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Jüdisches Leben in Gießen

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Dagmar Klein mit einem der Gießener Köpfe Ludwig Börne. © Gießen Marketing GmbH

Auf 40 Seiten in die Geschichte eintauchen: Kunst- und Stadthistorikerin Dagmar Klein verfasst Broschüre über »Jüdisches Leben in Gießen«. Sie ist bei der Tourist-Info kostenlos erhältlich.

Gießen (red). Seit 1700 Jahren ist jüdisches Leben in Deutschland nachweisbar. Dieses Jubiläum wurde bundesweit im vergangenen Jahr gefeiert. Auch die heimische Stadtgeschichte ist untrennbar mit den Schicksalen jüdischer Gießenerinnen und Gießener verbunden. Kunst- und Stadthistorikerin Dagmar Klein begibt sich hier schon seit vielen Jahren auf Spurensuche jüdischen Lebens. Seit einem studentisch organisierten Seminar mit Dr. Friedhelm Häring, dem ehemaligen Leiter des Oberhessischen Museums, beschäftigt sie sich mit der Gießener Stadtgeschichte und ist Gästeführerin der ersten Stunde. Vor 30 Jahren berichtete sie erstmals als Tour-Guide im Auftrag des Stadtmarketings über das historische Gießen. Seit 18 Jahren bietet sie eine Führung zum Thema »Jüdisches Leben in Gießen« an. Nun hat Dagmar Klein ihre Recherchen und Erkenntnisse in einer Broschüre zusammengefasst. In einem Interview mit der Gießen Marketing GmbH sprach Dagmar Klein über diesen »wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur«.

Sie bieten seit 2004 eine Führung zu den historischen Spuren jüdischen Lebens in Gießen an, die praktisch als Grundlage der neuen Broschüre dient. Wie kam es bei Ihnen zu dem starken Interesse an diesem geschichtlichen Kontext?

Ich wende mich diversen Lücken in der Stadtgeschichtsschreibung zu und erarbeite Führungen dazu. Wichtig ist mir hier auch die Führung »Frauen in Gießen«. Das jüdische Leben erschien uns, dem damaligen Kollegen Peter Schlagetter und mir, als zu wenig bekannt in der Öffentlichkeit. Daher haben wir einen thematischen Rundgang erarbeitet, den ich im Laufe der Jahre erweitert habe, vor allem um die Friedhöfe.

Was gab letztlich den Anstoß für die Broschüre?

Die erste Broschüre habe ich den Frauenorten gewidmet. Diese ist 2010 erschienen. Von Anfang an war auch geplant, weitere Themenhefte folgen zu lassen. Zu den jüdischen Orten habe ich dann 2013 die erste Textversion erstellt, doch andere Stadtereignisse wie das Büchner-Jahr und die Landesgartenschau hatten Vorrang. Nun hat das bundesweite Jubiläumsjahr im vergangenen Jahr den wirksamen Anstoß für die Publikation gegeben. Dazu kommt, dass sich die Aufmerksamkeit in den Medien zuletzt verstärkt dem Thema Ausgrenzung und Verfolgung zuwendet. Mir persönlich ist es aber immer wichtig, den Blick auf den Alltag und die Normalität zu richten, nicht nur auf den Ausnahmezustand: Wie haben die Menschen in und mit ihrer Familie gelebt? Welche Möglichkeiten hatten sie, am gesellschaftlichen Wandel teilzuhaben? Davon waren Frauen und Juden lange Zeit ausgeschlossen.

Wie erleben Sie als Historikerin den Umgang der Stadt mit dem jüdischen Vermächtnis, Stichwort Erinnerungskultur? Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem Thema um?

Es gibt Gedenktage, die mit großer Ernsthaftigkeit gewürdigt und von verschiedenen Gruppen initiiert und begleitet werden. Es gibt beispielsweise schulische Projekte mit Führungen als Fortbildung für Lehrkräfte oder auch das Projekt »Stolpersteine-Gedenken«, das die Stadt Gießen von Anfang an unterstützt hat.

Wie viel Arbeit steckt in der Broschüre?

Oh, wir sprechen hier von jahrelanger Forschungsarbeit. Das lässt sich eigentlich nicht beziffern.

Was waren die größten Hindernisse bei der Quellenrecherche?

Es gibt nicht viele Quellen. Man muss immer wieder einen anderen Blickwinkel einnehmen und auch in privaten Quellen suchen. Das ist von der eigenen Wachsamkeit und von Zufällen abhängig. Das gilt aber für alle Bereiche des historischen Forschens.

Inwiefern ist die Stadtgeschichte Gießens von jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern beeinflusst worden? Gab es prägende Ereignisse, Erfindungen, Forschungen oder politisches Engagement?

Vor allem in der Phase um 1900, im Zuge des industriellen Aufschwungs und Wachsens der Stadt. Sie waren beteiligt in allen Bereichen, besonders stark in Handel und Bildung, was aus den jüdischen Traditionen herrührt.

Welche Töchter und Söhne der Stadt sind hier zu nennen?

Zu nennen sind hier Rabbiner Benedict Levi und sein Sohn Hermann Levi, der Komponist und Dirigent wurde. Siegmund Heichelheim war ein großer Mäzen und in der Stadtpolitik engagiert, Henriette Fürth spielte eine wichtige Rolle in der Frauenbewegung und Dr. Margarete Bieber war die erste Professorin der Universität Gießen. In der jüngeren Geschichte sind das Ehepaar Dr. Jakob und Thea Altaras zu nennen, die bedeutend für die Gründungszeit der neuen jüdischen Gemeinde sind. Und es gibt noch viele mehr… Dafür sollte man die Broschüre lesen!

Die kostenlose Broschüre »Jüdische Orte in Gießen - Geschichte und Gedenkorte in Gießen« ist ab sofort in der Tourist-Information in der Schulstraße 4 erhältlich.

Noch bis zum 20. März ist im Oberhessischen Museum (Altes Schloss) die bundesweit laufende Wanderausstellung »1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland« zu sehen.

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