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Journalist im Visier rechter Gruppierungen

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gihoch_gefangeneswort_ov_06 © Red

Alfred Denzinger steht wegen seiner Nachrichten-Plattform beobachternews.de auf den schwarzen Listen von Neonazis. Von der Polizei fühlt er sich nicht ausreichend geschützt.

Gießen (red). Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht - und dennoch wird dieses Recht noch immer in vielen Teilen der Welt unterdrückt. Hervorgegangen aus einer studentischen Initiative, hat es sich der Gießener Verein »Gefangenes Wort« zur Aufgabe gemacht, auf die Gefährdung der Meinungs- und Pressefreiheit aufmerksam zu machen. Seit der Gründung im Jahr 2012 stellen Studierende und Alumni der Justus-Liebig-Universität (JLU) einmal im Monat im Gießener Anzeiger ein Schicksal zensierter, bedrohter, inhaftierter und ermordeter Journalisten und Schriftsteller vor. Diesmal berichtet Daniel Schneider über Alfred Denzinger, der die Nachrichten-Plattform beobachternews.de betreibt.

Darüber, dass die größte Gefahr für die innerdeutsche Sicherheit von rechtsradikalem Terror ausgeht, scheint zumindest in der neuen Bundesregierung weitgehender Konsens zu bestehen. Rund 20 000 Menschen - darunter zahlreiche Politiker und Journalisten, aber auch Wissenschaftler und Lehrer - stehen Schätzungen zufolge auf den schwarzen Listen, die unter Neonazis kursieren. Diese Menschen erhalten regelmäßig Beschimpfungen und Bedrohungen. Darunter leider immer wieder Morddrohungen, die im schlimmsten Fall - wie beim Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke - auch in die Tat umgesetzt werden.

Auf solchen Listen findet sich auch häufig der Name Alfred Denzinger. Einst erfolgreicher Versicherungsmakler, tauschte Denzinger seinen Porsche vor einigen Jahren gegen einen VW-Bus ein und gründete im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis die Nachrichten-Plattform beobachternews.de. Das größte Interesse dieses Mediums, das mittlerweile aus fünf Redakteuren besteht, liegt in der Aufdeckung von rechtsradikalen Strukturen in der deutschen Gesellschaft sowie deren Verbindungen zu Teilen der Polizei. Diese treten Denzinger zufolge zuweilen bei Nazi-Aufmärschen zum Vorschein, wenn Polizisten Medienvertreter - angeblich zur eigenen Sicherheit - von einer ausführlicheren Berichterstattung abraten.

Mehrfach geriet Denzinger deswegen ins Visier rechter Gruppen: Diese zerstachen seine Autoreifen, sprühten Parolen wie »Denzinger jagen« an Mauern in der Umgebung seines Hauses und verbreiteten Fotos von Denzinger mit seinem Sohn im Netz - häufig verbunden mit Lügen wie derjenigen, Denzinger würde gezielt AfD-Mitglieder fotografieren und bei deren Arbeitgeber melden. Nachdem er mehrfach zur Zielschreibe rechter Beleidigungen, Bedrohungen und Shitstorms - etwa 2020, angestachelt durch die damaligen AfD-Mitglieder Stefan Räpple, bis 2021 Mitglied des baden-württembergischen Landtags, und Dubravko Mandic - geworden war, erstattete er Strafanzeigen gegen etwa 320 Hetzer. Denzinger berichtet, dass die Polizei lange kaum tätig wurde.

Stattdessen habe es gar eine polizeiinterne Datensammlung gegeben, die ihn mit erfundenen Vorwürfen wie Sachbeschädigung, Widerstand gegen Vollzugsbeamte und gefährliche Körperverletzung belasten sollte.

130 Verfahren angestrengt

Erst als zunehmende mediale Aufmerksamkeit, etwa durch den SWR, den Druck erhöhte, verfolgten Polizei und Staatsanwaltschaft Denzingers Anzeigen mit größerem Antrieb, wenngleich viele der eingeleiteten Strafverfahren aufgrund eines angeblich zu geringen öffentlichen Interesses eingestellt wurden. Die Polizei in Aalen hält dagegen, man habe Denzingers Bedrohungslage »von Anfang an ernstgenommen« und mit ihm über Schutzmaßnahmen gesprochen. Denzinger verfolgt nun viele der Fälle zivilrechtlich weiter, wenngleich diese Bemühungen enorm viel Zeit und Energie des Journalisten einfordern. Momentan laufen noch etwa 130 Verfahren.

Denzinger betont immer wieder, dass er allen Attacken standhalten und weiterhin vom Recht auf Pressefreiheit Gebrauch machen wird: »Ich werde mich durch nichts und niemanden einschüchtern lassen, weder durch Neonazis noch durch Polizeirepressionen«, sagte er bei einer Solidaritätskundgebung 2018. »Jeder Angriff auf meine Kolleginnen und Kollegen, jeder Angriff auf mich oder mein Eigentum wird nur eins zur Folge haben: Ich werde noch überzeugter meiner Arbeit nachgehen.«

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