Johannes Winter liest in Gießen aus "Die verlorene Liebe der Ilse Stein"
GIESSEN - (hh). Die Mordaktion war selbst für Heinrich Himmler nur schwer zu ertragen. Wenngleich sich der Reichsführer-SS überzeugt zeigte: "Wenn wir das nicht machen, würden die das mit uns machen." Dennoch ließen ihn die Massenerschießungen nicht ruhen. Nach seiner Reise nach Minsk erteilte er nämlich den Auftrag, andere Tötungsverfahren zu suchen.
Allerdings nicht, um die Opfer, sondern "seine Männer" zu schonen. Eine Inspektionsreise führte Adolf Eichmann ebenfalls nach Weißrussland. Dabei sind sogar dem "Organisator der Endlösung" beim bestialischen Treiben der Deutschen am Vernichtungsort Malyj Trostenez "die Knie abgewankt und ich bin weg". Auf dem landwirtschaftlichen Betrieb vor den Toren der Hauptstadt wurde schließlich auch Willi Schulz bewusst, dass "er einer Mordfabrik zuarbeitete, damit sie reibungslos funktionierte".
Der Verwaltungsbeamte "in Diensten der Wehrmacht" hatte als "Judenaufseher" auffällig engen Kontakt zur "Führerin der Heizungskolonne" im Minsker Ghetto gepflegt. Und Ilse Stein vor allem immer wieder Essen zugesteckt. Um sich "zu bewähren" war der Anfang 40-Jährige deshalb auf die einstige Kolchose versetzt worden. Nach seiner Rückkehr "war er davon besessen, wenigstens einen Menschen zu retten". Von der dramatischen Flucht des Paares gemeinsam mit Ilses Schwestern Lilli und Lisa sowie einer Gruppe einheimischer Juden zu den Partisanen berichtet Johannes Winter in "Die verlorene Liebe der Ilse Stein. Deportation, Ghetto, Rettung". Im Rahmenprogramm der Wanderausstellung "Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung" in der Kongresshalle liest der Journalist und Mitbegründer der "taz" nun auf Einladung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität (JLU) und des Literarischen Zentrums Gießens (LZG) aus seiner "literarischen Reportage" aus dem Jahr 2007.
"Per Zufall" hat Johannes Winter bei einer anderen Recherche in Nidda vom Schicksal der jüdischen Familie Stein erfahren: "Eine Frau gab mir einen Brief, den sie in ihre frühere Heimat geschickt hatte." In dem kleinen Örtchen Geiß-Nidda war Ilse gemeinsam mit den Schwestern aufgewachsen. Doch ein "kollektiver Gewaltrausch" und die Gier, von der die ganze Dorfgemeinschaft ergriffen worden war, hatten die Steins bereits 1939 nach Frankfurt vertrieben. Und von war dort Ilse im eiskalten November 1941 nach Weissrussland deportiert worden. Mit den Eltern sowie den beiden Schwestern Lilli und Lisa kam sie nach drei Tagen und Nächten im Viehwaggon im Minsker Ghetto an. Um Platz für den Transport aus Deutschland zu schaffen, hatte die SS gerade "achttausend Russenjuden umgelegt". Dorthin war aus Dresden auch der Reserveoffizier Willi Schulz abkommandiert worden, um in der Verwaltung seinen Dienst zu versehen. Johannes Winter vermutet, dass der ältere Mann zunächst wohl eher eine väterliche Beziehung zu der 17-jährigen aufgebaut hat. Irgendwann muss daraus aber mehr geworden sein, denn auf der Flucht wurde Ilse schwanger. Das Kind verlor sie ebenso wie ihren Retter und die Eltern.
"Rettungswiderstand"
"Ich habe Ilse Stein rund 1000 Kilometer südlich von Moskau in der Nähe der Krim ausfindig gemacht", schildert der Autor. Und sogleich hat er sich auf Spurensuche begeben, um diese ungewöhnliche und tieftraurige Geschichte dem Vergessen zu entreißen. Durch seine Mitarbeit an einem Forschungsprojekt zu Angehörigen der Wehrmacht, die während des Zweiten Weltkrieges "innerlich die Seite gewechselt haben", war ihm bekannt: Von rund 17 Millionen deutschen Soldaten haben sich nur etwa 100 Männer gegen Vernichtungskrieg sowie Massenmord und für "Rettungswiderstand" entschieden. "Sie haben Moral und Mitleid entdeckt und nicht weggesehen." Mit nüchternen Worten beschreibt der Autor die brutale Gewalt an den jüdischen Männern, Frauen und Kindern und macht damit umso eindringlicher die Hoffnung der Geflüchteten auf ein glückliches Leben nach dem Krieg.
Durch Gespräche mit Ilse Stein, die ihre Heimat in der Wetterau später mehrfach besucht hat, Recherchen in Archiven sowie das Studium der Sekundärliteratur hat Johannes Winter das Schicksal des liebenden Paares rekonstruiert. Und geplant hatte er mit Ilse Stein, auch von ihrer zweiten Deportation nach Sibirien zu erzählen. "Wir hatten die Idee, gemeinsam an diesen Ort zu fahren." Und die knapp 70-Jährige habe davon geträumt, ganz nach Deutschland zurückzukehren. 1993 aber ist sie "an einer lächerlichen Gallensteinoperation gestorben".
Der Besuch von Heinrich Himmler im Wald bei Malyj Trostenez im August 1941 hatte offenbar tatsächlich Folgen für den weiteren Verlauf der Judenvernichtung. Denn um seinen Männern eine "größere physische Distanz" zu den Opfern zu ermöglichen, galt schon bald Giftgas als das von den Nationalsozialisten bevorzugte Tötungsmittel. Foto: Helwig
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Johannes Winter: Die verlorene Liebe der Ilse Stein. Deportation, Ghetto, Rettung. Frankfurt: Brandes&Apsel Verlag 2007, 152 Seiten, 14,90 Euro.
Die dramatische Geschichte von Ilse Stein und Willi Schulz erzählt auch der Dokumentarfilm "Die Jüdin und der Hauptmann"von Ulf von Mechow der am Dienstag, 8. Januar, um 19.30 Uhr im Margarete-Bieber-Saal in der Ludwigstraße 34 gezeigt wird.

