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Joseph Beuys würde vielleicht den Hut ziehen

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Ist das Kunst oder kann das weg? Foto: Dittrich © Dittrich

Die Unterführung zur Ebelstraße in Gießen wird zur wöchentlich wechselnden Wanderausstellung. Jedenfalls toben sich dort regelmäßig Entrümpelungskünstler aus.

Gießen . Ein Wunderwerk menschlicher Ignoranz, gepaart mit einem vehementen Entsorgungswillen, der gleichzeitig aber auch grandiose Faulheit in sich trägt - genau danach sieht es in der Unterführung der verlängerten Ebelstraße aus. Wer jeden Tag durchkommt, macht was mit. Frei nach dem Motto »Ist das Kunst oder kann das weg?« ist die Fläche unter der Bahntrasse mittlerweile zur Wanderausstellung mutiert. Mit wöchentlich wechselndem Interieur. Da es die Verschrottungs- und Entrümpelungskünstler allerdings immer eilig haben, denn ihr Werk ist ja im Grunde illegal oder zumindest in einer Grauzone unserer Zewa-wisch-und Wegwerfgesellschaft angesiedelt, sind die Gebrauchs- als Kunstgegenstände eher salopp verstreut als bewusst angeordnet. Joseph Beuys, der von sich behauptete, mit dem Knie zu denken, aber auch jeden Menschen für einen Künstler hielt, was für ein Trugschluss!, würde möglicherweise den Hut ziehen vor den unfreiwilligen Installationen. Konkret: In der gerade zu Ende gegangenen Woche standen dort vier Schaumstoffmatratzen ohne Bezug, ein kleines Schränkchen, ein auseinander klamüsertes Bettgestell sehr alter Machart, eine Tischplatte ohne Beine, ein Board, auf dem man normalerweise Fernseher und andere medialen Gerätschaften abstellt und ein spuckehässlicher CD-Player (fliederfarbenes schweinchenrosa).

Ob das alles einem Haushalt entstammt, ist fraglich. Ebenso, wie die Tatsache, dass die Entsorgung eigentlich nur zwischen circa 2 und 4 Uhr möglich ist, denn die Unterführung ist ein klassischer Ort Gießens, an dem auch zu später Stunde (gerade an Hitzetagen) Schnapsdrosseln aller Art durchzwitschern. Die kurze Verbindung zwischen Stadt und Südviertel spricht für diese These. Und auch, dass schräg gegenüber mit dem »Klimbim« ein bis in die Puppen bezapftes Bierhaus liegt. Die Unterführung ist nicht so unbeobachtet, wie es den Anschein hat. Denn erst wenn der letzte Zapfhahn versiegt und die Kneipentüren im Riegelpfad von innen verschlossen sind, taumelt keiner mehr durch, der die Entsorgung stören könnte. Und die Übeltäter können auch nur Gießener sein, die diesen Ort kennen und kurze Wege haben, denn viel einfacher, als in der Innenstadt vier Matratzen loszuwerden, ist es ja, sie in einem in der Nacht verwaisten Industriegebiet in die Ecke zu schmeißen. Alles nicht zur Nachahmung empfohlen, für was gibt es schließlich den Wertstoffhof? Und wenn es doch ein Künstler ist, der uns darauf hinweisen will, dass unser Konsumentenleben einfach nur Müll ist? Wir bleiben dran. Und sind gespannt auf die Möblierung in den nächsten Wochen.

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