im eigenen Tempo

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Von: Benjamin Lemper

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Im Lernbüro hat jeder Schüler einen persönlichen und ruhigen Arbeitsplatz. Foto: Lemper © Lemper

Die Friedrich-Ebert-Schule in Gießen-Wieseck erprobt seit Sommer das neue Konzept des individualisierten Lernens. Die Schüler entscheiden selbst, wann sie welche Aufgaben machen.

Gießen. Am Anfang stand die Erkenntnis, »nur noch einen Teil der Schülerinnen und Schüler überhaupt zu erreichen«: Manche, vor allem die Mädchen, machen noch eifrig mit und es gibt stets einige Talente, »aber an vielen geht der Unterricht doch eher vorbei« oder sie fühlen sich bereits abgehängt. Die Friedrich-Ebert-Schule (FES) in Wieseck hat sich daher entschieden, seit diesem Sommer das neue Konzept des individualisierten, kompetenzorientierten Lernens zu erproben. Das heißt: Fünft- und im nächsten Schuljahr auch Sechstklässler lernen im eigenen Tempo, können je nach Interesse wählen, welche Aufgaben sie gerade erledigen möchten - und ob dafür Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit am geeignetsten erscheint. »Wir setzen auf stärkere Eigenverantwortung, sorgen damit aber nicht für Beliebigkeit«, betont die stellvertretende Schulleiterin Annegret Roggenkamp im Gespräch mit dem Anzeiger. Denn die Lernwege mögen zwar unterschiedlich sein, die Lernziele bleiben indes gleich.

Carlos Jesus Ovat ist sichtlich stolz auf das Kärtchen, das er an einer Schnur um seinen Hals trägt. »Das muss man sich nämlich verdienen«, erzählt der Elfjährige. Wer das geschafft hat, ist berechtigt, sich im Haus C der Kooperativen Gesamtschule jederzeit und überall frei zu bewegen, ebenso im Schulgarten, in der Bücherei oder auf dem Hof. »Wer Quatsch macht«, fügt er hinzu, dürfe das nicht. Auch die ein Jahr ältere Kristina Hartmann findet die größeren Freiheiten »toll«. Alles sei »nicht mehr so streng«, wodurch sie sich wiederum »viel besser konzentrieren« könne und »mehr Spaß am Unterricht« habe.

Von JLU begleitet

Schüler lassen sich längst nicht mehr »über einen Kamm scheren«, sagt Annegret Roggenkamp. Wenn alle »zur selben Zeit im selben Raum dieselben Aufgaben auf demselben Niveau lösen sollen«, führe das dazu, dass bei aller Differenzierung die Stärkeren nicht ausreichend gefordert würden und »wir diejenigen, die in einer großen Gruppe nicht gut mitkommen, verlieren«. Zumal bei einem höheren Migrationsanteil. Kolleginnen und Kollegen hätten sich deshalb hessenweit nach innovativen Ideen umgeschaut und seien an der Richtsberg-Gesamtschule Marburg und der Erich-Kästner-Schule in Darmstadt, die nun als Vorbilder dienen, fündig geworden. Und der Funke sei »schnell übergesprungen«.

Rasch habe sich ein »dynamisches und sehr motiviertes Team« gebildet, um in den Sommerferien Räume neu zu gestalten, spezielle Materialien zusammenzustellen und Unterrichtseinheiten zu konzipieren, berichtet Steffen Weber, Leiter der Förderstufe und des Hauptschulzweiges. Zurzeit gehören dem Jahrgang 5 circa 50 Schüler im Gymnasialzweig und in der Förderstufe an. Eltern erhalten regelmäßig Rückmeldungen, wie sich ihr Sohn oder ihre Tochter entwickelt. Die Akzeptanz sei bisher groß, ebenso der Rückhalt bei Schulträger und Staatlichem Schulamt. Wissenschaftlich begleitet wird die Umsetzung zudem vom Institut für Förderpädagogik und Inklusive Bildung der Justus-Liebig-Universität (JLU).

Eine wesentliche Säule ist die Lernzeit. In dieser Phase widmen sich die Schülerinnen und Schüler den Hauptfächern. Unterrichtet wird nicht mehr im Klassenverband, sondern im Lernbüro, wo jedes Kind einen persönlichen und ruhigen Arbeitsplatz besitzt und sich selbst aussuchen kann, wann es sich jeweils mit Mathe, Deutsch oder Englisch beschäftigt. Lehrkräfte sind für Fragen und Erklärungen immer anwesend und gewährleisten, »dass alle geforderten Inhalte in allen Schulfächern erlangt werden«, erläutert Klassenlehrer Christian Weller. Natürlich müsse jeder sein Pensum in einer bestimmten Zeit erreichen, bisweilen müsse dafür »sanfter Druck« ausgeübt werden. Aber das orientiere sich eben alles am jeweiligen Lernstand und Lerntyp. »Wer schnell ist, muss nicht warten, wer Zeit braucht, erhält Unterstützung.« Und wer mal eine Übung mit höherem Schwierigkeitsgrad ausprobieren wolle, habe auch die Chance dazu. »Das System ist durchlässiger und ermöglicht eine Rundumbetreuung«, ergänzt Annegret Roggenkamp. Davon profitierten letztlich nicht nur die Schwächeren, »das ist für alle von Vorteil«. Obendrein könnten Ausfälle von Lehrerinnen und Lehrern einfacher kompensiert werden.

In Fachräumen kann alleine, zu zweit oder in der Gruppe gearbeitet werden; sie sind zudem fachspezifisch ausgestattet: Im Englischraum hängen etwa Flaggen mit dem »Union Jack« und per Ghettoblaster können Englisch-CDs abgespielt werden, im Matheraum informieren Plakate über Teilbarkeitsregeln, Grundrechenarten oder geometrische Körper. Gruppenräume können die Schüler zusätzlich zum Austausch untereinander oder zum Frühstücken nutzen.

Noten gibt es nach wie vor, Klassenarbeiten werden allerdings - in Form von kurzen Zwischentests auf verschiedenen Niveaustufen - zu »Meilensteinen«, die auf den hessischen Lehrplänen basieren. Wenn ein Schüler einen solchen »Meilenstein« nicht bewältigen kann, hat er die Möglichkeit, zu wiederholen und sich mit zusätzlichem Übungsmaterial solange intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen, »bis es tatsächlich verstanden worden ist«, erläutert Steffen Weber. Eine 5 oder 6 ist damit ausgeschlossen, zugleich sei das Lernen jedoch effektiver. Das gelte auch für den praxisorientierten Projekttag, der neben dem kognitiven Lernen eine wichtige Rolle spiele. »Jeder weiß, dass durch Handeln, Erkunden, Beteiligtsein und Emotionen nachhaltiger gelernt werden kann«, verdeutlicht Annegret Roggenkamp. Dem solle dienstags mit dem fächerübergreifenden Projektunterricht Rechnung getragen werden.

Praxisorientiert

Abgedeckt werden die Schwerpunkte »Unsere Natur und Umwelt«, »FES in Gießen-Wieseck«, »Streetstyle und Jugendkultur« sowie »Anstrengen und entspannen«. Bewegungs-, Sport- und Musikangebote werden hier integriert und außerschulische Lernorte einbezogen. So behandelten die Fünftklässler beispielsweise die Frage, wo unsere Lebensmittel herkommen und besuchten die Mühle in Großen-Buseck. Aus dem dort gewonnenen Mehl entstanden dann in der Mensa selbstgemachte Burger-Brötchen. Danach wurde das Fleisch gemeinsam zubereitet und es gab für alle Burger vom Grill. Auch Saft haben die Mädchen und Jungs aus selbst gepflückten und zerstückelten Äpfeln schon hergestellt. »Auf diese Weise findet immer sehr viel Wissensvermittlung statt«, sagt die stellvertretende Schulleiterin. Und Christian Weller fügt hinzu: »Wir können entweder anhand von Bildern den Unterschied zwischen Laub- und Nadelbaum erklären. Oder wir gehen mit einem Förster in den Wald, fassen die Blätter an und beobachten, was da so kreucht und fleucht.«

Apropos Mensa: Da die Kinder überwiegend bis 14.30 Uhr in der Schule verbringen, sei als Ritual in den Tagesrhythmus eingebaut worden, in der Mittagspause zusammen zu essen. Mit dem neuen Caterer »Schmegge lasse!« um Janis Lemler und Matthias Walch sei ein qualitativer »Quantensprung« erfolgt, freut sich Roggenkamp. Dem engagierten Duo ist es mit seinem Team gelungen, »sich das Vertrauen der Kinder zu erkochen« - vielleicht auch, weil sie sich bemühen, mithilfe einer Wunschbox deren Geschmäcker zu berücksichtigen. Gleichzeitig haben sich Walch und Lemler vorgenommen, den Bioanteil zu erhöhen, mehr saisonale Lebensmittel zu verwenden, viele Produkte von regionalen Anbietern zu beziehen und dadurch Lieferwege zu verkürzen. Um über gesunde Ernährung aufzuklären, werden sie darüber hinaus aktiv in die Unterrichtsgestaltung eingebunden.

Perspektivisch werde sich zeigen müssen, welche Elemente aus dem neuen Konzept in den höheren Jahrgängen weitergeführt werden können, sagt Annegret Roggenkamp. Ein Zurück »ausschließlich zu den klassischen Unterrichtsformen« sei aber nicht beabsichtigt.

Die FES stellt sich den Eltern jetziger Viertklässler am Dienstag, 22. November, ab 19 Uhr bei einem Infoabend in der Mensa vor.

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