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Jeder weitere Tag ist ein Geschenk

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Geschenkte Lebenszeit: Empfänger von Spenderorganen machten auf dem Kirchplatz auf die Bedeutung einer Entscheidung für oder gegen eine Organspende aufmerksam. Foto: Leyendecker © Leyendecker

»Radtour für Organspende« feiert in Gießen Premiere - und will aufklären und für das Thema sensibilisieren

Gießen . Organspende ist ein in der Gesellschaft kontrovers diskutiertes Thema. Niemand redet gerne über den eigenen Tod und nicht jeder macht sich darüber Gedanken, was mit den eigenen Organen nach dem Ableben geschehen soll. Dem Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) und mehreren Selbsthilfegruppen ist das Thema ein großes Anliegen. Aufklären sollte die »Radtour für Organspende«, die am Samstag von Gießen nach Lich und zurück radelte.

Über Watzenborn-Steinberg, Grüningen und Dorf-Güll ging es nach Lich, wo Bürgermeister Dr. Julien Neubert die Radler am Rathaus begrüßte. Auf dem Rückweg über Garbenteich, Hausen und das Schiffenberger Tal steuerten die rund 160 Teilnehmer dann den Kirchplatz an. Dort hatten Selbsthilfegruppe Informationsstände aufgebaut. Es sei wichtig, sich zumindest einmal im Leben mit dieser Thematik auseinanderzusetzen und bei positiver Entscheidung zur Organspende auch einen entsprechenden Ausweis bei sich zu tragen oder die Entscheidung mit den Angehörigen zu besprechen, unterstrichen die Anwesenden.

OP vor 18 Jahren

Eine von ihnen ist Aliye Inceöz. Sie ist Teil des Bundesverbands der Organtransplantierten (bdo) und wäre ohne den Eingriff nicht mehr am Leben. »Vor 18 Jahren habe ich ein neues Herz bekommen. Jeder Tag zählt, ich habe ein halbes Jahr gewartet«, erzählt Inceöz. Jeden weiteren Tag empfinde sie als Geschenk. »Mir wurden 18 weitere Jahre bisher geschenkt. Ich empfand nach der Operation unendliche Dankbarkeit und unendliche Liebe, obwohl ich nie erfahren werde, wer mir das Herz gespendet hat.«

Die Anonymität der Spender sorgt dafür, dass der Empfänger kaum Möglichkeiten hat, zu erfahren, wer Organ oder Gewebe gespendet hat. Ziel der Organisationen wie dem bdo ist es, Menschen zu informieren und ihnen die Angst zu nehmen. Eine Angst, die oft unbegründet ist. »Wir wollen Leute wachrütteln und wir wollen Menschen sensibel machen. Man muss wissen, wie Angehörige im Ernstfall entscheiden, bevor man sich die Frage stellt: Habe ich richtig entschieden?«. Am Infostand auf dem Kirchplatz informierten weitere Vereine über das Thema, etwa der Verein »Selbsthilfe Niere Mittelhessen«, der Verein »Kinderherzen heilen« oder der Verein »PKD Familiäre Zystennieren«.

Zudem waren auch Studierende der Medizinischen Fakultät der Justus-Liebig-Universität Gießen anwesend. Die Arbeitsgemeinschaft »Aufklärung Organspende Gießen« richtete sich in ihrer Anfangszeit an ein jüngeres Publikum, wie Vincent Hußlein und Luisa Gersmann schilderten. »Wir sind neutral und unabhängig, was die Aufklärung angeht. Die Grundidee waren Schulbesuche, um mit Vorträgen und Workshops auf das Thema aufmerksam zu machen. Wir wollen niemanden überreden, sondern liefern fundierte Informationen für solide Entscheidungen«, sagte Hußlein. Gersmann ergänzte, dass die Resonanz an den Schulen sehr positiv sei. »Das ist dann eben ein anderer Zugang als mit einem Lehrer. Die Schüler fragen ohne Hemmungen.«

»So eine Radtour haben wir noch nicht gemacht, das ist eine Premiere in dieser Form. Wir haben 160 Teilnehmer und über 30 Transplantierte, die an der Radtour teilgenommen haben«, sagte UKGM-Pressesprecher Frank Steibli.

»Hier fahren einige und nicht wenige mit, die nur teilnehmen können, weil sie eine Organspende und damit Lebenszeit und zusätzliche Lebensqualität bekommen haben. Das ist das, was am deutlichsten bei der Radtour hervortreten kann und was auch die Botschaft an alle ist«, sagte Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher.

Sensibles Thema

Organspende sei auch »ein sehr sensibles Thema. Die Bundestagsdebatte 2020 hat das sehr deutlich gemacht. Die meisten Organe stammen von Spenderinnen und Spendern, die ihr Leben verloren haben. Sie haben noch im Tod mit der Spende das Leben der Empfängerinnen und Empfänger gerettet und ihnen Lebensqualität geschenkt«, betonte der Oberbürgermeister und appellierte, sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen.

»Ich weiß, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Spendenbereitschaft vielen auch nicht leicht fällt. Man muss sich bei dieser Frage auch mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen. Das ist ein Teil davon. Informieren Sie sich! Fragen Sie Ihren Hausarzt oder Ihre Hausärztin. Wo es nötig ist: Sprechen Sie mit Ihrem Pfarrer, mit Ihrem Rabbi, mit Ihrem Imam. Alles was Ihnen hilft, an dieser Stelle zu einer Klärung zu kommen«, betonte der frühere Pfarrer.

Eine Entscheidung in dieser Angelegenheit falle nicht leicht, sei aber notwendig. »Sehen Sie zu, dass Sie frühzeitig eine Entscheidung treffen in dieser Frage. Sehen Sie zu, dass Sie mit dem persönlichen Kreis darüber sprechen«.

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