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Jeder soll Verantwortung tragen

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GIESSEN - (ebp). Freitagnachmittag. In den Räumen der Jüdischen Gemeinde liegt Essensgeruch in der Luft. Gerade wird gekocht, die letzten Vorbereitungen laufen. Viel Zeit bleibt nicht mehr, denn ab Sonnenuntergang wird das jüdische Leben für 25 Stunden nahezu still stehen - Jom Kippur beginnt.

"Jom Kippur ist der wichtigste jüdische Feiertag" weiß Dow Aviv, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Gießen. Er wird stets am zehnten Tag nach dem zweitägigen Neujahrsfest Rosch Haschana gefeiert und auch "Versöhnungstag" genannt. Denn in den "zehn Tagen der Umkehr", die zwischen beiden Festen liegen, beten die Gläubigen und bitten für ihre Sünden um Vergebung - und zwar ausnahmslos. "Ob ich gesündigt habe oder nicht, das kann ich nicht wissen", sagt Aviv. Gott wolle, dass jeder Verantwortung trage und sowohl für die eigenen, als auch die Sünden der anderen um Vergebung bitte.

Ein wichtiges Symbol während dieser Zeit der Vergebung ist das "Schofar", ein Widderhorn, in das hinein geblasen wird. Der dabei entstehende Ton sei einerseits eine "Aufforderung an die Menschen, Reue zu zeigen und um Vergebung zu bitten" so Aviv. Man glaube jedoch auch daran, dass sich durch den Klang des Horns die Tore des Himmels öffneten und Gott auf seinem Thron die Gebete erhöre.

Ebenfalls zu Jom Kippur gehört das Fasten. 25 Stunden lang, von kurz vor Sonnenuntergang am ersten Tag, bis zum Sonnenuntergang am Folgetag, wird gänzlich auf Essen und Trinken verzichtet. Die gemeinsame letzte Mahlzeit vor dem Fastenbeginn sei daher auch eher leicht, damit sie nicht lange im Magen liege. Auch auf Salz und Gewürze werde verzichtet, damit der Durst nicht zu groß wird, erklärt Aviv.

In diesem Jahr fällt Jom Kippur auf einen Sabbat, den jüdischen Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet wird. Doch auch sonst kehrt an Jom Kippur Ruhe ein. "An diesem Tag arbeitet niemand in Israel", sagt der Gemeindevorsitzende. Ausnahmen gebe es nur für Notfälle, zum Beispiel bei der Feuerwehr oder im Krankenhaus. Auch das Militär bleibt einsatzbereit, nachdem Ägypten und Syrien die Ruhe des Feiertags genutzt hatten, um 1973 einen Angriff zu starten, mit dem der Jom-Kippur-Krieg begann. Und während in Israel an diesem Tag auch alle Geschäfte und Restaurants geschlossen bleiben, können Juden in Deutschland für die hohen Feiertage Urlaub beantragen.

Rund 30 Gläubige wurden am Samstag in der Synagoge im Burggraben erwartet. Insgesamt umfasse die Jüdische Gemeinde in Gießen rund 370 Mitglieder. "Es werden jedoch von Jahr zu Jahr weniger", bedauert Aviv. Denn viele Juden in der Stadt seien bereits weit über 70 Jahre alt. Wer den Weg in die Synagoge gefunden hat, bleibt an Jom Kippur auch fast den ganzen Tag dort - denn so lange dauert der Gottesdienst an diesem besonderen Tag. Während Rosch Haschana und Jom Kippur ist das Gotteshaus weiß geschmückt, auch der Rabbiner kleidet sich von Kopf bis Fuß in weiß und symbolisiert so Reinheit.

"Wenn der Tag vorüber ist, wird traditionell ein Abschlussgebet für Jom Kippur gesprochen" erklärt Aviv. Dann ist auch das Fasten vorbei. Von der Synagoge geht es in den angrenzenden Gemeindesaal, wo gemeinsam gespeist wird. Dann darf das Essen übrigens ordentlich gewürzt sein - damit die Gläubigen nach einem ganzen Tag ohne Flüssigkeit genug trinken.

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